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10.08.2016

Mehr Wind, weniger Sonne

Erneuerbare legen weiter zu – ein Kommentar

Der Verbrauch an Erdöl und Erdgas als Energieträger hat im ersten Halbjahr weiter zugenommen. Der Anteil von Solarenergie ist dagegen gesunken. Immerhin konnte die Windkraft zulegen.

Energielandschaft
 - Die Zugpferde der künftigen Stromversorgung werden gerade heftig ausgebremst. So wird die Energiewende als Gesamtprojekt scheitern.
Die Zugpferde der künftigen Stromversorgung werden gerade heftig ausgebremst. So wird die Energiewende als Gesamtprojekt scheitern.
Foto: Juwi

So richtig kommt die Energiewende in Deutschland derzeit nicht vom Fleck. Das war auch nicht anders zu erwarten, nach den vielen Debatten in den vergangenen Monaten und Jahren, wo es nur darum ging, dass die erneuerbaren Energien zu schnell ausgebaut würden. Doch die Zeitreihen und die jetzt veröffentlichten Daten der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) sprechen eine deutliche Sprache. Während im ersten Halbjahr 2016 die erneuerbaren Energien ihren Anteil am Gesamtenergieverbrauch um gerade mal 2,8 Prozent steigern konnten, legten Öl und Gas um 4,1 beziehungsweise sogar 6,8 Prozent zu – bei einem insgesamt um 1,6 Prozent gestiegenem Energieverbrauch.

Fehlender Zubau macht sich bemerkbar

Ein Blick auf die nackten Zahlen: Die Windenergie konnte ein Plus von acht Prozent am gesamten Energieverbrauch verbuchen. Das liegt an den satten Wetterkapriolen mit ordentlichem Windangebot in den vergangenen Monaten. Aber auch der rasant voranschreitende Ausbau der Windkraft in den vergangenen anderthalb Jahren trägt zur Steigerung bei. Doch statt diese Dynamik aufzugreifen und den Ausbau weiter voranzutreiben, legt die Bundesregierung jetzt die Bremse ein – wie beim Photovoltaikausbau vor zwei Jahren. Das rächt sich jetzt. Der schleppende Zubau der Photovoltaik führt zu einem rückläufigen Anteil an der Energieerzeugung bei einem steigenden Energieverbrauch. Immerhin lief das zweite Quartal für die Solarstromproduktion bessern als das erste Quartal. Während in den ersten drei Monaten dieses Jahres die Energieproduktion aus der Sonne im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um acht Prozent gesunken war, lag die Solarenergieerzeugung im gesamten ersten Halbjahr nur noch um vier Prozent unter dem Wert des ersten halben Jahres 2015.

Mehr Energieverbrauch wegen niedriger Temperaturen

Immerhin konnte die Biomasse im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um vier Prozent zulegen. Das passt wiederum zum gestiegenen Gesamtenergieverbrauch. Denn dieser geht nach Angaben der AGEB vor allem am höheren Wärmebedarf aufgrund des im Vergleich zu 2015 kälteren Winters. Dazu kommt noch ein Schaltag, der ausgerechnet auch noch in diese kühle Jahreszeit fiel. Davon konnte unter anderem die Bioenergie profitieren, aber auch die Erdgas- und Mineralölkonzerne. Hier wird klar, dass Deutschland, um die Energiewende voranzubringen, vor allem erst einmal bei der Heizung ansetzen muss. Die zweite große Baustelle ist der Verkehr, Denn der steigende Anteil von Mineralöl am Energieverbrauch liegt unter anderem am steigen den Verbrauch vor allem im Straßen- und Flugverkehr.

Erste Schritte für die Elektromobilität

Beide Herausforderungen hat die Bundesregierung angenommen. Auch wenn die Förderung von Elektroautos mit einer Kaufprämie von 4.000 Euro nach einem Kompromiss zwischen Politik und Autoindustrie riecht – immerhin waren ursprünglich 5.000 Euro vorgesehen –, ist es ein Schritt in die richtige Richtung. Aber bisher ist die Nachfrage nach dieser Förderung nur gering. Gerade gut 900 Anträge hat die BAFA bisher registriert. Ein weiterer Schritt in die richtige Richtung ist die Förderung des Ausbaus der Ladeinfrastruktur. Am Ende wird die Politik und die Energie- und Autowirtschaft aber nicht um Imagekampagnen und konkreten Maßnahmen herum kommen. Ob es so weit gehen könnte, wie es die Niederländer im Blick haben, sei dahin gestellt. Die holländischen Regierung verbietet ab Mitte der 2020er Jahre die Neuzulassung von Autos mit Verbrennungsmotoren. Zumindest für die deutschen Innenstädte wäre das ein gangbarer Weg, um mittels Elektromobilität dem steigenden Benzin- und Dieselverbrauch im Straßenverkehr Herr zu werden.

Dekarbonisierung der Heizungskeller kommt nicht voran

Auch an der zweiten Baustelle – der Wärmewende – werkelt die Bundesregierung fleißig, auch wenn der große Wurf bisher ausgeblieben ist. Aber steigende Anforderungen der Energieeffizienz an Neubauten und immer wieder verbesserte Förderungen sind auch nur erste Schritte. So lange die hohen Effizienzkriterien nicht an Bestandsgebäude angelegt werden und die deutschen Heizungskeller konsequent dekarbonisiert werden, bleiben diese ganzen Schritte nur ein Sturm im Wasserglas. Denn selbst die Hocheffizienzpumpe, die das Warmwasser durch die Heizungsrohre drückt und jetzt auch gefördert wird, ändert nichts daran, dass in den meisten Heizungskessel in Deutschland Erdgas und Heizöl die Brennstoffe der Wahl bleiben. Auch die jüngst aufgelegte Förderung der Brennstoffzellen-BHKW wird nur wenig bringen, so lange kein konsequenter Ausbau der Wasserstofftechnologie im Blick ist.

Ohne Ökostrom scheitert die Wärmewende

Sogar die Wärmepumpe kann zum Problem werden. Denn genau an dieser Stelle beißt sich die Katze in den Schwanz. Ohne konsequenten Ausbau der Ökostromerzeugung wird die Wärmepumpe genauso wie die Elektromobilität Teil des Problems und weniger ein Teil der Lösung. Wenn beide mit fossil erzeugtem Strom versorgt werden, wird die Energiewende nicht gelingen. Was die Bundesregierung versucht, mit üppigen Förderungen im Verkehrs- und Wärmesektor aufzubauen, reißt sie mit der Bremse beim Ausbau der Ökostromkapazitäten wieder ein. Schließlich betonen alle Studien, dass die Energiewende mit einer steigenden Bedeutung des Stromsektors einhergeht. Doch mit dem Ausbremsen genau dieses Sektors geht die Bundesregierung genau den falschen Weg. Auf diese Weise bleibt die gesamte Energiepolitik zielloses Stückwerk. Die Bundesregierung verfolgt keinen konsequenten Plan, um aus der Strom-, Wärme- und Verkehrswende eine echte Energiewende zu machen. (Sven Ullrich)