Die Metallherstellung gehört zu den emissionsintensivsten Industrien in Deutschland.
Grüner Wasserstoff soll emissionsintensive Industrien dekarbonisieren.Doch für grünen Stahl fehlt die Wirtschaftlichkeit.
Fabian Kauschke
Die zukünftigen Einsatzgebiete von Wasserstoff sind umstritten. Wird der Einsatz zum Heizen in Haushalten aufgrund von Verfügbarkeiten, Effizienzen und Preisen stark kritisiert, gibt es im Verkehr zumindest die Perspektive des Schwerlasttransportes. Die mögliche Hauptnutzungsart liegt jedoch schon länger in der Industrie vor: Da, wo die Elektrifizierung keinen Erfolg verspricht, könnten die grünen H₂-Moleküle für die Dekarbonisierung verwendet werden. Somit könnten CO₂-intensive Prozesse aus der Chemie- oder Betonproduktion ihren Ausstoß reduzieren. Das Gleiche gilt für die Stahlindustrie. Der langsame Wasserstoffhochlauf und die fehlende Wirtschaftlichkeit von grünem Wasserstoff haben in der Transformation aber ihre Spuren hinterlassen.
Projekte werden verschoben oder zurückgezogen
In der Bauphase befinden sich Anlagen für die Dekarbonisierung bei der Salzgitter AG. Die finale Investitionsentscheidung für die erste Phase des Transformationsprojekts Salcos wurde mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von etwa 2,5 Milliarden Euro auch aufgrund einer öffentlichen Förderung von rund 1 Milliarde Euro gesichert. Dafür hatte das Stahlunternehmen einen Förderbescheid mit rund 700 Millionen Euro aus Bundesmitteln und 300 Millionen Euro aus Landesmitteln erhalten. In der ersten Phase des Projekts plant der Konzern, die ersten Hochöfen durch Direktreduktionsanlagen zu ersetzen und so den CO₂-Ausstoß um rund 30 Prozent zu senken. Alle weiteren Stufen der Transformation der Primärstahlroute sind bis Mitte der 2030er vorgesehen. Für die Bereitstellung von grünem Wasserstoff wurde im Februar 2025 der Grundstein für einen Druck-Alkali-Elektrolyseur mit einer Leistung von 100 Megawatt (MW) vom Technologieunternehmen Andritz gesetzt.
Der Stahlkonzern Arcelor Mittal zog die geplanten Investitionen in Bremen und Eisenhüttenstadt zurück.
Die eigentliche Umsetzung plante Salzgitter bis Ende 2025. Aufgrund der verschlechterten wirtschaftlichen und politisch-regulatorischen Rahmenbedingungen seien die Entscheidungen, über Realisierungsschritte dieser ersten Stufe um drei Jahre verschoben worden. Nun sei vorgesehen, den Produktionsstart für CO₂-armen Stahl im ersten Halbjahr 2027 erfolgen zu lassen.
Vollständig auf Eis gelegt wurden die geplanten Investitionen von Arcelor Mittal Deutschland in den Produktionsstätten Bremen und Eisenhüttenstadt. Im Juni vermeldete das Unternehmen, das Vorhaben nicht weiterzuführen, und verzichtete damit auf staatliche Fördergelder in Höhe von 1,3 Milliarden Euro. Grund für die Entscheidung seien, ebenso wie bei der Verschiebung in Salzgitter, die Marktsituation für grünen Wasserstoff und die fehlende Wirtschaftlichkeit.
Wasserstoffpreis ist Hindernis
FürdeninternationalenKonzernseiendieInvestitionskostenfürdenUmbauderAnlageneinegroßetechnischeundfinanzielleHerausforderung.DiesesindabernureineHürde.BesondersdielangfristigeWettbewerbsfähigkeitderEnergiekostenseieingroßesHindernis.„EinKiloWasserstoffwärebeieinemPreisvon1,5bis2Eurowettbewerbsfähig,abernichtwie2025zuPreisenvon7bis9Euroangeboten“,erklärtArcelorMittalDeutschland.EineProblemstellung,dieauchSalzgitteranderMarktsituationbemängelt.Für das Salcosprojekt sei die Verfügbarkeit von Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen eine zentrale Voraussetzung für den Erfolg. Eine ausreichende Preisentwicklung gibt es aktuell jedoch nicht. „Der Wasserstoffpreis ist eng mit dem Strompreis verknüpft und dieser befand sich in den vergangenen fünf Jahren auf hohem Niveau. Der Wasserstoff ist Stand heute teurer als bei Beantragung der Fördermittel für Salcos eingeschätzt“, bemerkt die Salzgitter AG. Die Herausforderungen des Wasserstoffhochlaufs lägen aktuell in den hohen Risiken für Lieferverträge und der bestehenden Kostenlücke. Aufgabe sei es daher, auf der Angebotsseite die Gestehungskosten zu senken, auf der Nachfrageseite die Zahlungsfähigkeit zu erhöhen und für beide Seiten geeignete Absicherungen zu schaffen. Mögliche Maßnahmen dafür seien die Anpassung der Grünstromkriterien für erneuerbaren Wasserstoff in der EU-Richtlinie RED II, eine frühzeitige und verlässliche Verlängerung der Strompreiskompensation für Elektrolyseure über 2030 sowie die Verlängerung der zwanzigjährigen Stromnetzentgeltbefreiung für Elektrolyseure über den Zeitpunkt der Inbetriebnahme bis August 2029 hinaus.
Für die meisten unserer Kunden ist der Stahlverbrauch die einfachste Möglichkeit, substanziell CO2 einzusparen.
Wettbewerbsvorteil für grünen Stahl?
Trotz der noch fehlenden Marktsicherheit könnte grüner Stahl in Zukunft zu einem Wettbewerbsvorteil werden, wenn Unternehmen, die das Material verwenden, auch aktiv planen, ihre CO₂-Summe zu verringern. Gleichzeitig erhöhen die steigenden CO₂-Kosten in der Europäischen Union den Preis für konventionell hergestellten Stahl. „Wir sehen bereits heute eine konkrete Nachfrage nach grünem Stahl, die sich in Mengensicherungsvereinbarungen zwischen uns und zahlreichen unserer Kunden ausdrückt. Für die meisten unserer Kunden ist der Stahlverbrauch die einfachste Möglichkeit, substanziell CO₂ einzusparen“, bestätigt Salzgitter.
Um dieser Nachfrage ein wettbewerbsfähiges Angebot gegenüberstellen zu können, brauche es in der Regulatorik effektive handelspolitische Absicherungen und grüne Leitmärkte. Die Bundesregierung habe sich im Koalitionsvertrag zum Erhalt der Stahlindustrie in Deutschland bekannt – nun müssen die notwendigen Maßnahmen folgen.
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