Das Kabinett will alle nächsten Ausschreibungen für Offshore-Windparks auf 2027 verschieben –- die infolge ausgebliebener Gebote nachzuholende Runde aus 2025 mit 2,5 Gigawatt und das reguläre 2026er Volumen mit 3,5 Gigawatt. Manche in der Branche finden das gut, Sie nicht?
Markus Nölke: Erst zählt, dass das Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG) angepasst wird. Die von der Europäischen Union verlangten Differenzverträge (CFDs) zum Ausgleich von Übergewinnen und Untererlösen müssen in dieses WindSeeG. Doch dann haben wir als Netzwerk für die Wertschöpfungskette der Zulieferer und Dienstleister auch eine andere Priorität als die fürs Komplettverschieben eintretenden Windparkinvestoren: keine Fadenrisse in den Werken wie vor fünf Jahren mehr!
Sie wollen, dass Windparkbau auf See den Zulieferern regelmäßig Aufträge bringt, ihre Hallen stabil auslastet. Ist der Wertschöpfungskette 2026 gedient, wenn wenigstens wie Ende 2025 noch gesagt, die Nachholrunde mit 2,5 GW erfolgt?
Markus Nölke: Alles, was dieses Jahr ausgeschrieben wird, dient der Wertschöpfungskette. Wir sind aber bescheiden: Wichtig ist, im Herbst den regulären Ausschreibungsrhythmus anzunehmen und beizubehalten. Die Investoren werden auch 2026 prüfen, wo sie ihr Geld investieren. Verzögern wir die Ausschreibungen auf 2027 oder später, werden die Investoren sich in schnelleren Märkten wie Polen, dann Niederlande und UK umsehen und sagen: Ich kann kein zweites Mal 2027 oder 2028 in Deutschland investieren. Die nun benötigten Reformen hatte der vorige Bundesumweltminister Robert Habeck ja schon in der Schublade. Nachfolgerin Katherina Reiche lässt zweigleisig fahren. Auf dem europäischen North Sea Summit in Hamburg bekennt sich die Regierung im Januar zu Meereswindkraftzielen, die Gesetze kommen aber nicht in die Gänge.
Alles, was dieses Jahr ausgeschrieben wird, dient der Wertschöpfungskette. Die Investoren werden auch 2026 prüfen, wo sie ihr Geld anlegen.
Foto: WAB
Was braucht es, damit der Wertschöpfungsstandort hierzulande noch profitiert?
Markus Nölke: Perspektiven über Legislaturperioden hinaus. Infrastrukturthemen wie die Häfen erfordern aufwändige langfristige Projekte. Außer über Ausschreibung und Neubau müssen wir davon reden, dass in 10 oder 15 Jahren ein Rückbau und Kreislaufwirtschaft entstehen soll. Das braucht Häfen und Flächen zusätzlich. Und an Hafenentwicklungsplänen hängen die benötigten Schiffe. Rückbau, wieder neu installieren, alle 25, vielleicht 35 Jahre. Das könnte der deutsche Standort gut, mit den Anrainern. Im Prinzip wurde das alles richtig beschlossen in Hamburg. Man braucht dann auch Kräne wieder. Diese Kreislaufwirtschaft nimmt unsere Politik noch viel zu wenig in den Blick
Reichen Langfristigkeit, fadenrissfreier Fahrplan und staatliche Infrastrukturinvestition, um hierzulande Wertschöpfung zu schaffen? Oder braucht es neue qualitative Kriterien für Ausschreibungszuschläge?
Markus Nölke: Fest steht, es muss massiv investiert werden. Häfen sind bisher im Verantwortungsbereich der Länder gewesen. Der Bund hat sich im Rahmen eines Hafenlastenausgleichs mit 38 Millionen Euro jährlich beteiligt. Ein Witz, Niedersachsen fördert alleine die neuen Zubringer in Cuxhaven mit 20 Millionen. Die Hafenwirtschaft fordert vom Bund drei Milliarden Euro für akute Maßnahmen, was zugegeben auch anderem nationalen Interesse zugute kommen soll: Energieunabhängigkeit, Klimaziele, Rüstung. Was den sogenannten Local Content angeht, so kann das Thema zum Bumerang werden. Letztlich ist das Bevorzugen von Aufträgen an einheimische Firmen ein Protektionismus. Einerseits wollen wir Freihandelsabkommen, andererseits Local Content. Aber die Rahmenbedingungen müssen lokale und europäische Wertschöpfung stärken. Die ist ja schon jetzt möglich, wie wir angesichts vieler Produktionsstandorte in Cuxhaven sehen oder bei Steelwind Nordenham. Der Kuchen ist groß genug. Die Branche ist ja international aufgestellt, unvermeidlich europäisch. So ist Local Content zwar im europäischen Sinn. Aber 100 Prozent Local Content dienen nicht der Industrie, die über die EU hinaus Aufträge aus dem Ausland braucht. Hier muss es sehr ins Detail gehen. Chinesische Zulieferer ziehen ohnehin ihr Ding durch, weil sie die Größe und die Masse an hergestelltem Material haben, um sich am Markt durchzusetzen. Hierauf muss es eine europäische Antwort geben von der EU-Kommission. Wir brauchen aber Rahmenbedingungen, damit Unternehmen in Deutschland und Europa mit Erfolg im globalen Wettbewerb aufgestellt sind.
Lässt sich Local Content maßvoll justieren?
Markus Nölke: Vorgeschriebene Anteile an grünem Stahl, Verwendung von grünem Wasserstoff, damit dort der Hochlauf stattfindet, fordern wir schon länger. Zur Sondernutzungsfläche Sen-1 für weitere erneuerbare Energien, die auf Wasserstoff zielte, sollten vor zwei Jahren die Ausschreibungen begonnen haben. Bei den Nachbarn geht es: Die Niederländer installieren jetzt die erste Elektrolyse-Plattform in einem Offshore-Windpark. Unser Fokus hier geht zuerst auf Gaskraftwerke. (tw)