07.01.2016
Schriftgröße
23 Bewertung(en) Rating
Kommentar: Energiewende versus Mäusebussard?

Neuer Problemvogel für die Windkraft

Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung hat dieser Tage bei Vogelschützern und Windkraft-Unterstützern für Nervosität gesorgt. Unter dem Titel „Rotmilan-Bestände leiden unter Windkraftausbau“ wurden darin Zwischenergebnisse einer noch nicht veröffentlichten Studie beschrieben, die das Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegeben hat. Die Studie birgt neuen Sprengstoff für Vogelschutz und Windkraft.

 - Der Mäusebussard könnter der Windkraft künftig Probleme bereiten.
Der Mäusebussard könnter der Windkraft künftig Probleme bereiten.
Foto: Beschi2012

Für die Studie mit dem Titel „Progress“ zu Vogelschutz und Windenergieanlagen werden in ganz Norddeutschland 47 Windparks mit einer eigens entwickelten Methodik nach Schlagopfern abgesucht. Bezüglich des Rotmilans wird in dem Artikel ein Mitautor der Studie, der Bielefelder Verhaltensforscher Oliver Krüger, unter anderem mit den Worten zitiert, schon der Jetzt-Zustand sei „für diese Art kritisch". Gerade erst wurde im Rahmen der Veröffentlichung des sogenannten Neuen Helgoländer Papiers empfohlen, die Abstände von Windturbinen zu Rotmilan-Brutgebieten zu erhöhen. Allein das dürfte deutliche Auswirkungen auf den Windkraft-Ausbau haben. Nun droht also neues Ungemach für den Windkraft-Ausbau.

Fokus auf Mäusebussard

Doch es kommt noch schlimmer. Lars Lachmann, Referent Ornitologie in der Bundesgeschäftsstelle des Nabu, erklärt, was den eigentlichen Neuigkeitswert der Studie ausmacht: „Das Zwischenergebnis der Progress-Studie zeigt, dass Rotmilan und Mäusebussard durch die Windkraft in der Population bedroht sind.“ Der Mäusebussard war bisher noch nicht im Visier der Vogelschützer. Und mit ihm hat die Windbranche ein weit größeres Problem als mit dem Rotmilan. Denn: „Man wird wenige Standorte finden, an denen kein Mäusebussard ist.“ Mit anderen Worten: Würde der Mäusebussard zum Ausschlusskriterium für die Windkraft, könnte das den Windkraftausbau komplett lahm legen, weil diese Vogelart überall in Deutschland vorkommt.

Jede sechste Art wird aussterben

Fest steht: Der Windkraft-Ausbau darf nicht ausgebremst werden. Schließlich tragen erneuerbare Energien entscheidend zum Klimaschutz bei. Gerade erst wurde auf der UN-Klimakonferenz in Paris der Ausstieg aus der CO2-Wirtschaft beschlossen. Windkraft ist die tragende Säule für den Schutz des Klimas – und damit auch für den Artenschutz, denn durch den Temperaturanstieg sterben bereits täglich Flora- und Fauna-Arten aus. Der Biologe Mark Urban von der Universität Connecticut kommt 2015 in seiner Untersuchung zu folgendem Ergebnis: Jede sechste Spezies wird aussterben, wenn die Emission von Treibhausgasen nicht reduziert und somit die Erderwärmung weiter vorangetrieben wird.

Landwirtschaft

Zudem ist es nicht nachvollziehbar, dass die Windkraft an den Pranger gestellt wird, während andere Einflussfaktoren ausgeblendet werden. Landwirtschaft und Straßenverkehr setzen der Population mindestens ebenso zu wie die Windkraft. Doch die Benutzung von Straßen ist – anders als der Windkraft-Bau - nicht genehmigungsbedürftig. Der Nabu habe im Rahmen einer EU-Beschwerde bereits bemängelt, dass deutsche Behörden nicht – wie im Gesetz ermöglicht – auch gegen landwirtschaftliche Praktiken vorgehen, wenn diese auf Populationsebene Auswirkungen haben, erklärt Lachmann. Bisher sei das Thema nur Teilaspekt einer anderen Beschwerde, "aber es ist möglich, dass wir in Zukunft dieses Problem zum zentralen Thema einer solchen EU-Beschwerde machen. Wir halten die Privilegierung der Landwirtschaft hier für nicht gerechtfertigt."

Jetzt müssen Vogelschutz und Windbranche sich an einen Tisch setzen und gemeinsam Lösungen finden. Nabu-Referent Lachmann sieht die Möglichkeit, über Ausnahmegenehmigungen den Ausbau weiterhin zu ermöglichen, während gleichzeitig ein sogenannter Artenaktionsplan dafür sorgen könnte, dass Maßnahmen umgesetzt würden, die die Population dennoch auf einem gesunden Level erhalten. Es wird Möglichkeiten geben – aber leichter wird es nicht für die Windbranche. Das ist sicher. (Nicole Weinhold)

 - Kommentar Nicole Weinhold
Kommentar Nicole Weinhold
Foto: Silke Reents
Ist dieser Artikel für Sie hilfreich?
  • Artikel
  • kommentieren
  • |
  • drucken

8 Kommentare zu "Neuer Problemvogel für die Windkraft "

  1. Dr. Motte - 11.04.2017, 15:02 Uhr (Kommentar melden)

    Eins interessiert mich bei der ganzen Diskussion für oder gegen Windanlagen. Welche Menge Co2 haben die bestehenden Windkraft-Anlagen wirklich eingespart? Hat das mal jemand erforscht? Hier wird doch wieder mit der Angst der Bürger gespielt, dass ohne Windenergie die Welt untergehen würde. Wie hoch ist der Anteil des menschengemachten Co2 Ausstoßes in Deutschland, verglichen mit dem globalen Co2 Ausstoß? 2,3% !!! Und deswegen machen wir hier in Deustchalnd so ein Faß auf? Dass was wir weniger in den Himmel pusten, wird gerne von unseren Nachbarn übernommen. Nur wir zahlen jedes Jahr Millionen für eine total verfehlte Klimapolitik. Eine Kugel Eis pro Monat, hat Trittin einmal gesagt. Mittlerweile haben wir komplette Eisdielen bezahlt.

  2. Heinrich Prenzel - 20.06.2016, 16:28 Uhr (Kommentar melden)

    Ich bin auch für Natur- und vorallem Vogelschutz, aber man sollte trotzdem die "Kirche im Dorf" lassen. Wie im Artikel erwähnt müsste die progressive Landwirtschaft ebenso an den Pranger gestellt werden. Die Ausbringung von Unkrautvernichtern und andere Pestiziten bewirken bei Wildvögeln wie Adler etc. misserable Brutergebnisse wegen deren Produktion zu dünnschaliger Eier und das Füttern der Jungvögel mit der giftbelasteten Jagdbäute wie Mäuse etc. Dabei werden nachhaltig mehr Wildvögel vernichtet oder gar zum Aussterben gebracht als mal ein paar, die evtl. in die Windmühlen geraten. Freilich ist es um jeden schade, aber so spielt das Leben.

  3. E.Jahn - 19.05.2016, 18:45 Uhr (Kommentar melden)

    Dieser Ökowahn treib tolle Früchte.Verbrecher zerstören Milanhorste erschiessen Seeadler und jetzt wird dem Bussard als Nächsten der Garaus gemacht....Geld verdienen heisst die Devise koste es was es wolle.Das dieser ganze Ökospuk unrentabel und unsinnig ist haben schon viele bewiesen aber die Energielobby und einige Wenige verdienen sich daran eine goldene Nase.

  4. Dr. Michael Stiehl - 18.01.2016, 16:52 Uhr (Kommentar melden)

    Während die Aussage: "Jede sechste Spezies wird aussterben" auf Modellen beruht, die wie alle Modelle der Verifizierung durch exakte Forschung bedürfen und im Prinzip derzeit nicht nachprüfbar sind, beruht die Gefährdung der Rotmilane und Mäusebussarde auf nachprüfbarer, wissenschaftlicher Feldforschung. Das bedeutet, dass die Gefährdung der heimischen Greifvögel bis zum Beweis des Gegenteils (durch ebenso valide Forschung) als gesichert gelten muss! Schon die aktuell installierten Windkraftanlagen (WKA) bedrohen den Bestand der Rotmilane und Mäusebussarde in Deutschland. Damit verstößt jede weitere WKA in der Nähe von Habitaten dieser Greifvögel gegen das artenschutzrechtliche Tötungsverbot (§44 Bundesnaturschutzgesetz).

  5. Sonny Domestos - 11.01.2016, 11:00 Uhr (Kommentar melden)

    Der Autor hat jetzt ja keine wissenschaftliche Abschlussarbeit veröffentlichen wollen, sondern einen wichtigen neuen Aspekt dargestellt. Gewarnt wird vor stumpfen Schuldzuweisungen. Genau das sehe ich hier wieder. Gegner und Befürworter mit verhärteten Positionen. So kommen wir aber nicht voran. Übrigens gibt es jede Menge weitere Texte zum Thema auf der Website für diejenigen, die die Konfliktlage besser verstehen wollen und Zeit mitbringen.

  6. Peter Ritter - 11.01.2016, 10:24 Uhr (Kommentar melden)

    Schade dass derartige Artikel nicht weiter recherchieren sowie Statistiken und weitere Informationen nicht berücksichtigen. Neben dem Verkehr kommen sehr viele derartige Vögel an Freileitungen zu Tode. Von den absoluten Zahlen sind diese immens höher als durch die Windenergie! Durch den Rückbau von Freileitungen zu Erdkabeln im Mittelspannungsnetz und auch anderen Lenkungsmaßnahmen konnte die Populationen von verschiedenen Vögeln wieder erhöht werden. Somit können mit den Ausgleichsabgaben Maßnahmen gefördert werden, die die Populationen wieder erhöhen und die geringen Schlagopfer bei Windenergieanlagen weitaus wettmachen. Weitere Information finden Sie unter folgenden Links https://www.wind-energie.de/sites/default/files/download/publication/kohle-nusbaumer/vsw_brb.pdf http://www.energieland.hessen.de/mm/Dr.Oliver_Kohle.pdf Peter Ritter, Windenergieexperte seit über 25 Jahren

  7. S. Kunze - 08.01.2016, 16:06 Uhr (Kommentar melden)

    Sehr geehrter Herr Dr. Runkel, für einen "Experten seit 2005" sind Sie vielleicht auf den damaligen Genehmigungsstandards stehen geblieben: mittlerweile zahlt der Betreiber einer Windenergie mind. 100.000 € für den Landschaftsbildeingriff (je nach Landeserlass auch bis 200.000 €), dazu kommen naturschutzfachliche Ausgleichsmaßnahmen für Boden/ Biotope und geschützte Fauna ab 50.000 € (je nach Aufwand + Art bis Faktor 4). Rechnen Sie noch den Ertragsverlust für mittlerweile pauschal erhobene Betriebsbeschränkungen für Kranich, Fledermaus, Rotmilan hinzu, der natürlich auch wissenschaftlich dokumentiert und überwacht werden muss (gemittelt über die Betriebszeit ab 50.000 €) - dann kommen Sie auf eine schöne Summe, die dem Naturschutz zugute kommt. Jeder weitere € wird dann irgendwann wirklich zuviel, da er ja auch erst mal verdient werden will.....!!

  8. Volker Runkel - 08.01.2016, 14:30 Uhr (Kommentar melden)

    Der Windkraft-Ausbau soll ja auch nicht ausgebremst werden, aber er darf auch nicht ein Artensterben nach sich ziehen. Die Renditewünsche müssen unter Umständen aber mal überdacht werden. Und wieso können 40000€ oder mehr als Jahrespacht für einen Standort gezahlt werden, und beim Artenschutz ist jeder Euro zuviel? Schade, wie der Klimaschutz ad absurdum geführt wird. Der Artenschutz hatte es noch nie leicht... wäre ja schön, wenn es mal für den Artenschutz nur halb so leicht wird, wie für die Windbranche !
    Dr. Runkel, Windkraft- und Artenschutzexperte seit 2005

Kommentar schreiben

Ihre persönlichen Daten:

Sicherheitsprüfung: (neu laden)

Bitte füllen Sie alle Felder mit * aus! Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.