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Kommentar: Warum die neuen Windkraft-Superlative derzeit eher einen Kater auslösen

Es sind vielleicht nur die zufällig eingetroffenen Superlative aus den letzten Spätherbst- und bisherigen Jahreswechseltagen, die derzeit das oberflächliche Bild eines Windkraftbranchen-Booms malen. Möglicherweise werden wieder mäßigere Konjunkturmeldungen folgen. Sicherlich werden andere Unternehmen mit ebenfalls Topergebnissen sich mit ihren Geschäftsnachrichten abwechseln mit Unternehmen, die mangels Rekorde eher auf die erzielte Qualität von Projekten oder neue Schwerpunkte verweisen.

Tilman Weber

Nicole Weinhold

Tilman Weber

Doch bis am Tag vor der absehbaren Bekanntgabe an diesem Donnerstag eines wohl wieder eingestellten Rekordzubaus in Deutschland von neuen Windkraftkapazitäten an Land mit mehr als fünf Gigawatt, wie es bisher nur einmal im Jahr 2017 war, meldeten erste ganz unterschiedliche Akteure ihre Rekordwerte an: Windturbinenhersteller Nordex hat 2025 Bestellungen für Anlagen mit zusammen noch einmal einem knappen Viertel mehr Windstromerzeugungskapazität eingeholt als 2024. Ganz genau waren es 22,5 Prozent mehr als im vorigen Auftragsbestjahr: 10,2 Gigawatt (GW) nach 8,3 GW im Vorjahr. Das Wiesbadener Windparkentwicklungsunternehmen Abo Energy hatte Ende November schon mit einem rekordverdächtigen Deal am anderen Ende der Projektentwicklungsnahrungskette zugeschnappt: 4,4 GW an mehr oder weniger weit entwickelten finnischen Windparkkapazitäten schlug es dem finnischen Stromkonzern Fortum zu. Rund 40 Millionen Euro nahmen die Südhessen dabei ein. Sobald die einzelnen der 29 Projekte dann schlussendlich noch zu einer Investitionsentscheidung der Finnen führen, müssen diese zudem weitere Beträge womöglich bis hin zu einem von Abo Energy erwarteten erneuten mittleren zweistelligen Millionenbetrag.

Bei Ausschreibungen für Vergütungsrechte meldeten gleich mehrere Unternehmen in sprunghafter Höhe erreichte neue Zuschlagsbestwerte: So kam WPD aus Bremen alleine in der jüngsten deutschen Windparkvergütungsausschreibung für Vorhaben an Land im November auf neue Vergütungszusagen für 23 Projekte mit zusammen fast 0,6 GW, genau 587 Megawatt (MW) waren es, die damit zum erfolgreichsten Zuschlagsjahr der Bremer mit einem Volumen von 1.135 MW geplanter neuer Onshore-Windparkkapazitäten in Deutschland. Das Wind- und Solarparkunternehmen UKA aus Meißen hat 350 MW neue Windparkleistung im Jahr 2025 ans Netz angeschlossen und will nun schnell einen Zubau von jährlich 1.000 MW erreichen. Die Basis dafür sollen eine bestehende Projektpipeline für 1,5 GW Windkraftnennleistung und die anhaltend guten Ausschreibungsjahre für UKA mit 2025-er Neuzuschlägen für 700 MW.

Und der deutsche Energiekonzern und Offshore-Windkraftriese RWE meldete am Mittwoch die Zuschläge für 6,9 GW nur aus der siebten Ausschreibungsrunde in Großbritannien für Offshore-Windparks. Die vier Meereswindparkprojekte Norfolk Vanguard East und Norfolk Vanguard West sowie zwei RWE-Dogger-Bank-South-Projekte, alle in der britischen Nordsee, sowie Projekt Awel y Môr in der irischen See erhielten sämtlich den Zuschlag für Differenzverträge im Wert von 91,2 britische Pfund pro eingespeiste Megawattstunde.

Dass die Windkraftbranche derzeit dennoch nicht als Jubelchor vernehmbar ist, ist einer mangelnden Nachhaltigkeit zuzuschreiben: Es gibt wenige Märkte in Europa wie Deutschland oder auch auf den beiden amerikanischen Kontinenten, die mehrere Jahre hintereinander als stetig anschwellende Zubaumärkte in mehrfacher Gigawattgröße eine hohe Nachfrage stabilisieren. Und auch in Deutschland wird zwar der Markt 2026 und – was zumindest den Zubau betrifft – mutmaßlich 2027 noch einmal wachsen. Doch die Bundesregierung lässt nach ihrem ersten Regierungskalenderjahr immer noch mit einem Entwurf ihrer angekündigten Reform des für die Branche maßgeblichen Erneuerbare-Energien-Gesetzes auf sich warten. Stattdessen setzt sie widersprüchliche Signale mit vielen energiepolitischen Einzelregelungen, die mal dem Wirtschaftsstandort Deutschland, mal einem neuen Vorrang für Armeeflugschneisen, mal der Förderung neuer Energietechnologien, mal der Flexibilisierung der Stromerzeugung oder beispielsweise einer Umgehung von Klimaschutzaufgaben dienen sollen. Die Ausschreibungen neuer Vergütungsrechte sorgen vor diesem Hintergrund für einen hohen Andrang von Windparkentwicklungsunternehmen mit ihren Vorhaben, ohne dass die Windstromabnehmer wie große Industrieunternehmen schon viel für den Windstrom bezahlen wollen: Denn sie wissen zum wiederholten Male noch immer nicht, wohin die Reise in Deutschland gehen wird.

So musste Abo Wind aufgrund von Wertberichtigungen der eigenen Vorhaben kurz vor dem finnischen Windpark-Projektedeal mit Fortum eine Gewinnwarnung herausgeben:  Das prognostizierte Jahresergebnis verschlechterte sich Anfang November von 29 bis 39 Millionen Euro auf den Verlust von 95 Millionen Euro. Auch besser abschließend Akteure wie UKA verweisen auf den zunehmenden Wettbewerb in den Ausschreibungen bei sinkenden Vergütungspreisen von nur noch wenig über sechs Cent pro Kilowattstunde. Die Sachsen wollen darauf reagieren. In der Hoffnung wohl auf bessere Umsätze mit weniger Kosten wollen sie bei neuen Projekten eher kooperieren oder Projekte zukaufen, statt neue Vorhaben über lange Zeiten von Beginn an anzuschieben.

Stromkonzern RWE benennt die fehlende Behaglichkeit der Windkraftbranche in deren Jahr der Rekorde so: RWE habe „die Investitionspläne für 2025 bis 2030 aufgrund höherer Unsicherheiten infolge von Faktoren wie Engpässen in der Lieferkette, geopolitischer Risiken und höherer Zinsen sowie eines verschärften Risikomanagements gesenkt“. Die Investitionen von 2025 bis 2030 sollten nur noch 35 Milliarden und damit 10 Milliarden weniger betragen als zuvor geplant.

Merke: Ohne Nachhaltigkeit in der Energiepolitik und den von ihr gestalteten Markregeln und Windkraft-Ausbaumärkten ist Boom längst noch kein Höhenflug mit Aufwind.