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Wirtschaft und Energiemarkt

Doppelter Klimaeffekt durch Coronavirus

Der CO2-Ausstoß könnte durch weniger Wirtschaftsaktivitäten wegen Corona deutlich sinken - und weil mehr Gas- statt Kohlekraftwerke eingesetzt werden.

Inhaltsverzeichnis

Nicole Weinhold

Keine Frage, der deutschen und weltweiten Wirtschaft geht es schlecht. Das Coronavirus hat Produktionsstätten lahmgelegt, der Dax ist im Keller verschwunden, und viele kleine und mittlere Unternehmen stehen vor einem Abgrund. Enervis Energy Advisors, eine Unternehmensberatung im Bereich der Energieversorgung, warnt davor, dass die Corona-Pandemie eine Rezession auslösen wird, die auch in die Energiewirtschaft ausstrahlt.

Der Rückgang bei den Stromverbräuchen spiegelt die Situation in der Wirtschaft wider. Keine Arbeit, kein Stromverbrauch. Der mit knapp 50 Prozent größte Stromverbraucher in Deutschland, die Industrie, verbrauche rund 250 TWh. "Ein spürbarer Nachfragerückgang würde direkt das Strompreisniveau beeinflussen", sagt Mirko Schlossarczyk von Enervis. "Legt man als Maßstab die Entwicklungen der Finanzkrise 2009 an, so scheint ein Rückgang der diesjährigen Industriestromnachfrage um 10 bis 20 Prozent möglich."

CO2-intensive Kohlekraftwerke werden durch GuD-Anlagen aus dem Markt verdrängt

Parallel sei zu erwarten, dass - infolge eines geringeren CO2-Ausstoßes - auch das CO2-Preisniveau nachgeben dürfte. Diese Entwicklung werde allerdings auch durch eine weitere Marktentwicklung forciert: Seit einiger Zeit ist beim Kraftwerkseinsatz, infolge eines sehr geringen Gaspreises, eine veränderte Einsatzreihenfolge der Kraftwerke zu beobachten. Die Gasverstromung ist laut Enervis inzwischen überwiegend günstiger als die Kohleverstromung. "Durch diesen sogenannten Fuel-Switch werden CO2-intensive Kohlekraftwerke durch GuD-Anlagen aus dem Markt verdrängt", so Mirko Schlossarczyk. "Sollte es nun auch zu einem deutlichen Rückgang der Stromnachfrage kommen, so wären Kohlekraftwerke bei anhaltend niedrigem Gaspreis davon besonders betroffen. In diesem Fall ist mit noch geringeren Einsatzzeiten zu rechnen und der CO2-Ausstoß des Stromerzeugungssektors wird spürbar zurückgehen."

Strompreisentwicklung am deutschen Großhandelsmarkt für 2020

Basierend auf aktuellen Einschätzungen zu europäischen Strommarktentwicklungen in Kombination mit unterschiedlichen Erwartungswerten zum Industriestromverbrauch, haben die Energieökonomen von Enervis mit dem unternehmenseigenen europäischen Strommarktmodell die Strompreisentwicklung am deutschen Großhandelsmarkt für 2020 prognostiziert und analysiert.

Bis zu 25 Millionen Tonnen CO2 weniger

„Unsere Modellierungen zeigen, dass ein Rückgang der Industriestromnachfrage unmittelbar auf das Strompreisniveau 2020 durchschlägt", so der Enervis-Mann. Ein sektorspezifischer Nachfragerückgang um 25 Terawattstunden (TWh) beziehungsweise zehn Prozent würde den mittleren Jahresstrompreis am Großhandelsmarkt um circa einen Euro pro Megawattstunde (MWh) oder 2,5 Prozent reduzieren. "Sofern der Nachfragerückgang 20 Prozent oder 50 TWh beträgt, sinkt der mittlere Jahresstrompreis um etwa 1,85 Euro/MWh oder 4,7 Prozent gegenüber einer Referenzentwicklung mit konstant hoher Industriestromnachfrage." Die CO2-Emissionen aus der Stromerzeugung würden sich laut Enervis in 2020 um zwölf Millionen Tonnen beziehungsweise um 25 Mio. t reduzieren. In den Betrachtungen werde deutlich, dass die Stromnachfrage der energieintensiven Industrie einen spürbaren Einfluss auf die Stromwirtschaft und das Strompreisniveau hat, so Mirko Schlossarczyk. Vor allem aber wird bei allem Leid durch das Coronavirus der Vorteil für das Klima deutlich: Weniger CO2 durch weniger Industriestromverbrauch und weniger Kohleverstromung durch sinkende Strompreise. Zumindest letzterer Klimavorteil ließe sich nach der Krise durch einen wirksamen CO2-Preis aufrecht erhalten.

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