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Branchentage Windenergie NRW

Windbranche befürchtet Fadenriss und weitere Jobverluste

Die deutsche Windbranche an Land und auf See leidet unter massiven Ausbaueinbrüchen.

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Nicole Weinhold

"Bei längerem Fahren mit angezogener Handbremse geht der Motor kaputt", erklärte Björn Spiegel, Vize-Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), während der Branchentage Windenergie NRW. Die Lage der Branche sei dramatisch, Einbrüche von 91 Prozent seien in diesem Jahr bisher zu verzeichnen. "41 Anlagen wurden im ersten Quartal aufgebaut." Spiegel befürchtet, dass es zum Fadenriss kommt. Noch könne der fehlende Ausbau in Deutschland zum Teil durch gute Exportgeschäfte abgedämpft werden. Aber: "Wenn wir weiter den Abbau von Arbeitsplätzen erleben, sind wir irgendwann nicht mehr exportfähig", so Spiegel.

Die Bundesregierung übe sich derweil in Selbstblockade, etwa die AG Akzeptanz, die sich in einer Diskussion über Abständen verrannt hat. Landespolitisch sei NRW im negativen Sinn Vorreiter. Das Land betreibe eine Doppelblockade gegen Windkraft - durch den Ausschluss von Windenergie im Wald und durch größere Anlagenabstände. Die schwarz-gelbe Koalition hat gerade im Wirtschaftsausschuss des Landtages klargestellt, dass noch vor der Sommerpause strengere Regelungen für die Windkraft verabschiedet werden: So soll der Bau von Windrädern im Wald eingeschränkt werden. Zudem ist ein Mindestabstand zu Wohngebieten von 1.500 Metern statt der bisher üblichen 600 bis 800 Meter geplant.

Sorgen um die Zukunft

Spiegel verwies derweil auf Bewegungen wie Fridays for Future: "Viele Menschen machen sich ernsthafte Sorgen um die Zukunft. Wir wollen Taten auf Worte folgen lassen." Jetzt müsse ein Aktionsplan für Erneuerbare folgen. Er erinnerte an das jüngste BEE-Szenario, das 481 TWh Erneuerbare bis 2030 vorsieht. Dafür müssten jährlich allein 4.700 MW Onshore-Wind hinzu kommen. Ähnliches fordern mehr oder weniger auch BDEW und BDI.

Wind als Leistungsträger

Spiegel betonte, man habe eigentlich eine großartige Wachstumsstory. "Wir müssen vorsichtig sein, dass wir mit Wind als Leistungsträger nicht in die Defensive fallen. Wind liefert große Strommengen." Er nannte die Formel zwei Prozent der Landesfläche für 200 GW Leistung mit insgesamt 35.000 Anlagen. "Gebt uns als Branche Platz zum Gestalten." Damit die Windkraft wieder auf die Beine kommt, will der BWE demnächst einen Aktionsplan für Genehmigungen vorstellen, um den bestehenden Genehmigungsstau aufzulösen.

Marktchancen mit PPA

Spiegel betonte die Bedeutung erneuerbarer Lösungen für die Industrie: Diese könne auf sichere und bezahlbare Regenerativenergie setzen. "Wir bekommen immer mehr Rückenwind: BMW, Siemens, Bosch, DB - alle wollen schrittweise CO2 neutral werden." Der Markt müsse sich öffnen, man brauche zusätzliche Marktchancen. "Wir brauchen einen Rahmen für PPAs."

Sonderbeitrag von zwei Gigawatt Offshore

WAB Interim-Geschäftsführerin Heike Winkler sprach auf dem Branchentag über Offshore-Wertschöpfung. Durch fehlende Auslastung der Wertschöpfungskette habe es schon Stellenabbau gegeben. KMU, die auch in NRW für die Offshore-Branche tätig sind, müssten ausgelastet werden. Laut einer Studie von Wind Research sind bereits Stellen gestrichen worden und mittlerweile nur noch 24.500 übrig geblieben."Wenn wir nicht den Sonderbeitrag von zwei GW bekommen, gehen weitere Stellen in der Wertschöpfungskette verloren. Wir müssen die Chance haben, viel produzieren zu können. Es muss ambitioniertere Ziele geben", so Winkler. 6.400 MW sind derzeit Offshore am Netz, einige Anlagen sind im Bau, aber laut Winkler deutlich zu wenig für das, was geleistet werden kann. Der Sonderbeitrag steht in Koalitionsvertrag. Die WAB-Chefin ist optimistisch, dass der Beitrag 2019/20 kommt.

German Inland Campaign

Die WAB hat auf dem Branchentag Windenergie NRW die durch das EU-Projekt Inn2POWER unterstützte „German Inland Campaign“ vorgestellt. Die Kampagne hat das Ziel, die bundesweite Wertschöpfungskette der Offshore-Windindustrie in ihrer Sichtbarkeit zu unterstützen. Die Zulieferer seien durch Ihre spezialisierten Dienstleistungen das Fundament der Branche und leiden vermehrt unter dem Offshore-Ausbaudeckel. Positive Signale, die jetzt von der Wirtschaftsministerkonferenz in Bremerhaven ausgehen, seien laut Winkler für die Akteure der gesamten Wertschöpfungskette ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Schleswig-Holstein am Ende der Supply Chain

Axel Wiese, Projektleiter der Netzwerkagentur Erneuerbare Energien Schleswig-Holstein EE.SH, erklärte auf dem Branchentag, Erneuerbare könnten nicht auf ein Bundesland reduziert werden. In NRW gebe es viele Unternehmen, die an der Energiewende im Norden mitwirken. "Wir in Schleswig-Holstein sind als eines der führenden Ausbaugebiete am Ende der Supply Chain", so Wiese. Nur 49 neue Anlagen wurden dort 2018 errichtet, sodass es nun 3.661 Anlagen mit sieben GW sind - trotz extrem schlechter Zahlen im letzten Jahr. Selbst wenn Schleswig-Holstein und Hamburg zusammen auf einen Anteil von 80 Prozent Erneuerbaren kommen, sei das laut Wiese zu kurz gegriffen: "Wir haben die Synchronisierungsprobleme noch nicht gelöst - Mobilität und Wärme sind noch nicht dekarbonisiert. Bei uns im Norden ist es notwendig, sich mit Sektorkopplung zu beschäftigen. Wir sind das Labor unter realen Bedingungen", so Wiese. Um die überschüssige Windenergie bei starkem Wind nicht abzuregeln, bietet sich die Sektorkopplung mit Wasserstoff an.

Wasserstoff-Reallabor in Schleswig-Holstein

An den Start gegangen sei in Schleswig-Holstein das Projekt E-Farm, das die Wasserstoffinfrastruktur bis zum H2-Bus durchläuft. NEW 4.0 denkt Hamburg und Schleswig-Holstein zusammen: 4,5 Mio. Einwohner sollen bis 2021 mit Regenerativstrom versorgen. Das Projekt Westküste 500 erzeugt Wasserstoff auch für Flugzeuge und Gasnetze. Und High Syn Gas ist das erste großindustrielle Projekt. "An Wasserstoff als Sektorenkopplung führt kein Weg vorbei", betont der EE.SH-Projektleiter. Darum wird die Grüne Wasserstoffwirtschaft von den Nordländer gemeinsam verfolgt, eine Strategie dazu soll bis Ende des Jahres vorgestellt werden. "Unser Bedarf an grünem Strom ist also viel größer", betont Wiese. Das Genehmigungsmoratorium in Schleswig-Holstein sei daher keine Hilfe. "Wir können nur hoffen, dass Ausbau nicht ganz zum Erliegen kommt."

Husum Wind und EE.SH

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Sektorkopplung

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