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E-Mobilität

Grünstrom? Ideale Strecke? Kosten? E-Ladesoftware hilft

Inzwischen hat sich die Diskussion um die Mobilitätswende verlagert auf den Ausbau der Ladesäuleninfrastruktur. Zu viele Fragen sind hier offen.

Nicole Weinhold

Markus Bartenschlager, Gründer und Managing Director Digital Charging Solutions (DCS), über den Ausbau der Ladesäuleninfrastruktur und andere Hürden und Herausforderungen bei der Einführung der E-Mobilität.

Wie ist Ihr Unternehmen entstanden?

Bartenschlager: Die Digital Charging Solutions GmbH (DCS) wurde 2017 gegründet, basierend auf dem Wissen und Know-how des BMW-Projekts Charge Now, das 2012 entstanden ist. Ich selbst war 23 Jahre bei BMW tätig und beschäftigte mich damals mit der Frage: wie kann der zu launchende BMW i3 und i8 im öffentlichen Bereich geladen werden? Nach dem Aufsetzen der Charge Now Services in diversen BMW Märkten hat sich jedoch herausgestellt, dass ein digitaler Endkundenservice skalieren muss und es auch für BMW von Vorteil ist, wenn dieser auch anderen Herstellern angeboten wird. Da dies innerhalb von BMW nicht möglich war, kam so die Ausgründung der DCS zustande.

Was ist die Idee?

Wir entwickeln digitale Ladeservices für Nutzer von elektrifizierten Fahrzeugen. Unsere Angebote vertreiben wir in enger Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Automobilherstellern, Flottenkunden oder auch Mobilitäts- und Energieanbietern. Dabei entwickeln wir Services, die Automobilhersteller und die Energiewirtschaft enger miteinander verknüpfen. Dabei konzentrieren wir uns rein auf Software-Lösungen. Das heißt, wer z.B. ein Auto unserer Partner-Hersteller fährt, findet durch unsere Lösungen die passende Ladeinfrastruktur sowie die relevanten Informationen dazu. Zum Beispiel die Antwort auf die Frage welche Ladestationen ich am besten auf meiner Route nutzen sollte, welche dann frei ist, wie schnell ich wirklich laden kann, welche günstig sind oder weitere Location Based Services bieten. Mit mehr als 170.000 Ladepunkten in 30 Märkten bieten wir das am schnellsten wachsende Ladenetzwerk in Europa und nehmen dabei Einfluss auf die Zuverlässigkeit und Qualität der Ladeinfrastruktur unserer mehr als 500 Partner.

Wie sieht die Kooperation mit den Automobilherstellern aus?

Wir entwickeln Full Service White-Label Lösungen, die es dem Automobilhersteller ermöglichen ein vollständig integriertes E-Mobilitäts-Erlebnis zu bieten. Entsprechend den spezifischen Anforderungen unserer Kunden beinhalten unsere White-Label-Lösungen unter anderem eine Website mit Produktinformationen, Tarifen, eine Ladekarte und Account Management. Hierbei vermitteln wir dem Kunden immer das Gefühl im Umfeld der Brand des jeweiligen Herstellers zu bleiben, z.B. auch seinen jeweiligen Account nutzen zu können. Weitere Bestandteile unserer Lösungen sind darüber hinaus auch eine App für iOS und Android inklusive intelligenter Routenführung, um Ladestationen bequem am Zielort oder entlang einer Route zu finden, sowie die Möglichkeit Ladestationen direkt über die App freizuschalten. Darüber hinaus müssen Informationen aus dem Fahrzeug-Backend mit der Ladeinfrastruktur in Verbindung stehen. Diese Vernetzung gewährleisten wir, indem wir die Kommunikation zwischen Fahrzeug, Ladestation und Fahrer optimieren.

Als zuverlässiger und erfahrener Partner begleiten wir unsere OEM-Kunden auf dem gesamten Weg der Entwicklung, Implementierung und Realisierung dieser White-Label-Lösungen - vom Onboarding bis hin zur strategischen Beratung und nachfolgender Weiterentwicklung der Services.

Was ist geplant?

Beispielsweise werden wir unseren Kunden in Kürze das Feature Plug and Charge zur Verfügung stellen. Dadurch können Fahrer von Elektrofahrzeugen den Ladevorgang allein durch das Anschließen des Ladekabels starten – einfach und bequem. Wir arbeiten aktuell auch an einer Grünstromlösung. Bestimmte Ladenetzwerke sichern ja schon zu, dass man bei ihnen reinen Grünstrom bekommt, aber weit nicht alle. Ansonsten ist die Produktroadmap voll, wir sind ja noch in einem sehr jungen Markt.

Was gibt es für Lösungen für Kunden, die lange Strecken fahren wollen – auch für schnelles Laden außerhalb der Tesla-Strukturen?

Wir sind gerade dabei, ein neues E-Routing-Produkt auf den Markt zu bringen, das sich bereits bei mehreren Herstellern im Test befindet. Dank künstlicher Intelligenz und Algorithmen wird dem Fahrer zukünftig die beste und schnellste Route inklusive seiner Ladestops vorgeschlagen. Dahinter stecken viele intelligente Daten: Verbrauch, Batteriekapazität, Höhenprofil, Ladezeit, sogar das Wetter. So können wir relevante Fragen beantworten, beispielsweise: wie lange dauert meine Fahrzeit inklusive Ladestopp? Wieviel kostet dieser? Bezüglich der Langstreckentauglichkeit von EVs hat der Ausbau der Schnellladeinfrastruktur enorm zugelegt. Unser Partner Ionity, dessen Netz sich stetig vergrößert, wurde im Wesentlichen von unseren Shareholdern und Kunden gegründet, um das größte Schnellladenetzwerk in Europa aufzubauen. Daneben sehen wir auch vermehrt Schnellladeinfrastruktur, die bei Retailern und Tankstellen aufgebaut wird.

Wie sieht es mit dem Laden an Straßenlaternen aus?

Ich denke, Ladeinfrastruktur sollte unterschiedliche Use Cases abdecken. Nicht entweder oder – der Kunde kann sich nach seinen Präferenzen entscheiden. Das Laden an Laternenmasten wie in Berlin oder London kann dabei helfen relativ kostengünstig eine höhere Anzahl von Ladestationen in die Innenstädte zu bringen. Hinsichtlich der Ladegeschwindigkeit muss ich dann allerdings Einbußen hinnehmen.

Wo sehen Sie die größte Hürde bei der Ladesäuleninfrastruktur?

Unsere Aufgabe ist es ja, den Fahrern die Reichweitenangst zu nehmen und dem Kunden ein verlässliches Ladeerlebnis zu bieten. Dabei gibt es Herausforderungen: Wir machen unsere 500 Partner im Bereich der Ladesäuleninfrastruktur auf Schwächen im System, in der Qualität oder in der Nutzung aufmerksam. Ein Beispiel: Die Verfügbarkeit der Ladestation sollte auch tatsächlich gegeben sein, wenn sie in der App grün angezeigt wird. Es kommt jedoch vor, dass uns diverse Backends unserer Partner das Signal grün geben - obwohl der Stecker noch steckt, der Ladevorgang aber bereits abgeschlossen ist. Oder das sogenannte „ICEing“, bei dem ein konventionelles Fahrzeug den Zugang zur Ladeinfrastruktur versperrt. An vielen Stellen gibt es also noch Informationsmangel und Verbesserungspotenzial. Daran arbeiten wir gemeinsam mit unseren Partnern, um dem Nutzer jederzeit die richtigen und aktuellsten Informationen bereitstellen zu können.

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