Energieexperte Tim Meyer warnt vor einer politisierten Debatte und erklärt, warum der Gaspreis der wahre Preistreiber bleibt.
Nicole Weinhold
Tim Meyer von der Firma 3E Punkt ist Autor des 2025 erschienen Buchs „Strom – über Nostalgie, und warum der Markt längst entschieden hat“. Im Interview räumt er mit dem Mythos auf, die Energiewende sei schuld an hohen Strompreisen, und fordert stattdessen einen technologieoffenen Blick auf günstigere Alternativen.
Herr Meyer, wie bewerten Sie den Zusammenhang zwischen neuen Gaskraftwerken und der Strompreisentwicklung?
Tim Meyer: Es gibt hier ein grundlegendes Missverständnis, das in der politischen Debatte ständig mitschwingt: dass die hohen Strompreise vor allem eine Folge der Energiewende seien. Wer den Markt kennt, weiß aber, dass das nicht stimmt. Der entscheidende Treiber der Preisentwicklung war und ist der Gaspreis. Deshalb sind die Energiepreise gestiegen – nicht wegen der erneuerbaren Energien.
Mehr Gaskraftwerke helfen also nicht gegen hohe Strompreise. Im Gegenteil: Gas ist die teuerste Form der Stromerzeugung. Gaskraftwerke können in der Übergangszeit zur Versorgungssicherheit beitragen, aber sie sind kein Instrument zur Preissenkung.
Warum wird dieser Zusammenhang Ihrer Meinung nach so selten thematisiert?
Tim Meyer: Die Diskussion ist stark politisiert. Es geht weniger um Sachfragen als um Deutungshoheit: Sind die Erneuerbaren gut oder schlecht? Werden sie als Ursache von Problemen dargestellt, obwohl sie längst weltweit Treiber von Modernisierung und günstiger Energie sind?
Viele Akteure tun sich schwer damit, diese Realität anzuerkennen – auch, weil sie den Ausbau der Erneuerbaren lange bekämpft haben. Jetzt zu sagen: Ja, genau das senkt die Preise, passt nicht mehr zur eigenen politischen Identität. Stattdessen greift man auf alte Narrative zurück und erzählt die Zusammenhänge verzerrt weiter.
Batteriespeicher und flexible Lasten tragen auch als kurzfristige Flexibilität zur Reduktion von Lastspitzen bei.
Foto: 3Epunkt
Sie sprechen von einer ideologisch geprägten Debatte. Woran zeigt sich das konkret?
Tim Meyer: Man legt sich auf den Bau einer bestimmten Anzahl von Gaskraftwerken fest, ohne wissen zu können, wie viel steuerbare Leistung im Jahr 2045 wirklich gebraucht wird. Die eigentliche Herausforderung sind sogenannte Dunkelflauten. Doch Alternativen, diese anders als mit Gaskraftwerken zu überbrücken, blendet man weitgehend aus.
Dabei gäbe es heute schon mehrere Optionen: Batteriespeicher und flexible Lasten tragen auch als kurzfristige Flexibilität zur Reduktion von Lastspitzen bei.Dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung, flexibilisierte Biogasverstromung, aber auch gerade in Entwicklung und Skalierung befindliche neue Speichertechnologien sind alternativen für die Überbrückung mehrerer Tage. Aus all dem folgt, dass es ein Fehler wäre, jetzt massenhaft neue Gaskraftwerke zu bauen. Wir würden uns heute existierende und zukünftig kommende günstigere Alternativen verbauen.
Welche Alternativen werden aus Ihrer Sicht unterschätzt?
Tim Meyer: Allen voran die Flexibilisierung bestehender Biogas-Kraftwerke. Man kann zusätzliche Generatoren installieren, Gasspeicher nachrüsten – das kostet vergleichsweise wenig Geld. Studien zeigen, dass man auf diese Weise rund 20 Gigawatt steuerbare Leistung aus bestehenden Anlagen mobilisieren könnte. Diese Option wird systematisch kaum diskutiert. Stattdessen wird der Neubau von Gaskraftwerken als alternativlos dargestellt, obwohl er deutlich teurer ist.
Auch die Biogasbranche verweist seit Langem auf ungenutzte Potenziale. Teilen Sie diese Einschätzung?
Tim Meyer: Ja. Viele Biogasanlagen kommen in ein Alter, in dem sie ohne passende Rahmenbedingungen stillgelegt werden. Dabei könnten sie einen wichtigen Beitrag zur gesicherten Leistung leisten. Das zeigt, dass es in der Debatte nicht nur um Technik geht, sondern auch um politische Prioritäten.
Was bedeutet das für die geplanten 41 Gigawatt Gaskraftwerksleistung?
Tim Meyer: Wir sollten aufhören, über „Gaskraftwerke“ zu sprechen, und stattdessen über steuerbare Leistung. Die entscheidende Frage ist: Welche Form von steuerbarer Leistung können und wollen wir nutzen? Und mit welchem Marktdesign bekommen wir diese steuerbare Leistung kostenoptimal?
Wasserstoff wird oft genannt, aber aktuell ziehen viele Akteure ihre Initiativen zurück. Langfristig wird Wasserstoff wahrscheinlich eine Rolle spielen – aber heute ist das kein tragfähiges Argument für diesen Ausbaupfad.
Und als Marktdesign steht ein zentraler Kapazitätsmechanismus zur Diskussion. Es gibt marktlichere Alternativen. Auch beim Marktdesign kann man viel richtig und falsch machen.
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