Europa hat sein Zwischenziel beim Solarausbau erreicht – doch ohne den massiven Zubau von Speichern droht die Energiewende ins Stocken zu geraten. Diese Botschaft brachte Antonio Arrueba, Senior Market Analyst beim europäischen Solarverband Solarpower Europe, beim Launch der neuen Huawei-Plattform Fusionsolar 9.0 in Frankfurt auf den Punkt. „Wir stehen wieder einmal vor einer Krise der fossilen Energien. Wir haben nie um eine weitere gebeten, aber hier sind wir", erklärte Arrueba. „Das ist ein weiteres Signal dafür, dass wir den Weg der Elektrifizierungsrevolution gehen müssen: mehr Erneuerbare, mehr Flexibilität, mehr Speicher, mehr Netze und mehr Elektrifizierung."
406 Gigawatt Solarleistung – Ziel erreicht, aber erste Bremsspuren
Die Europäische Union hat ihr Solar-Zwischenziel für 2025 von 400 Gigawatt DC-Leistung erreicht. Aktuell sind 406 Gigawatt installiert, was im vergangenen Jahr rund 13 Prozent der europäischen Stromnachfrage deckte – ein absoluter Rekord. Zusammen mit Windkraft erzeugten Erneuerbare in der EU erstmals in der Geschichte mehr Strom als fossile Brennstoffe.
Doch die Wachstumskurve flacht ab. „Letztes Jahr hatten wir zum ersten Mal seit zehn Jahren einen leichten Rückgang bei den Solarinstallationen – etwa ein Prozent weniger, auf rund 65 Gigawatt", berichtete Arrueba. Bis 2030 strebt die EU 750 Gigawatt DC-Solarleistung an. Nach aktuellen Prognosen werde dieses Ziel jedoch verfehlt: „Im mittleren Szenario landen wir bei rund 720 Gigawatt. Das wahre Potenzial liegt aber bei etwa 800 Gigawatt."
Während die Aufdach-Anlagen nach dem Ende der Energiekrise an Dynamik verloren haben, hat sich die Großanlagensegmentstruktur verschoben: Mittlerweile entfallen rund 50 Prozent der jährlichen Neuinstallationen auf Utility-Scale-Projekte.
Die drei „C": Cannibalization, Containment, Congestion
Arrueba beschrieb die aktuellen Herausforderungen mit den „drei C": Cannibalization (Kannibalisierung), Containment (Eindämmung) und Congestion (Netzengpässe). Hauptursache sei, dass der Ausbau der Erneuerbaren schneller voranschreite als Elektrifizierung, Netzausbau und Flexibilität.
Die Folgen zeigten sich besonders deutlich an den negativen Strompreisen: „Im vergangenen Jahr hatten wir in rund 3,4 Prozent der Jahresstunden negative Strompreise – das entspricht etwa zwei Wochen." In führenden Solarmärkten wie Spanien, Deutschland und den Niederlanden seien es sogar mehr als 22 Tage pro Jahr gewesen. „Das schadet dem Geschäftsmodell von Solar direkt und macht es immer schwieriger." Standalone-PV-Projekte ohne Speicher seien zunehmend kaum noch finanzierbar.
Batteriespeicher: 80 Gigawattstunden installiert – aber zehnmal mehr nötig
Der Batteriespeichermarkt entwickelt sich parallel zum Solarmarkt. Ende 2024 waren in der EU rund 80 Gigawattstunden Batteriekapazität installiert – eine Verzehnfachung in nur vier Jahren. Allein im vergangenen Jahr wurden in der EU rund 70 Gigawattstunden netzgekoppelte Batteriespeicher mit europäischen Mitteln gefördert.
Besonders dynamisch entwickelte sich das Großspeichersegment: 2024 entfielen rund 55 Prozent der neuen Speicherkapazität auf Utility-Scale-Projekte – nach zwei „unglaublichen Durchbruchsjahren". Die Top-5-Märkte – Deutschland, Italien, Bulgarien, Niederlande und Spanien – stellen aktuell rund zwei Drittel des Zubaus. Deutschland bleibt mit etwa 4,5 Gigawattstunden das einzige Land, in dem das Residential-Segment noch dominiert.
Doch das reicht bei weitem nicht. Eine Studie von Solarpower Europe ergab, dass Europa bis 2030 rund 780 Gigawattstunden Batteriespeicherkapazität benötigt – das entspricht einer Verzehnfachung. „Im aktuellen mittleren Szenario wachsen wir nur um das Fünffache. Es klafft also eine große Lücke", warnte Arrueba.
Die Europäische Kommission scheint die Botschaft aufgenommen zu haben: In der jüngsten Mitteilung „Accelerate EU" peilt sie 200 Gigawatt Speicherkapazität bis 2030 an – „diese Zahl kommt direkt von uns", so Arrueba. Das entspreche einer Verachtfachung der heutigen Kapazität.
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Sechs Forderungen an Brüssel
Solarpower Europe formuliert sechs zentrale Forderungen für einen europäischen Aktionsplan für Batteriespeicher:
Vereinfachte Genehmigungsverfahren für die Nachrüstung bestehender PV-Anlagen mit Speichern
Netzentgelte, die den Systemwert von Speichern reflektieren – ohne Doppelbelastung
Strommärkte, die alle Systemdienstleistungen vergüten, einschließlich Netzstabilitätsdiensten
Eine konsistente Industriepolitik
Einheitliche Sicherheits- und Qualitätsstandards
Eine kohärente Kreislaufwirtschaftspolitik
Sehe Sie hier mehr zu einem Qualitätsleitfaden des Solarverbands
Besonders bei den Erlösströmen sieht Arrueba Nachholbedarf: „Die meisten Netzdienstleistungen werden noch immer nicht vergütet. Man kann Batterien so viel mit Kapital fördern, wie man will – aber dann muss man ihnen auch den Spielplatz geben." Aktuell sei Großbritannien das einzige Land, das alle fünf zentralen Dienstleistungen – Frequenzregelung, Wiederherstellung, Spannungsregelung, Schwarzstart und Engpassmanagement – marktbasiert vergüte. Deutschland habe immerhin einen Markt für Trägheit (Inertia) eingeführt und arbeite an Lösungen für lokales Engpassmanagement.
Harmonisierung als Schlüssel
Ein weiterer zentraler Punkt sei die Harmonisierung von Standards und Zertifizierungsverfahren auf EU-Ebene. „Was wir derzeit haben, ist eine völlig fragmentierte Landschaft. Für Unternehmen ist es sehr schwierig, von einer Region in die andere zu wechseln", kritisierte Arrueba. Mehr Transparenz und Koordination zwischen Netzbetreibern, Entwicklern und Regulierern seien ebenso erforderlich wie die Förderung von Standards und Demonstrationsprojekten.
Lesen Sie mehr über den Einfluss der Photovoltaik auf den Strompreis in Europa
Um die Stimmen der Branche zu bündeln, hat Solarpower Europe eigens eine Battery-Storage-Plattform ins Leben gerufen. „Wir wollen die Stimmen der Solar- und Speicherindustrie vereinen, damit wir gegenüber den europäischen Politikern dieselbe Botschaft geschlossen vertreten können", betonte Arrueba abschließend.