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Energiesystemwende

(Keine) Innovationsfähigkeit der Konzerne

VW zeigt, warum Konzerne Innovationen lieber ausbremsen, als diese zu fördern, und warum Akteursvielfalt alternativlos ist.

Inhaltsverzeichnis

Paul Grunow

Die Energiewende bringt es mit sich, dass stetig neue Technologien und Anwendungen in den Markt dringen müssen. Ohne Innovationen hingegen gibt es keine Energiewende. Dann bleibt alles beim Alten. Wer aber treibt diese Entwicklung? Welche Firmen sind in der Lage, die Innovationen hervorzubringen und in die Umsetzung zu bringen? Und was bedeutet das für innovationsfreudige regulatorische Rahmenbedingungen, die von der Politik geschaffen werden müssen? VW liefert eine hier wichtige Antwort: Etablierte Konzerne erweisen sich oft als unfähig, mit den Veränderungen Schritt zu halten. Im Gegenteil: Sie blockieren Innovation.

Nationale Champions prägen die Wirtschaftspolitik

Wirtschaftspolitiker spielen gerne in der Welt der nationalen Champions. Die Konzentration von Kapital und Marktmacht erzeugt bei einem klassischen Wirtschaftsminister – egal ob wirtschaftsliberal oder sozialistisch – epische Gefühle. Unter vielen Volkswirten der alten Schule sieht es nicht anders aus. Wirtschaftspolitik wird gerne für oder gegen Schwergewichte gemacht. Und ohne Zweifel haben sie mehr Chancen bei der Vergabe von öffentlich geförderten Forschungsprojekten. Im Ministerium, wie in der Konzernzentrale, wird Zentralität und Größe dabei aufgrund der vermeintlich höheren Effizienz gerne als Erfolgsrezept gewertet. Aber stimmt das? Sind diese Big Player heute so innovativ, wie sie es in ihren jungen Jahren möglicherweise mal waren?

Volkswagens Verkehrswende-Versagen

Nehmen wir das Beispiel Volkswagen. VW ist ohne Zweifel ein nationaler Champion. Aber seit 2009 hat sich in zehn Jahren Elektromobilität nichts getan. Man kann nicht mal dafürhalten, dass wenigstens eine der VW-Marken sich aufgemacht hätte. Diese Firma ist vielmehr weder in der Lage, einen Trend zu setzen, noch ihn zu erkennen.

1-Liter-Auto

Blicken wir zurück: Mit hämischer Freude wurde das 1-Liter-Auto 2002 direkt ins Museum gefahren. Fünf Jahre später, im Jahr 2007, wurde in arbeitsteiliger Ignoranz zwischen Vertrieb und Entwicklung eine Betrugs-Software erbrütet, die schließlich erst durch ein kleines amerikanisches Prüfinstitut aufgedeckt wurde und nicht nur einen Schaden bei VW, sondern auch volkswirtschaftlich Imageschaden bedeutet. Die ausbleibende Aufklärung in der Schuldfrage lässt eine kollektive Verteilung der Verantwortung über die ganze Firma immer wahrscheinlicher werden – in Form eines Herrenwitzchens über die naive Hysterie außerhalb der eigenen Feste.

Es folgte eine hastige Kurskorrektur in Richtung Batterieauto. Geprügelt, aber nicht verstanden. Mit Milliardenstrafzahlungen erzwungen. Innovation kommt von innen, meint man, bei VW nur als Zwang von außen.

Verbrennungsmotor mit 100jähriger Erfolgsgeschichte

Der heutige Verbrennungsmotor ist ein Wunderwerk seiner 100jährigen Erfolgsgeschichte. Und nicht nur bei VW ist er als Lebensthema in den Köpfen der leitenden Angestellten. Aber was macht eine Firma, deren Geschäftsmodell auf Erfolgen von gestern basiert? Sie verteidigt diese bis zum eigenen Untergang, ähnlich wie eine Religion oder nationale Identität. Gerade weil es eine Geschichte von gestern ist, und vermeintlich auf ewig wahr.

Innovation ja, aber unter Erhalt des einen Mythos, je dreckiger und lauter desto wahrer und schöner. Und schließlich findet Innovation gar nicht mehr statt. Ein und derselbe Verbrennungsmotor wird allen Marken als Kostensenkungsmaßnahme gleichsam verordnet. Und alle Förder-Milliarden für innovative Antriebe waren umsonst oder werden jetzt noch einmal abgerufen. Die Übernahme eines E-Mobility-Start-ups wäre vermutlich auch volkswirtschaftlich günstiger, um die vertane Zeit zu kompensieren.

Start-ups: Innovation als Überlebensfrage

Also zu den Start-ups: Ein Start-up ist möglicherweise ein Witz, der mit einem kleinen Puff vergeht, wenn er nicht verfängt. Aber einer, der dabei Menschen hervorbringt, die eine einzigartige berufliche Entwicklung durchlaufen. Zumindest für eine kurze Zeit ist Innovation oder schnelle Adaption deren einzige Existenzberechtigung. Und gegebenenfalls kann dabei geschicktes Marketing auch der technologisch schwächeren Lösung zum Erfolg verhelfen. Aber es gibt im Start-up zumindest keine Limitierung durch den Portfoliomanager eines Konzerns, der sich nicht selbst kannibalisieren möchte und auch nicht von der Tragfähigkeit einer Innovation abhängig ist - was noch wichtiger ist.

Spotify ist das Original und Apple Music die Kopie. VW und Apple möchten partizipieren, Tesla und Spotify möchten überleben oder zumindest lebend übernommen werden. Für die einen ist Innovation die Überlebensfrage, für die andern marketingwirksamer Schein.

Q-Cells wuchs schnell

Für Q-Cells waren Energiekonzerne wie die RWE-Tochter ASE, Shell oder BP ernstzunehmende Wettbewerber. Aber nicht wirklich. Letztendlich wuchs die Firma innerhalb von nur sechs Jahren zum börsennotierten Konzern an diesen vorbei. Und ging dann als selbstgefühlter Konzern (!) mit derselben Geschwindigkeit insolvent. Q-Cells betrieb als Schritt nach vorn ein Portfolio der eigenen Art: „Wir sind Zellhersteller und versuchen uns jetzt in anderen Zelltechnologien“ – Oh, weh. Hanwha aus Südkorea übernahm und betreibt Q-Cells heute am deutschen Standort unter der alten Marke erfolgreich weiter. Sie punkten mit Entwicklung und Marketing vor allem mit Systemen rund um die Photovoltaik. Das hätte Q-Cells auch selbst machen können, wenn das Unternehmen nicht unsicher bei Investitionsfragen gewesen wäre.

Auch Mischkonzerne sind nicht innovativ

Der Mischkonzern Hanwha gilt als das koreanische Siemens. Auch Mischkonzerne sind nicht innovativ. Aber sie wissen um diesen Mangel und gleichen ihn bestmöglich durch Firmenzukauf beziehungsweise -verkauf aus. Bestmöglich heißt dabei aber nicht immer schlau. Siemens hat seinen Solarbereich bereits vor 20 Jahren abgestoßen an Shell, ebenso wie seine Kommunikationsnetze und Mobiltelefone an andere. Inzwischen wird Shell wieder durch Zukäufe aktiv. Ein Konzern, der jenseits des Ölgeschäfts noch nie erfolgreich war. Kürzlich ist die Firma Sonnen von Shell übernommen worden. Der Batterieanbieter Sonnen ist aus einem kleinen Photovoltaikhändler im Allgäu hervorgegangen beziehungsweise in direkter Folge aus der Firma Sunmachine, die mit Holzpellets-BHKW innerhalb eines Jahres insolvent ging. Die Gründer waren letztlich mit Sonnen im zweiten Versuch trotzdem erfolgreich, weil sie sich erstens durch das Scheitern von Sunmachine nicht beirren ließen, und zweitens im gleichen Markt auf die nächste Idee setzten. Ungefiltert durch Beraterfirmen nur auf Basis ihrer selbst erarbeiteten Marktkenntnis. Die Innovation kommt aus dem Kleinen.

Für Innovation sind Großkonzerne die falschen Berater

Nach Kevin Kühnerts Meinung sollten Großkonzerne verstaatlicht werden, um soziale Gerechtigkeit zu erreichen. Viel wichtiger ist, dass dieses Großwild, seine Bodenhaftung längst verloren hat und nur noch als Bank agiert, und trotz Entwicklungs- und Beratermilliarden nur noch im eigenen Mikrokosmos innovativ ist. Großkonzerne sollte man hinsichtlich ihrer Innovationsfähigkeit infrage stellen, wenn sich der Mehrwert eines privatwirtschaftlichen Managements in sein Gegenteil verkehrt und Innovation bewusst limitiert.

Politik braucht Start-ups

Was lernen wir daraus? Auch im Bereich der Energiewirtschaft stehen wir vor einem Systemwechsel und es gibt ähnliche Effekte wie bei VW. Worauf es dabei ankommt: Es zählt das Argument, nicht das Prinzip. Und das braucht Freiraum und Wagemut, den ein Konzern nicht riskieren kann. Eine Politik, die sich Klimaziele setzt und dann in erster Linie auf die Haltung der Konzernlenker und deren Betriebsräte hört, kann aber nicht innovativ sein. Sie wird ihren Zielen ohne die Ideen der Start-ups und der bunten Markteilnehmer bis hin zur Bürgerenergie niemals gerecht werden. Energiesystemwende heißt, dass wir Disruption und Veränderungen zulassen – etwa mit einem offenen Markt für Flexibilitäten, der allen offensteht. Und dafür brauchen wir die Kraft der Vielfalt und die Offenheit des Marktes.

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Dieser Beitrag ist am 4. Juli 2019 in der Onlineausgabe des Fachmagazins „ERNEUERBARE ENERGIEN“ erschienen. Es ist der vierte Teil einer Kolumne der Reiner Lemoine Stiftung zur EnergieSystemWende. Darin kommen regelmäßig Autorinnen und Autoren zu Wort, die für die Reiner Lemoine Stiftung (RLS) sowie das Reiner Lemoine Institut (RLI) aktiv sind oder gemeinsam mit RLS und RLI an Projekten zur Transition des Energiesystems arbeiten.

Dr. Paul Grunow ist seit der Gründung Vorstand der Reiner Lemoine Stiftung sowie Vorstand im Photovoltaik Institut Berlin.

Bisher erschienen sind:

- Fabian Zuber: Energiewende in der Sackgasse

- Dr. Kathrin Goldammer: Kein Widerspruch: Erneuerbare und energiewirtschaftliche Ziele

- Clemens Triebel: Speichertechnologien entfesseln

Weitere Informationen finden Sie hier.

Andreas Feicht

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