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Fachbeitrag zum Klimawandel

Klimakatastrophe: Zwei-Grad-Grenze in Deutschland bereits dieses Jahr erreicht?

2018 ist bisher deutlich heißer als der Durchschnitt der ohnehin schon überdurchschnittlich heißen Jahre 2011 bis 2017. Es gab in Deutschland noch nie einen heißeren April und einen heißeren Mai als im laufenden Jahr 2018 - seit die Temperaturen gemessen werden.

Das aktuelle Jahrzehnt ist das wärmste seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen, hier die gesicherte Temperaturzunahme im Vergleich des Jahrzehntes 1881-1890 mit dem Zeitraum 2011 bis Ende 2017:

 - Zeitreihen der durchschnittlichen Lufttemperatur in Deutschland beim Deutschen Wetterdienst
Zeitreihen der durchschnittlichen Lufttemperatur in Deutschland beim Deutschen Wetterdienst
Grafik: Schmagold auf Basis von Daten des DWD

Die Temperaturzunahme bis Ende 2017 beträgt 1,9 Grad Celsius. Rechnen wir das Jahr 2018 auf dem derzeitigen Niveau ein, so ergibt sich in Deutschland sogar eine durchschnittliche Temperaturzunahme von 2,0 Grad zwischen dem Jahrzehnt 1881 bis 1890 und den Jahren 2011 bis 2018.

Zur Einordnung: Der Autor ist kein Meteorologe, sondern interpretiert hier die Messdaten, die von Meteorologinnen und Meteorologen erhoben wurden. Dabei wird davon ausgegangen, dass das Jahrzehnt 1881 bis 1890 mit 7,6 Grad Celsius geeignet ist, die durchschnittliche Lufttemperatur der vorindustriellen Zeit in Deutschland darzustellen.

Ein Problem der bisherigen Auslegung der Temperaturzunahme durch Meteorologie und Klimaforschung ist, dass die Klimaentwicklung sicherheitshalber in Intervallen von 30 Jahren beobachtet und interpretiert wird, um Wettereinflüsse einzelner Jahre zu relativieren. Das ist wissenschaftlich völlig korrekt, um Ausreißer zu verhindern, sorgt aber dafür, dass der jeweilige Ist-Zustand der Klimakatastrophe nicht scharf abgebildet wird, weil viele Jahre mitbetrachtet werden, die für den Ist-Zustand gegebenenfalls nicht mehr relevant sind.

Zum Vergleich: Würde diese Methode auf einen Kochtopf auf dem Herd angewendet, so würden man trotz des in dieser Minute tatsächlich kochenden Wassers immer die letzten 30 Minuten mitbetrachten und annehmen, dass das Wasser noch nicht kocht, weil die Durchschnittstemperatur über 30 Minuten betrachtet viel niedriger liegt und es sich beim derzeit kochenden Wasser eventuell nur um einen Ausreißer und nicht um einen repräsentativen Wert des Ist-Zustandes handelt. Dieser Vergleich ist natürlich vereinfacht, in Wirklichkeit gibt es trotz Klimakatastrophe auch Jahre mit geringerer Temperatur als im Vorjahr.

Vor diesem Hintergrund haben wir zwei Optionen, wie wir mit Temperaturmessungen zukünftig umgehen:

  • Entweder wir behalten den Status-quo der Temperaturinterpretation bei, wodurch wir die tatsächliche Situation potentiell unterschätzen, weiterhin zu wenig ernsthafte Klimaschutz-Maßnahmen ergreifen und erst im Nachhinein erkennen, dass es sich bei den in diesem Jahrzehnt besonders hohen Temperaturen nicht nur um ein kurzfristiges Wetter, sondern bereits um ein Klimaereignis gehandelt hat.
  •  Oder wir ändern die Temperaturinterpretation insoweit, dass der Ist-Zustand zum Vergleich herangezogen wird, höchstens aber die letzten 10 Jahre. Dadurch wird die Aussage zwar fragiler und es könnte sich im Nachhinein herausstellen, dass diese Betrachtungsweise nicht korrekt war, wenn es sich tatsächlich nur um ein Wetter- und noch nicht um ein Klimaereignis gehandelt hat. Eventuell bereits ergriffene ernsthafte Maßnahmen zum Klimaschutz wären aber dennoch sinnvoll, weil wir ja noch weit entfernt von einem verträglichen Treibhausgas-Emissionsniveau sind. Stellt sich aber heraus, dass es sich bei den aktuellen Temperaturen doch schon um ein Klimaereignis handelt, so wäre bei dieser Vorgehensweise sichergestellt, dass wir die Ist-Situation korrekt erfassen und nicht einen Mittelwert aus längst vergangenen Werten bilden.
  • Zudem sei darauf hingewiesen, dass selbst die Einhaltung der 2 Grad-Grenze keinesfalls eine sichere Variante der Klimaentwicklung darstellt, sondern weitreichende, nicht selten katastrophale Auswirkungen auf unsere Umwelt und Gesundheit zeigen wird. Und was nützt es uns, wenn wir uns weltweit noch im Bereich einer Temperaturzunahme von 1,1 Grad Celsius (Landflächen und Ozeane) bewegen, aber die Landflächen der Nordhalbkugel schon jetzt eine durchschnittliche Temperaturzunahme von 1,9 Grad Celsius zu verzeichnen haben? Die Gletscher der Nordhalbkugel bilden keinen globalen Durchschnittswert, die Tiere und Pflanzen der Nordhalbkugel bilden keinen globalen Durchschnittswert, es zählen nur die tatsächlichen Temperaturen vor Ort.

    Unter der Maßgabe, nicht 30 Jahre, sondern höchstens 10 Jahre zum Maßstab zu nehmen, interpretiert der Autor die Temperaturzunahme neu und definiert neben dem in Paris vereinbarten Anspruch, weltweit 1,5 Grad Celsius, maximal aber 2 Grad Celsius Erwärmung zu akzeptieren, weitere Ansprüche für die Erwärmung der Landflächen der Nordhalbkugel. Hier die Temperaturzunahme für die Landflächen der Nordhalbkugel:

     - Globale-Durchschnittstemperatur (Climate at a Glance: Global Time Series, published July 2018, retrieved on August 11, 2018)
    Globale-Durchschnittstemperatur (Climate at a Glance: Global Time Series, published July 2018, retrieved on August 11, 2018)
    Grafik: NOAA National Centers for Environmental information

    Zur Interpretation der Grafik oben: Die Temperaturdifferenz zwischen 1880 und 1890 und den Jahren 2015 bis heute beträgt für Landflächen der Nordhalbkugel bereits etwa 1,9 Grad Celsius.

    Die politische Forderung muss lauten, auch rein für die Landflächen der Nordhalbkugel die 2-Grad-Grenze einzuhalten, weil es nichts nützt, wenn Ozeane oder die Südhalbkugel rechnerisch die erhebliche Temperatur-Überschreitung der Nordhalbkugel-Landflächen ausgleichen: Diese Landflächen werden trotzdem durch Hitze und Trockenheit erheblich betroffen sein, auch wenn es im globalen Mittel noch nach akzeptablen Temperaturen aussieht. Zur Verdeutlichung: Erhitzt sich die Nordhalbkugel zukünftig beispielsweise um 3 Grad Celsius, die Südhalbkugel aber „nur“ um 1 Grad Celsius, so ergibt dies im globalen Mittel die 2-Grad-Grenze, auch wenn die Nordhalbkugel deutlich über diesem Ziel gelandet ist und dort Hitze, Dürre oder andernorts Starkregen das Leben erschweren. Um beim Vergleich mit dem Topf heißen Wassers zu bleiben: Der ist auch dann heiß, wenn sich in einem anderen Zimmer der Wohnung eine Eisschüssel befindet, denn Durchschnittswerte sind im Klimazusammenhang trügerisch. Der heiße Topf Wasser steht hier für die Landflächen der Nordhalbkugel und die Eisschüssel für die Ozeane der Südhalbkugel.

    Die Betrachtung von 30-Jahres-Intervallen durch Meteorologie und Klimaforschung und die damit verbundenen unscharfen Aussagen auf den Ist-Stand der Klimaerhitzung spielen den handlungsunwilligen Teilen der Politik in die Hände: Eine Debatte über ernsthafte Energiewende- und Klimaschutzpolitik wäre notwendig, wenn wie derzeit extreme Hitzewellen die gesamte nördliche Erdkugel erfassen, nicht selten verbunden mit Waldbränden und Ernteausfällen. Nach Aussagen von Klimaforscherinnen und Klimaforschern sind sie auf die Erderwärmung zurückzuführen und werden in Zukunft noch zunehmen.

    Wir müssen JETZT mit ernsthaften Maßnahmen reagieren, um die Auswirkungen der Klimakatastrophe zu begrenzen. Der Kohleausstieg, der deutliche Ausbau der erneuerbaren Energien, das Ende der Erdöl-Heizungen und der Umstieg bei PKW, LKW, Bus, Schiff und Flugzeug auf erneuerbare Antriebe sind die nächsten Schritte, die nicht einfach werden, aber notwendig sind und sogar nachhaltige Arbeitsplätze und Geschäftsmodelle schaffen.

    Zentrale Thesen des Autors in Kurzform:

    Quellen:

    Autor: 

    Dr. Philipp Schmagold ist Lehrbeauftragter der Fachhochschule Kiel und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes Windenergie (BWE) und Regionalleiter der ENERTRAG AG.