Foto: Fraunhofer ISE

Desertec feiert Zehnjähriges - ein Kommentar

Wasserstoff für Europa soll aus der Wüste kommen

Desertec hat sein Geschäftsmodell geändert. In Zukunft liegt der Schwerpunkt nicht mehr auf Strom für Afrika, sondern auf Wasserstoff, der nach Europa geliefert werden soll.

Lange hat man nichts mehr von Desertec gehört. Was 2009 als vermeintliche Lösung der Energieversorgung Europas mit Sonnen- und Windstrom aus der Wüste gestartet ist, hat inzwischen ein neues Ziel bekommen. Denn die beteiligten Unternehmen wollen Europa nicht mehr mit Strom beliefern. Schließlich ist inzwischen klar, dass selbst im hohen Norden die Sonne oft genug scheint, so dass auch dort der Solarstrom die Netzparität erreicht hat. Da kann der zwar im Nahen Osten und Nordafrika – bekannt als MENA-Region – der Strom noch preiswerter hergestellt werden. Doch der Transport hätte angesichts der fallenden Preise sowohl für Solar- als auch für Windkraftanlagen die Bilanz verhagelt.

„Wende in der Wende“

Inzwischen haben die beteiligten Unternehmen und Organisationen das Geschäftsmodell gedreht. In Zukunft soll der üppige Wind- und Solarstrom, der in den MENA-Ländern produziert wird, in Form von Wasserstoff nach Europa – und sicherlich auch in die Welt – kommen. Den Ansatz hat die Desertec Industrial Initiative (DII) im Rahmen der Konferenz „Energy Transition in the Arab World“ in Berlin vorgestellt. „Wir müssen die Energiewende bis zum Ende denken und eine Wende innerhalb der Wende machen. Wir müssen auch die Industrie und die Mobilität in den Blick nehmen.“, erklärt Mustapha Bakkoury, Präsident des marokkanischen Projektierers von Ökostromanlagen Masen. „Auf dem Stromsektor haben wir in Europa inzwischen etwa 20 Prozent Erneuerbare. Doch in den anderen Sektoren liegt der Anteil der Erneuerbaren bei unter zehn Prozent und der der fossilen Energieträger bei über 90 Prozent. Wir braucht hier dringend eine Änderung“, ergänzt Reinhold Achatz, Technikchef von Thyssen Krupp.

Wind- und Solarstrom werden preiswerter

Beide Unternehmen sind neben dem saudi-arabischen Energieversorger ACWA Power, dem chinesischen Netzbetreiber State Grid Corporation, RWE und dem Projektierer Masdar Gesellschafter der DII. Die Grundlage der neuen Idee ist, dass der Solar- und Windstrom in der Wüste Nordafrikas sehr preiswert produziert werden kann. So liege das Preisniveau für den Solarstrom in der Region derzeit bei 1,7 Cent pro Kilowattstunde und das wird noch weiter sinken, betont Paul van Son, Geschäftsführer der DII. Windstrom wurde im Januar dieses Jahres in Marokko für 2,8 Cent pro Kilowattstunden angeboten. Beide Technologien haben das Potenzial, ihren Strom bis 2030 für weniger als einem Cent pro Kilowattstunde zur Verfügung zu stellen.

Ein Kilogramm Wasserstoff für einen Euro

Auf der Basis dieser Strompreise soll mittels Elektrolyse grüner Wasserstoff produziert werden. Ausgehend von Investitionskosten in die eigentliche Wasserspaltung in Höhe von 300 Euro pro Kilowatt installierter Elektrolyseleistung könne der Wasserstoff in Nordafrika im Jahr 2030 einen Marktpreis von einem Euro pro Kilogramm erreichen. Für den gleichen Zeitpunkt kalkuliert die DII den Preis für Wasserstoff, der aus überschüssigem Wind- und Solarstrom in Europa produziert wird, aufgrund der höheren Strompreise mit 1,5 bis zwei Euro pro Kilogramm. Zwar wird dieser Preis mit zunehmender Installation von Elektrolyseanlagen und weiter sinkenden Kosten für den Wind- und Solarstrom bis 2050 auf einen Euro pro Kilogramm sinken. Doch im gleichen Zeitraum geht auch der Preis für den Wasserstoff aus Nordafrika weiter zurück.

Vorhandene Infrastruktur nutzen

Hier stößt die DII aber an eine ähnliche Grenze wie mit der Idee, den Wüstenstrom direkt nach Europa zu verkaufen: dem Transportproblem. Anders als bei der Stromlieferung könne die DII beim Transport des Wasserstoffs auf eine existierende Infrastruktur aufsetzen, erklärt Reinhold Achatz von Thyssen Krupp. So werden jetzt schon große Mengen an Erdgas nach Europa geliefert – einerseits mit entsprechenden Schiffen, andererseits mit einem Netz aus Leitungen. In Zukunft soll der Wasserstoff unter anderem durch die bisherigen Erdgasleitungen strömen, die aus Marokko über die Meerenge von Gibraltar und Spanien das Gas in Europa weiterverteilen. Dazu kommt noch die existierende Leitung, über die von Tunesien über Sizilien und Italien künftig Wasserstoff nach Mitteleuropa gebracht werden soll.

Rohstoff Wasser kommt aus dem Mittelmeer

Inwieweit dann noch die Methanisierung des Wasserstoffs notwendig ist, damit die bestehende Infrastruktur tatsächlich genutzt werden kann, wird sich noch erweisen. Das würde allerdings den Wasserstoffpreis genauso nach oben treiben wie die Tatsache, dass das Wasser als Rohstoff für die Elektrolyse aus dem Meer kommt und vorher noch – ebenfalls mit Ökostrom – entsalzt werden muss.

Doch den Anteilseignern von DII macht dies keinen Strich durch die Rechnung. Das Szenario der DII sieht einen Anteil des Wasserstoffs am gesamten Energieverbrauch in Höhe von 50 Prozent. Der Rest kann mit Ökostrom abgedeckt werden. Entsprechend gehen sie davon aus, dass enorme Mengen an grünem Wasserstoff in Europa gebraucht werden, damit die Energiewende gelingt. Davon könne nur etwa die Hälfte in Europa selbst aus dem überschüssigen Wind- und Solarstrom hergestellt werden. Der Rest kommt dann aus Nordafrika.

2.700 Gigawatt Ökostromleistung notwendig

Dazu müssten nach Berechnungen der DII in Nordafrika in den nächsten Jahren Solarkraftwerke mit einer Gesamtleistung von nahezu 2.200 Gigawatt errichtet werden. Dazu müssten noch 500 Gigawatt Windkraft kommen. Die Voraussetzung hier ist, das in Europa selbst 2.000 Gigawatt Photovoltaikleistung und etwa 1.300 Gigawatt Windkraftleistung bis 2050 installiert sind, damit die Versorgung aus Erneuerbaren gesichert sei. Außerdem müssten noch 3.400 Gigawatt Elektrolyse- und 500 Gigawatt Brennstoffzellenleistung gebaut werden. Letztere dienen dazu, den grünen Wasserstoff teilweise wieder zurück zu verstromen. Ob sich die DII damit nicht überhebt, wird sich zeigen. Denn bisher steht nur wenig Erzeugungskapazität im nordafrikanischen Wüstensand. Zudem hat Europa den Aufbau eigener üppiger Erzeugungskapazitäten im Blick, was die Transportherausforderungen minimiert.

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