Foto: Volker Buddensiek

Meinung

Zu wenig Emotionen in der Windenergie?

Beim Konflikt zwischen Naturschutzbund Nabu und Windparkplanern ist kein Ende in Sicht. Worum geht es eigentlich? Ein Meinungsbeitrag von Volker Buddensiek.

Inhaltsverzeichnis

Zwei geplante Windräder, ein toter Milan, ein aufgebrachter Nabu-Kreisvorsitzender und eine Menge Emotionen sind die Zutaten für einen erbitterten Streit um ein Windpark-Projekt.Warum ist das inzwischen ein häufig anzutreffendes Muster? Und wie könnte es besser gehen?

Vorab: Ein bekanntes Muster – aber wir brauchen es später noch

Auf dem Gebiet der niedersächsischen Kleinstadt Rinteln plant ein Hamburger Projektierer in den Weser-Auen einen Windpark aus zwei Windenergieanlagen – mit allen Zutaten, die heutzutage zu solch einem Projekt gehören: Eine Bürgerinitiative, eine Ortsgruppe des Nabu, die sich vehement gegen die Planung stellt, Klagen gegen den Genehmigungsbescheid, ein gescheitertes Mediationsverfahren, ein Verkauf der Projektrechte.

Anfangs geht es noch um den Schutz von See- und Fischadler in den Weser-Auen und den Erhalt des Landschaftsbildes. Doch spätestens mit dem Verkauf des Projekts nimmt die Auseinandersetzung eine andere Tonlage an. Dem Verkäufer wird einerseits vorgeworfen, er stehle sich aus der Verantwortung, andererseits wird spekuliert, „ob es sich bei dem vermeintlich neuen Investor nicht doch um den alten handeln könnte“. Das Misstrauen sitzt zu diesem Zeitpunkt bereits tief: Dass ein Projekt verkauft wird, gilt bereits als Zeichen für heimliche Kungelei, denn aus Sicht der Windkraftgegner übernimmt der Käufer „die Drecksarbeit“, sprich die Anlagen zu errichten, während der Verkäufer als künftiger Vermarkter des Stroms „versucht, die Hände in Unschuld zu waschen“.

Das Ziel des örtlichen Nabu ist zu diesem Zeitpunkt längst auf einer Maximal-Position angekommen: Der Windpark soll unter keinen Umständen gebaut werden! Daher ist auch jedes Argument recht, um es gegen die geplanten Windräder zubringen. Jüngstes Beispiel: Im Mai 2020 wird im benachbarten Landkreis ein toter Rotmilan gefunden. Aufgrund des Fundortes in der Nähe eines Windparks wird die Obduktion des Greifvogels angeordnet. Die Untersuchung des Vogels ergibt, dass er sich in einem mäßigen Ernährungszustand befindet, mehrere Knochenbrüche und einen Leberriss aufweist. Daraus wird abgeleitet, dass das Tier durch die Kollision mit einem Rotorblatt getötet wurde.

Dies nimmt der Nabu-Vertreter als weiteren Beleg dafür, dass die beiden geplanten Windenergieanlagen nicht gebaut werden dürfen. Interessant an der Argumentation ist allerdings, was gesagt wird – und was nicht! So verweist der Nabu auf eine große Dunkelziffer bei Todesfällen durch Windenergieanlagen („Bei weitem nicht jedes Tier wird gefunden und im Anschluss untersucht.“) und stellt die Sinnhaftigkeit des Windpark-Projektes generell infrage, da es sich bei den geplanten Anlagen nicht um ein „bedeutendes Projekt der Energiewende“ handle, zumal deren Ertrag „überschaubar sei“ (unter anderem, weil der Landkreis Abschaltzeiten zum Schutz von Greifvögeln in die beklagte Genehmigung geschrieben hat). Nicht gesagt wird, dass sich in der Nähe ebenfalls eine Hochspannungsleitung zum Atomkraftwerk Grohnde befindet sowie eine viel befahrene Bundesstraße.

Foto: Volker Buddensiek

Kurze Unterbrechung: Wer schreibt das denn da?

An dieser Stelle sei mir eine Bemerkung gestattet: Die Argumentation des Nabu kann man auch umdrehen, indem man fragt, ob denn ein im Monat Mai trotz ausreichendem Nahrungsangebot nur mäßig ernährter Greifvogel für die weitere Bestandszunahme der Art einen „überschaubaren Beitrag“ leisten kann?

Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde den Roten Milan wunderschön und freue mich jeden Tag, wenn er auf Nahrungssuche dicht über das Dachfenster an meinem Schreibtisch fliegt. Und jeder tote Milan ist für mich ein toter Vogel zu viel! Insofern ist es gut und richtig, sich um den Schutz der Tiere zu kümmern. Aber dann bitte nicht selektiv, wenn man den Schutz als Argument gegen den Ausbau der Windenergie in Stellung bringen kann. Und nicht nur den Roten Milan schützen, sondern alle Vogelarten und ihre Lebensräume.

Natürlich weiß ein Nabu-Vorsitzender, dass die Vernichtung von Lebensräumen durch intensive Landwirtschaft mit Monokulturen und Überdüngung zu einem drastischen Rückgang des Nahrungsangebots für Greifvögel führt. Er weiß sicherlich auch, dass in Deutschland aufsummiert über alle Arten jedes Jahr etwa 185 Millionen Vögel ihr Leben lassen, weil sie gegen Glasfassaden fliegen oder bei der Suche nach Nahrung an Bahnstrecken, Autobahnen und anderen Straßen zu Tode kommen und dass jährlich weitere 60 Millionen Vögel Hauskatzen zum Opfer fallen, während an Windenergieanlagen etwa 100.000 Tiere getötet werden. Zu all diesen Todesursachen höre ich seitens des Verbandes allerdings – nichts!

Bevor ich zum Journalismus gekommen bin und angefangen habe, über erneuerbare Energien zu schreiben, habe ich Biologie studiert. Ich bin seit mehr als 20 Jahren Mitglied des Nabu. Jetzt überlege ich bei beinahe jeder neuen Pressemitteilung der Ortsgruppe des Nabu, ob es nicht höchste Zeit ist, aus dem Verband auszutreten – nicht weil ich Natur- und Umweltschutz inzwischen unnötig fände, sondern weil ich diesen engen Blick auf einzelne Individuen oder Standorte nicht nachvollziehen kann, wenn gleichzeitig der Klimawandel ganze Lebensräume und zahllose Arten in ihrer Existenz bedroht.

Auch wenn dieser Konflikt bei weitem kein Einzelfall ist, frage ich mich in letzter Zeit oft, was dort – fast vor meiner Haustür – schief gelaufen ist. Über Jahre hat der Nabu vor Ort wesentlich dazu beigetragen, aus ehemaligen Kiesabbauflächen an der Weser einen struktur- und artenreichen Lebensraum für Vögel und Amphibien zu schaffen. Die Krönung dieser Anstrengungen soll vermutlich die Ansiedlung von See- und Fischadler sein, als Spitze der Nahrungspyramide und sichtbares Zeichen für eine erfolgreiche Renaturierung. Kann es sein, dass Planungen, die diesen Erfolg gefährden könnten, nicht nur Motivation sind, die bedrohten Arten zu schützen, sondern auch persönlich genommen werden als Angriff auf die jahrelange Mühen und das Recht, jetzt auch deren Früchte einzufahren?

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Wenn ein Konflikt eskaliert …

Wie sich solche Auseinandersetzungen entwickeln, hat der österreichischen Konfliktforscher Friedrich Glasl erforscht. Er ist seit 1993 Dozent für Konfliktmanagement an der Universität Salzburg und unterscheidet neun Eskalationsstufen eines Konfliktes, die über bestimmte Merkmale definiert und von denen jeweils drei in einer Konfliktebene zusammengefasst werden. Nach Glasls Konfliktmodell geht es nur in der ersten Ebene überwiegend um die Sache selbst. Zu diesem Zeitpunkt ist es noch möglich, dass sich beide Konfliktparteien verständigen, im besten Fall sind noch Win-Win-Lösungen möglich. Brechen die Beteiligten dagegen das Gespräch ab, gleitet der Konflikt in die zweite Konfliktebene des „Win-Lose“. Hier geht es wesentlich stärker darum, sich durchzusetzen. Es wird mit Unterstellungen gearbeitet. Ziel ist es, die moralische Glaubwürdigkeit der Gegenseite zu beschädigen. In der dritten Ebene schließlich können die aufgerissenen Gräben nicht mehr überbrückt werden. Es gibt keine Bereitschaft mehr, eine Lösung zu finden, ja es wird sogar ein begrenzter eigener Schaden akzeptiert, wenn nur der Schaden des Gegners größer ist. Glasl nennt diese Ebene „Lose-Lose“.

Vieles von dem, was Glasl theoretisch analysiert hat, lässt sich auch in dem oben geschilderten Fall der Auseinandersetzung um die beiden Windkraftanlagen wiederfinden.

… und was dahinter stecken kann

Doch was treibt Menschen dazu, diesen Weg zu beschreiten? Einen interessanten Erklärungsansatz bietet Professor Gundula Hübner in ihrem sehr lesenswerten Beitrag im aktuellen „Jahrbuch für naturverträgliche Energiewende 2020“ des Kompetenzzentrums Naturschutz und Energiewende.

Ihr Ansatz basiert auf der Überlegung, dass Emotionen ebenso wie rationale Überlegungen jede Bewertung beeinflussen. Beides zusammen bestimmt, wie Ereignisse oder Situationen – also zum Beispiel auch die Planung eines Windparks – von jedem Einzelnen bewertet werden, etwa als positiver Beitrag zum Klimaschutz oder als Bedrohung der heimischen Vogelwelt.

Emotionen können zudem motivieren, bestimmte Ziele aktiv zu verfolgen. Und genau hier wird es spannend, denn Emotionen wirken sich nicht nur unterschiedlich darauf aus, wie sich jemand zur Planung eines Windparks stellt, sondern auch in welcher Intensität Zustimmung oder Ablehnung in aktive Unterstützung oder Bekämpfung münden. Die psychologische Forschung, so Hübner, zeige, dass Menschen Verluste stärker gewichten als gleichwertige Gewinne: „Verluste schmerzen uns mehr und motivieren entsprechend stark, die negativen Konsequenzen zu vermeiden – dies macht auch verständlich, warum Gegner von erneuerbaren Energieanlagen stärker aktiv werden als Befürworter.“ In der Praxis zeigt sich das darin, dass Anwohner von Windparks in der Regel mehrheitlich positiv dazu eingestellt sind und nur ein kleiner Teil sich klar negativ dazu positioniert – dies übrigens unabhängig vom Wohnabstand zu den Windenergieanlagen.

Vergleicht man aber die Emotionen von Befürwortern und Gegnern der Windenergie, dann fällt auf, dass eine positive Einstellung kaum mit positiven Emotionen wie Neugier, Stolz oder Freude verbunden ist, während eine Ablehnung häufig deutlich mit negativen Emotionen wie Bedrohung, Ärger oder Misstrauen unterfüttert ist. Da Emotionen stark zur Motivation und Verhalten beitragen, erklärt sich hieraus, warum Windkraftgegner so viel häufiger und lauter aktiv werden als die Mehrheit derer, die Windkraft befürworten.

Aber eine kritische Haltung gegenüber einem Windpark-Projekt hat natürlich auch rationale Komponenten. Wer zum Beispiel die Koordination und Effizienz der Energiewende auf Bundesebene kritisch beurteilt, wir auch den befürchteten negativen Veränderungen kaum ähnlich gewichtige Vorteile gegenüberstellen. Die Anlagen werden in einem solchen Fall sowohl emotional als auch rational rigoros abgelehnt.

Foto: Volker Buddensiek

Warum sind Windparks so wenig mit positiven Emotionen verbunden?

Windkraftbefürworter beziehen ihre Motivation stärker kognitiv als emotional. „Eine mögliche Erklärung für diese scheinbar emotionslose Wirkung“, so Hübner, „dürfte sein, dass die positiven Wirkungen der erneuerbaren Energien für den Klima- und Naturschutz kaum direkt wahrnehmbar sind.“ Im Gegensatz dazu sind die als negativ erlebten Wirkungen direkt erfahrbar, sei es die Veränderung des Landschaftsbildes, seien es Totfunde von Vögeln und Fledermäusen, die mit Rotorblättern kollidiert sind. Letzteres sind „handfeste“ Eindrücke, die stärkere Emotionen auslösen als die abstrakte Überlegung, dass der Windpark einen Beitrag zum Klimaschutz und damit auch zum Artenschutz leistet, denn beides ist dem unmittelbaren Erleben nicht zugänglich.

Nicht alle Befürchtungen von Anwohnern können im Rahmen einer Windpark-Planung aufgelöst werden – zumal es auch „Verstärker“ gibt, also Institutionen und Organisationen, die sich darauf spezialisiert haben, Befürchtungen zu schüren und negative Emotionen zu befeuern. Ein Schlüssel scheint mir hier das geschürte Misstrauen gegenüber Vertretern der Windbranche und der Genehmigungsbehörden zu sein. Ein „schönes“ Beispiel dafür ist für mich der Umgang mit dem Thema finanzielle Beteiligung. Ich bin lange genug in der Windbranche, um mich an die anfängliche Argumentation zu erinnern, die da lautete, mit dem Ertrag von Windenergieanlagen füllten sich nur Zahnärzte in Bayern die Taschen, während die Bevölkerung von Ort keinen Nutzen daraus ziehen würde. Heute wird behauptet, jede finanzielle Beteiligung der Gemeinde oder Bürger diene nur dazu, sie „zu kaufen“.

Interessanter Weise führt die Verunsicherung der Anwohner aber nach einer Studie aus dem Jahr 2019 dazu, dass inzwischen keinem der Akteure mehr ein Vertrauenszuschuss entgegengebracht wird. Von Bürgerinitiativen sehen sich Anwohner also in ihren Interessen nicht besser vertreten als durch Gemeindevertreter oder Naturschutzverbände. Eine lokale Verankerung von Personen, die an der Planung oder dem Betrieb eines Windparks beteiligt sind, kann dagegen vertrauensbildend wirken, ist aber in der Regel nicht planbar.

Wichtiger ist das allgemeine Vertrauen in die handelnden Personen. Auch Maßnahmen wie freiwillige Beteiligungsprozesse, die Einbindung von Vertrauenspersonen oder Mediatoren und möglichst transparente Verfahren zur gemeinsamen Entscheidungsfindung können Vertrauen schaffen. Gleichzeitig sollte es hinterfragt werden, wenn Bürgerinitiativen den Anspruch erheben, für alle BürgerInnen zu sprechen.

Damit all dies in eine höhere Akzeptanz vor Ort mündet, werden in der Studie weitere Faktoren genannt: „Wie AnwohnerInnen Solar-, Windenergie- oder Biogasanlagen in ihrer Nachbarschaft bewerten (Akzeptanz), hängt im Wesentlichen von fünf Faktoren ab. Je positiver die Befragten die a) wirtschaftlichen Auswirkungen vor Ort und b) die Energiewende insgesamt einschätzen, desto höher die Akzeptanz. Ähnlich ausschlaggebend sind c) das Vertrauen in die am Planungsprozess beteiligten Personen, sowie d) die Vermeidung oder Minderung negativer Wirkungen auf Natur und Menschen. Auch e) die Meinung anderer (soziale Norm), spielt eine wesentliche Rolle: Je positiver die Befragten die Meinung im Ort einschätzen, desto positiver fällt auch ihre eigene aus.“

Projektierer sollten also nicht in die Falle laufen, sich auf die negativen Emotionen zu konzentrieren, um sie mit Fakten zu widerlegen und wieder zu einer weniger emotional geführten Diskussion zu kommen, sondern verstärkt darüber nachdenken, wie sie vor Ort positive Emotionen wecken und stärken können.

Ein Meinungsbeitrag von dem Journalisten für erneuerbare Energien, Volker Buddensiek