Heidenescher: So nennen wir Mediziner für die Ausschließliche Wirtschaftszone jenseits der deutschen Küstenmeere, die AWZ, in der die Meereswindparks entstehen. Sie müssen eine dreijährige Notfallsanitäter-Ausbildung haben, elektrisch unterwiesene Personen sein und Seetauglichkeitsschulungen der Windkraftorganisation GWO durchlaufen – etwa zum Arbeiten in der Höhe oder zum Entkommen aus einem in die See gestürzten Helikopter.
Mediziner für die Zone jenseits der Küstenmeere
Foto: Medical Offshore Support GmbH & Co. KG
Leisten Sie damit etwas anderes als die bisherige ärztliche Seenotrettung?
Heidenescher: Wir stellen uns darauf ein, dass wir bei Sturm auch einmal Stunden, einen oder zwei Tage lang Verunglückte alleine betreuen müssen, bis der Rettungshubschrauber anfliegen kann. Allerdings sind geschätzt 95 Prozent unserer Einsätze hausärztliche Situationen, für die wir uns ebenfalls schulen: hier eine Hautveränderung, dort ein eingewachsener Nagel, da eine Blasenentzündung.
Ihre Kunden haben Windparks in mehreren Nachbarländern. Wie reagieren Sie darauf?
Heidenescher: Wir haben gerade ein Projekt am Laufen, das in deutschen und englischen Gewässern stattfindet, immer im Drei-Monats-Wechsel mit einem hin und her fahrenden Schiff. Dafür haben wir einen Kooperationsvertrag mit einem englischen medizinischen Anbieter. Sobald das Schiff die nationalen Gewässer wechselt, tauschen wir Equipment und Personal aus.
Sie liefern auch Rettungsgerät und Notarzttechnik aus oder schulen Ihre Auftraggeber in Traumabewältigung oder anderen Maßnahmen. Ein Rundum-sorglos-Paket?
Heidenescher: Genau. Wir können auf ein Ausbildungszentrum zurückgreifen, das uns selbst für die Betreuung der Windkraftarbeitenden im Offshore-Einsatz schult und auch Kliniken oder andere Rettungsdienste unterweisen kann. Jetzt arbeiten wir an Schulungen zu Mental Health. Wer etwa mehrere Schlechtwetter-Tage lang bildhaft gesprochen auf Kabine und Netflix-TV zurückgeworfen ist, oder wem zehn Tage vor der Rückkehr an Land die Partnerin dort mit der WhatsApp plötzlich Schluss macht, dem kann das Alleinsein mit seinem Gedankengut zum psychischen Problem werden. (tw)