Foto: BWE/Silke Reents

Windgipfel

"Einbruchzahlen von 80 bis 90 Prozent"

Was muss beim heutigen Windgipfel mit Bundeswirtschaftsminister Altmaier passieren, damit die Windbranche wieder auf die Beine kommt?

Nicole Weinhold

Björn Spiegel,Vizepräsident des Bundesverbands Windenergie und bei der Unternehmensgruppe Arge Netz zuständig für Politik und Kommunikation, geht im Interview mit ERNEUERBARE ENERGIEN auf den heutigen Windgipfel mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ein. 50 Verbändevertreter und Experten werden erwartet.

Was versprechen Sie sich vom Windgipfel?

Björn Spiegel: Wir erwarten ein starkes Signal vonseiten der Politik, dass sie hinter der Windenergie als Leistungsträger der Energiewende steht. Aber auch hinter den ganzen Erneuerbaren. 65 Prozent Erneuerbare bis 2030 sind schlicht eine energie- und klimapolitische Notwendigkeit. Hier sind Bund, Länder und Kommunen gleichermaßen gefragt. Danach müssen wir zügig in die Umsetzung vor Ort gehen. Der BWE hat hierzu einen substanziellen Aktionsplan für mehr und schnellere Genehmigungen auf den Tisch gelegt. Denn wir erleben jetzt nach dem Zusammenbruch der Photovoltaik-Industrie in den vergangenen Jahren einen noch größeren Einbruch bei der Windenergie. Wir haben Einbruchzahlen von 80 bis 90 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren. Das ist dramatisch. Das wird bei manchen Anlagenbauern teilweise noch durch einen guten Export abgewendet, weil die Energiewende im Ausland zügig voranschreitet. Die Energiewende vor Ort, der Klimaschutz und Wertschöpfung durch tausende innovative Mittelständler gehen jedoch leer aus. Konferenzen wie der Windgipfel sind gut, um sich in die Augen zu schauen und ein gemeinsames Verständnis dafür zu bekommen, wie es weiter geht. Dann muss gehandelt werden Die Branche will hören, dass die Politik hinter ihr steht und das auch noch außen kommuniziert. Wenn es Probleme gibt, sollen auch die offen angesprochen werden. Damit wir nach dem Ausstieg aus Kohle und Kernenergie vor allem beim „Anschalten“ mit Wind und Erneuerbaren erfolgreich sind, müssen diese Treffen regelmäßig stattfinden. Darüber hinaus braucht es ein gut durchdachtes Projektmanagement für die Energiewende, mit klarem Zeitplan und konkreten Maßnahmen für die nächsten Jahre.

Es entsteht ja der Eindruck, dass die Politik nicht wirklich auf die Bedenken vonseiten der Branche gehört hat, als es um die Schwächen des Ausschreibungsmodells ging.

Björn Spiegel: Die Politik wollte mit dem Ausschreibungsmodell einen Schritt hin zu mehr Marktorientierung unternehmen. Dabei hat man leider vernachlässigt, weitere zentrale Leitplanken des Marktes für die Erneuerbaren fit zu machen. So fehlt es seit Jahren an einer wirksamen CO2-Beptreisung und an einer Absenkung der Strompreisbestandteile, um auch die anderen Sektoren für Erneuerbare zu öffnen. Aber tatsächlich ist es so, dass es manchmal ein Informations-Gap gibt. Man wusste zum Beispiel, dass Bürgerenergie und innovative Lösungen aus den Regionen heraus grundsätzlich der richtige Weg sind, wenn es um Akzeptanz geht. Aber dass die Regelung in den Ausschreibungen (keine BImSchG-Genehmigung nötig) zu Ausfällen führen würde, das war mit Ansage. Es wurde trotzdem umgesetzt. Hier sind wir als ganze Branche in der Pflicht noch deutlicher für unsere Positionen einzutreten und Lösungsvorschläge zu erarbeiten, die auch politisch umsetzbar sind. Daher sollten wir als Branche die Vorlage aus dem Winterpaket zur Ausgestaltung der Bürgerenergie nutzen. Die Energiewende-Ziele sind ja parteiübergreifend gesetzt. Darum sollte man gemeinsam daran arbeiten, diese nun auch zu erreichen.

Muss die Windbranche befürchten, dass die Windkraft das ungeliebte Kind der Energiebranche wird? Derzeit finden Offshore und Photovoltaik deutlich mehr Akzeptanz.

Björn Spiegel: Dort wo wir auf Bürgerwindparks setzen, die Menschen frühzeitig mit einbeziehen und Lösungen vor Ort schaffen haben wir einen großen Zuspruch. Auch die Politik ist sich sehr wohl bewusst, dass die Energiewende ohne Onshore-Wind nicht funktionieren wird. So sehr wie wir Photovoltaik, Offshore und auch Biomasse brauchen, so sehr benötigen wir auch Wind an Land, auch wenn wir über Industriebelieferungen nachdenken. Es ist aber richtig, dass in der Branche auch Fehler gemacht wurden und heute viele neue Projekte blockiert werden. Zugleich geht man gern den Weg des vermeintlich geringeren Widerstands. Und es scheint so, dass sich gerade gegen Wind Onshore mehr Widerstand formiert hat als bei anderen Technologien. Vielmehr müssen wir den Menschen das Gefühl geben, das ist „unsere“ Energie, die uns antreibt, die uns wärmt, und die uns auch Arbeitsplätze bringt, oder die unsere Industrie vor Ort sicher mit grüner Energie beliefert. Neben diesem Leitbild müssen wir jetzt mit der Politik einen Plan erarbeiten und mit einem konkreten Projektmanagement umsetzen, wie wir die Flächen sichern, Genehmigungen beschleunigen können, wie wir einen Abgleich zum Arten- und Umweltschutz sicherstellen können. Dabei ist es auch entscheidend, dass Erneuerbare im digitalen Verbundsystem Versorgungssicherheit gewährleisten. Ziel muss es sein, dass wir die Industrie mit erneuerbarer Energie versorgen können und natürlich auch Gewerbe, Städte, Haushalte.

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