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Ein modernes Märchen

Von Frau Krug und dem Ende ihres beschaulichen Lebens

Unter der Überschrift „Kampf gegen Windmühlen“ fand Walter Delabar in der FAZ die Geschichte von Frau Krug - und analysierte dieses „moderne Märchen“ für uns.

Inhaltsverzeichnis

Die Energiewende spaltet die Gesellschaft, der Ausbau der Windenergie provoziert lokale Widerstände, die Lasten haben die Anrainer auf dem Land zu tragen, während die fernen Betreiber Profite eintreiben. Als Angriff der Stadt auf das Land wird das alles verstanden, als Angriff auf die Natur und eben auch auf uralte Kulturräume. Nicht zuletzt auf die bis dahin haltbaren Werte, etwa von Immobilien, die durch die neuen Nachbarn rasant verlieren. Schließlich rauben Windparks in der Nachbarschaft Anrainern Gesundheit und Schlaf. Die schöne Ruhe ist vorbei, die Beschaulichkeit des ländlichen Lebens ist nachhaltig – zerstört. Und da das alles überall zugleich passiert, gibt es keinen Zufluchtsort mehr, sondern nur noch das hilflose Festhalten am Widerstand gegen die neue Industrie, auf dem Land, im Wald, in der Natur und vor allem in der Nachbarschaft.

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 14. Juni 2020 fand sich eine Reportage von Tobias Schrörs, der, wie der Website der FAZ zu entnehmen ist, Redakteur der Politischen Redaktion der FAZ ist. Die Überschrift: „Kampf gegen Windmühlen“, von dem wir ja wissen, dass er vergeblich ist.

In Schrörs Geschichte ist das auch so. Erzählt wird die Geschichte einer Frau mit Namen Vera Krug, die mit Mann und zwei Söhnen in Wald-Michelbach im Odenwald lebt. Wald-Michelbach liegt, wenn Google da korrekt informiert, ca. 50 km nördlich von Heidelberg, also keineswegs in einer der menschenleeren Regionen der neuen Bundesländer, von denen sonst immer die Rede ist, sondern mitten in einem der Herzländer der alten Bundesrepublik.

Frau Krug wird vielleicht 45 oder 50 Jahre alt sein, arbeitet von zuhause aus (sie gibt Stammdaten für eine Firma ein, dafür muss man nicht ins Büro, ist aber auch keine ungebildete Landpomeranze) und führt ein beschauliches Leben mit eigener Pferdekoppel. Was ihr Mann arbeitet, wird nicht berichtet, muss ja auch nicht, es geht ja um sie.

Bis 2016 hat Frau Krug dieses Leben geführt, bis sie mitbekommen hat, dass in ca. 2 km Entfernung ein Windpark mit fünf Anlagen gebaut werden soll. Fünf sinds am Ende geworden.

Die Planung ist, wie berichtet wird, ganz normal gelaufen, anscheinend über Beschlüsse des Gemeinderats, der sich seit 2011 der Sache angenommen hat. 2011, das ist das Jahr, in der der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen wurde. Fukushima war da eine deutliche Warnung, die sogar in einer CDU/CSU-geführten Regierung angekommen ist. Was dieses Verfahren impliziert ist die öffentliche Beteiligung, die bis in die Regionalplanung hinein wirkt, in der die Ausweisung von Windvorranggebieten beschlossen wird. Ziel solcher Windvorranggebiete ist es im Übrigen, dem Wildwuchs von Windparks entgegenzuwirken und den Ausbau auf geeignete Flächen zu beschränken. Wobei geeignet heißt: Sie müssen windstark genug sein und die Anrainerinteressen müssen gewahrt werden können, also kein unziemlicher Lärm, keine landschaftsplanerische Beherrschung und schließlich auch keine unzumutbare Belastung durch Schattenwurf. Auch naturschutzrechtliche Aspekte werden berücksichtigt, weshalb Schwarzstörche eine prominente Rolle bei der Planung und Verhinderung von Windparks spielen. Findet sich nämlich ein Schwarzstorchhorst, dann ist das Gebiet im Umkreis von 3 km tabu.

Mit anderen Worten, die Regionalpläne dienen auch dem Schutz der Anrainer und der Natur. Das Genehmigungsverfahren ist öffentlich und wird auch nicht irgendwo geführt, sondern gemeindenah. Sobald der Gemeinderat aktiv wird, kann jeder Bürger an dem Verfahren teilnehmen. Man muss sich halt nur kümmern.

Das aber hat Frau Krug anscheinend nicht getan. Sie hätte aber wohl über die Jahre mitbekommen können, dass Windenergie ein Thema ist, das nicht nur „durch die Apparate“ „bis hinunter zum Kreis Bergstraße ins Rathaus von Wald-Michelbach“ „gesickert“ ist. Und spätestens seit 2011, dass das auch bei ihr vor Ort relevant ist. Nicht nur im Rathaus.

Denn anders als es der Bericht von Tobias Schrörs nahelegt, ist die Entwicklung der Windenergie keine Sache, die erst 2011 mit dem Atomausstieg oder 2000 mit dem Erneuerbare Energien Gesetz beginnt oder die irgendwie in den Ämtern quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit betrieben wird. Das Thema findet zum ersten Mal einen gesetzlichen Anker im sogenannten Stromeinspeisegesetz von 1990, das von der Regierung Kohl verabschiedet wurde. Danach folgte der Boom der Bürgerwindparks, also von Windparkprojekten, die von Gesellschaften, in denen sich teilweise mehr als 100 recht normale Leute zusammengetan hatten, um einen Windpark zu betreiben. Schon in den späten 1990er Jahren gab es eine Verpflichtung von Gemeinden, Flächen für die Windparknutzung auszuweisen, was anscheinend in Wald-Michelbach seinerzeit versäumt wurde. Oder damals wollte niemand an das Thema ran. Ab 2011 war das anscheinend anders.

Alles richtig gemacht?

Die Gemeinde hat aus ihrer Sicht alles richtig gemacht. Sie hat Flächen ausgewiesen, bei denen sie mitverdient, immerhin 200 TEuro Pacht pro Jahr. So schlecht kann der Standort nicht sein. Sie hat ein Verfahren mit öffentlicher Beteiligung durchgeführt. Und anscheinend haben keine relevanten Belange der Genehmigung entgegengestanden. Relevante Belange wären etwa gesundheitliche Einschränkungen.

Nun weist der Bericht in der Tat auf gesundheitliche Einschränkungen hin: Dafür wird das Infraschallargument bemüht, also der Hinweis, dass auch nicht hörbare tieffrequente Schallwellen (hier < 20 Hertz) gesundheitlich schädliche Wirkungen haben können. Frau Krug berichtet von Kopfschmerzen und Nervosität. Das Wohnhaus von Frau Krug liegt in einer Entfernung von fast 2 km zum Windpark, was nach Stand der Forschung jede Wahrnehmung von Infraschall ausschließt.

Dafür verweist Frau Krug darauf, dass die Anlagen besonders nachts um drei Uhr besonders laut seien, ein Satz, der eigentlich korrekt geschrieben lauten müsste: Sie sind nachts (auch um drei Uhr) besonders gut wahrnehmbar, weil die Umgebungsgeräusche zu diesem Zeitpunkt besonders gering sind und die Fokussierung des Hörenden auf jedes Geräusch besonders stark ist. So hört man eine durchfahrende Bahn auch aus großer Entfernung nachts bei Windstille oder zutragendem Wind besonders gut, während man sie tagsüber niemals hören würde.

Das betont den subjektiven Faktor, der in solchen Problemlagen eine besonders große Rolle spielt. Auch anscheinend im Falle Frau Krugs, die, wenn man dem Bericht folgen darf, sich bereits jetzt auf ihren Lebensabend vorbereitet, die Kinder bald aus dem Haus, das Haus ist abbezahlt, man hat Ruhe. Bald wird man seiner/ihrer Arbeit Früchte genießen können. Für einen Menschen, der wohl noch 15 bis 20 Jahre bis zur Rente hat, ist das eine aufschlussreiche Haltung. Aber davon einmal abgesehen, wenn Frau nun mal tatsächlich unter den Anlagen leidet? Selbst wenn es nur seelisch ist (psychisch wäre schon despektierlich)? Ist das zumutbar?

Aber weiter in der Geschichte, respektive in ihren Lücken gewühlt.

Schön wäre es für diesen Zusammenhang auch zu wissen, ob Frau Krug zugezogen ist oder auf einem alten Grundstück der Familie gebaut hat. Auffallend ist nämlich, dass das Heimatargument, das ansonsten immer wieder auftaucht (auch im Zusammenhang mit dem Braunkohletagebau im Rheinland), bestenfalls angedeutet wird. Auch wird nicht mitgeeilt, ob sie oder ihre Familie hier schon länger ansässig sind, vielleicht über Generationen?

Stattdessen beginnt der Text mit den Sätzen: „Bevor die Windräder kamen, war alles ruhig, Vera Krug führte ein beschauliches Leben in Wald-Michelbach, einem kleinen Ort im Odenwald. Die große Politik war weit weg.“ Mit solchen Sätzen könnte auch ein modernes Märchen beginnen – und leider liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei dieser Reportage um ein modernes Märchen handelt, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat. Aber eben als Lehrstück verhandelt werden soll.

Aber Frau Krug leidet nicht nur – was ihr niemand nehmen kann –, sondern hat auch andere Argumente: den Tier- und Naturschutz vor allem. Der Schutz des Schwarzstorches und von Rotmilanen steht dabei im Vordergrund. Außerdem könne es doch nicht richtig sein, „in den Wald Industrieanlagen“ zu stellen. Was in der Tat erst bei neueren Projekten – als seit ungefähr 2010 – möglich ist, weil die Gesamthöhe der Anlagen so stark gewachsen ist, dass vom Wald keine störenden Einflüsse mehr auf die Windhöffigkeit zu erwarten ist.

Darüber hinaus betont sie, dass sich das Projekt wirtschaftlich nicht rechne (was der Betreiber dementiert). Wie überhaupt die Energiewende misslungen sei, setze sie doch (um das Argument etwas anders anzuordnen) auf „Industrialisierung durch Windkraft“, was doch wohl nicht – und das ist tatsächlich ein wenig missverständlich formuliert – „im Sinne des Klimawandels“ sein könne.

Alles das sind Argumente, die im Genehmigungsverfahren, aber auch in der politischen Debatte eine Rolle spielen. Fehlurteile und anderes einmal ignoriert: Sie sollten dort auch angemessen behandelt werden. Also Anlagen nur da, wo der Naturschutz berücksichtigt wird oder hinreichende Kompensationsmaßahmen umgesetzt werden können. Immerhin eine Anlage ist so anscheinend nicht zustande gekommen. Ist also irgendetwas falsch gelaufen?

Eine andere Geschichte (mit stark fiktionalem Anteil)

Nun kann man die Geschichte von Frau Krug – zugegeben mit einigen fast böswilligen Unterstellungen – auch anders erzählen: Da zieht eine junge Frau samt Familie aufs Land, weil sie endlich Ruhe, einen eigenen Garten und vielleicht sogar Pferde haben will. Frau Krug daheim hat mit dem alten Arbeitgeber einen Deal gemacht und darf von zuhause aus arbeiten. Das hilft auch finanziell. Voraussetzung ist eine gute Internetverbindung, und die gibt es hier. Die Familie baut ein Haus, eine Koppel, es werden Pferde angeschafft, die Arbeit ist nicht stressig, die Jungs gehen in den nahegelegenen Ort zur Schule. Die Familie richtet sich ein und kümmert sich nicht weiter. Was in der weiten Welt passiert, liest man morgens in der Zeitung und schaut man abends in der Tagesschau. Wenn das zu sehr nervt, lässt Frau Krug auch das. Beteiligung an der Gemeinde? Warum? Es ist doch alles gut organisiert. Der nahegelegene Wald ist ein Ort der Erholung und Erbauung. Frau Krug kennt den Förster, und im Winter, wenn Holz geschlagen wird, geht sie eben für ein paar Wochen dem Lärm und der Hektik aus dem Weg. Immerhin wird in der Holzwirtschaft nicht mit Fuchsschwänzen gearbeitet.

Bis dann die Windkraftanlagen gebaut werden sollen. Damit ist die heile Welt hin, sie stören, alles wird anders. Statt der Vögel wird man sommers morgens um halb 5 von den Windkraftanlagen geweckt (was bezweifelt werden darf). Der schöne Ausblick ist verstellt. Nichts ist mehr wie es war.

Aber – das muss man eben auch einräumen – so war es ja auch nie (ja, das ist Spekulation).

Aber vielleicht so? Denn während Frau Krug zuhause bleibt (bleiben kann), pendelt Herr Krug weiter in die Stadt, vielleicht nach Heidelberg, Mannheim oder sogar nach Darmstadt. Er hat da einen guten Job, verdient gut, was gerade in den Zeiten, in denen das Haus abbezahlt werden muss und die Jungs ungeahnte Bedürfnisse entwickeln und ja auch noch die Pferde angeschafft worden sind, ganz hilfreich ist. Das tägliche Pendeln ist ätzend, aber er ist dran gewöhnt. Und am Wochenende kann er ja zur Erholung zuhause das eine oder andere am Haus oder Stall werkeln. (Vielleicht ist Herr Krug aber auch bei der Gemeinde oder Schreiner am Ort, was wir nicht wissen können.)

Wald-Michelbach ist klein, aber die Leute sind gut versorgt. Was man hier nicht bekommt, baut man selber an oder Herr Krug bringts aus der Stadt mit oder es wird geliefert. Die Infrastruktur ist gut, die Zufahrtsstraßen könnten besser ausgebaut sein (keine Ahnung, ich kenne Wald-Michelbach nicht). Die Lebensqualität ist hoch, weil die Krugs das Beste aus zwei Welten haben können und noch ihre Ruhe haben.

Die paar Touristen oder die Schwerlaster, mit denen das Holz aus dem Forst gefahren wird, stören nicht. Die Krugs haben sich gewöhnt. Die Post wird gebracht, sauberes Wasser fließt, Strom gibt’s aus der Steckdose, Schulen, Läden, Fernsehen, Internet, alles da.

Soll heißen, die Idylle ist ein Märchen, eine Konstruktion, in der alles ausgeblendet wird, was nicht hineinpasst, aber alles genutzt wird, was einem normalen Mitteleuropäer ans Herz gewachsen ist.

Aber dann ändert sich was. Und schon ist der schöne Lebensabend perdu. Die kalte Welt der Industrien und Ökonomien bricht ein und zerstört alles, was sich Frau Krug aufgebaut hat, alles, alles.

Und ein solche Geschichte soll wahr sein? Anscheinend soll sie.

Autor: Prof. Dr. Walter Delabar, REZ, Regenerative Energien Zernsee GmbH & Co. KG, Geschäftsführung

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