Springe auf Hauptinhalt Springe auf Hauptmenü Springe auf SiteSearch

Wenn das Dorf zur eigenen Energiezentrale wird

Nicole Weinhold

Es begann mit einer Bierlaune. Heute, vierzehn Jahre später, fließt durch fünfzehn Kilometer Stahlrohr unter den Straßen von Ebenweiler die Wärme für fast 300 Häuser, für Schule, Rathaus, Kindergarten, jede Vereinshütte – und sogar für die Kirche. Hermann Stehle, Vorstand der Bürgerenergie Ebenweiler, erzählt die Geschichte eines oberschwäbischen Dorfes mit 1.400 Einwohnern, das sich aufmachte, das erste Bioenergiedorf im Landkreis Ravensburg zu werden.

„Wenn Sie das alles mit Geld bezahlen müssten, dann ist das wirklich sehr, sehr unmöglich.“ Stehle sagt diesen Satz mit der Nüchternheit eines Mannes, der weiß, wovon er spricht. Er kommt aus dem Bankenmetier, sein Vorstandskollege Egon Birkenmeier verantwortet die Technik. Eine bewusste Trennung: „Sie können nicht beides beherrschen. Sie brauchen heute fähige, technisch agierende Menschen – und Sie brauchen das kaufmännische Steuerungs- und Finanzierungsthema separat.“

Vom Maisacker zur Wärmequelle

Der Antrieb kam aus den Ställen. Im Süden Deutschlands sind Biogasanlagen lange als „Flächenschänder“ verschrien gewesen, als Monokulturtreiber. In Ebenweiler war es anders. „Wir haben tolle Biogas-Landwirte, die rechtzeitig erkannt haben: Wir bauen alles an, keine Monokultur, wir machen nicht nur Mais. Und vor allem: Wir wollen mit dieser Abwärme aus den Blockheizkraftwerken etwas Sinnvolles tun.“ Doch den Landwirten allein war das Projekt finanziell zu groß. Also setzte sich eine Bürgerschar zusammen – Gemeinderäte, Heizungsbauer, Elektriker, Banker. Zehn Pioniere legten privates Geld auf den Tisch. „Wir haben gesagt: Wenn es gut geht, kriegen wir es wieder. Wenn es schlecht geht, dann erzählen wir es nicht daheim.“

Das Dilemma der ersten Stunde

Stehle beschreibt das Henne-Ei-Problem jeder Bürgerenergie-Gründung mit fast komischer Schärfe: „Sie kriegen den Kredit erst, wenn Sie ein Unternehmen sind. Das werden Sie erst, wenn Sie eine Machbarkeitsstudie haben. Und die bekommen Sie erst, wenn Sie den Kredit haben.“

285 Objekte angeschlossen, 275 Genossenschaftsmitglieder - die Bürgerenergie Ebenweiler hat eine außergewöhnlich hohe Beteiligung

Dazu die ewige Bürgerfrage, gestellt im breiten Schwäbisch: „Was kostet‘s?“ Eine Antwort, die niemand geben kann, solange unklar ist, wie viele mitmachen. Zwei Jahre lang zogen die Aktiven von Haustür zu Haustür, von Versammlung zu Versammlung. „Wir haben die Menschen abgeholt, mitgenommen. Wir haben nie das Verständnis gegeben, dass wir dieses Projekt nicht umsetzen würden.“

Heute zeigt die Bilanz, dass sich das Klinkenputzen gelohnt hat: 6,5 Millionen Euro investiert, 2,5 Millionen Förderung abgegriffen, 285 Objekte angeschlossen, rund 275 Genossenschaftsmitglieder. Bei 450 Haushalten im Ort eine Anschlussquote, die in Baden-Württemberg „flächendeckend fast nirgendwo zu finden“ ist.

Kirche, Glasfaser, Synergie

Besonders stolz ist Stehle auf zwei Anschlüsse. Erstens: alle Kommunalgebäude. „Das zeigt mehr denn je die Verbindlichkeit unserer Kommune – die sind nicht nur Mitglied, die sind aktiv Wärmeabnehmer.“ Zweitens: die Kirche. „Da hatten wir spannende Diskussionen. Nach dem Motto: Was tut ihr da? Ihr verbrennt Mais, Lebensmittel!“ Erst nachdem die Genossenschaft das Nachhaltigkeitskonzept ausgebreitet hatte, wich das Gotteshaus von seiner Ölheizung.

Weil ohnehin jede Straße aufgerissen wurde, verlegte die Gemeinde gleich Glasfaser mit. „Wir haben einen Mega-Synergie-Effekt erfüllt.“ Jedes Haus in Ebenweiler hat heute einen Anschluss ans schnelle Netz – als Nebenprodukt der Wärmewende.

Vom Biogas zum Käferholz

Anfangs sollte die Biogasanlage 100 Prozent liefern. Heute kommen rund 60 Prozent aus vier eigenen Hackschnitzelkesseln. Der Rohstoff: regionales Schadholz. „Wir kaufen das sogenannte Käfer- oder Abfallholz auf, das eh in die Industrie geht – von herzoglichen und gräflichen Waldgütern, fünf bis zehn Kilometer Befuhrzeit, und lassen direkt vor Ort hacken.“ 4.500 Kubikmeter Jahresvorrat lagern in einer eigenen Halle. So entkommt die Genossenschaft den Preissprüngen am Energiemarkt.

Sie kriegen den Kredit erst, wenn Sie ein Unternehmen sind. Das werden Sie erst, wenn Sie eine Machbarkeitsstudie haben. Und die bekommen Sie erst, wenn Sie den Kredit haben.

Hermann Stehle, Vorstand der Bürgerenergie Ebenweiler

Das Netz ist auf Sicherheit getrimmt: Stahlrohr mit Leckortung, vollautomatische digitale Überwachung, eigene Notstromaggregate, eine mobile Wärmezentrale, ein 100-Kubikmeter-Pufferspeicher für die Frühanfahrt, dazu 3.000 Kubikmeter Speichervolumen an der Biogasanlage. „Wir sind bald besser als die Stadtwerke.“

Zehn Cent – und sinkend

Der Wärmepreis lag 2025 bei 10 Cent pro Kilowattstunde plus 24 Euro Grundpreis im Monat. „Und das ist das Schöne: Wir senken den Preis jetzt.“ Während die Ölpreise „desaströs“ schwanken, kalkuliert die Genossenschaft mit Stahlrohr-Abschreibungen über 30 bis 40 Jahre.

Was Stehle vermisst, ist politische Rückendeckung in der riskantesten Phase – ganz am Anfang: „Dass die Politik Vereinigungen finanziell unterstützt, mit Fördertöpfen oder mit Planungsmitteln, das ist weit gefehlt.“

Sein Fazit nach 14 Jahren klingt müde und stolz zugleich: „Wenn wir nicht in einem Dorf wären, wenn wir nicht das Ehrenamt leben würden, wenn wir nicht Menschen hätten, die hinter dem Naturgedanken stehen – dann wäre das alles nicht möglich gewesen.“

Foto: Made with Google AI

Jetzt weiterlesen und profitieren.

+ ERE E-Paper-Ausgabe – jeden Monat neu
+ Kostenfreien Zugang zu unserem Online-Archiv
+ Fokus ERE: Sonderhefte (PDF)
+ Webinare und Veranstaltungen mit Rabatten
uvm.

Premium Mitgliedschaft

2 Monate kostenlos testen