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Energiesystemwende

Jedes eingesparte Gramm CO2 ist es wert

Erkenntnisse über Konsequenzen aus dem jetzigen menschlichen Versagen zum Klimaschutz machen uns ratlos. Warum es sich dennoch lohnt, aktiv zu sein.

Inhaltsverzeichnis

Annegret Jatzkewitz und Fabian Zuber

Resignieren vor der Klima-Herausforderung?

Die Klimanachrichten sind erschütternd. Wir steuern derzeit rein rechnerisch auf drei bis fünf Grad Erwärmung bis Ende des Jahrhunderts zu. Wissenschaftler rufen daher den Klima-Notstand aus. Aber wie wollen wir die Kehrtwende auch nur annähernd schaffen? Ist das Kollektiv Menschheit überhaupt dazu in der in der Lage, zumal in der gebotenen kurzen Zeit?

Von Trumps Ausstieg aus dem Pariser Abkommen über Bolsonaros vernichtende Amazonaspolitik über die Klimawandel-leugnende AfD bis hin zum Eiertanz der Großen Koalition beim Klimapaket: Die Gegenwehr gegen einen rigorosen Klimaschutz ist heute noch – oder schon – gewaltig. Kaum vorstellbar, wie auf dieser Basis eine gemeinsame Einsicht und ein menschlicher Konsens zum Erhalt der Lebensgrundlagen gelingen kann. Lohnt sich da das persönliche Engagement überhaupt?

Wenn die eigene Kompassnadel wackelt

Viele von uns, die sich seit Jahren für die Energiewende einsetzen, ob als UnternehmerInnen, WissenschaftlerInnen, IngenieurInnen, PolitikerInnen oder ganz im Privaten, sind ratlos. An dem Thema arbeiten, das Auto stehen lassen, aufs Fliegen verzichten, sich fleischlos ernähren, freitags demonstrieren gehen, Nachbarn und Freunde überzeugen… reicht das aus? Führt das überhaupt zu irgendetwas, wenn so viele andere so weiter machen wie bisher, der CO2-Ausstoß rund um den Globus weiter steigt und steigt, und bereits Kipp-Punkte im Erdsystem erreicht wurden? Die Erkenntnis über die Wucht der Klimaveränderungen macht uns mitunter ohnmächtig und orientierungslos.

Großprojekt EnergieSystemWende

Wo soll man anfangen? Die Herausforderungen sind gewaltig. Denn wirklichen Klimaschutz wird es nur geben, wenn die Menschen ihre Wertvorstellungen und gesellschaftlichen Paradigmen grundlegend infrage stellen. Die Energiewende, Agrarwende, Verkehrswende, oder Wirtschaftswende sind in Wirklichkeit profunde Systemwenden, wenn sie wirken sollen. Denn es geht nicht darum, den einen oder anderen neuen Aspekt zu integrieren in die gewohnten Mechanismen. Es geht nicht nur darum, beim Auto die Antriebstechnologie auszutauschen, sondern Mobilität ganz neu zu denken. Es geht nicht nur darum, Kohle und Öl durch Sonnenstrahlung und Windkraft zu ersetzen, sondern die Energieerzeugung und Energieversorgung ganz neu zu denken: Sektorübergreifend, flexibel, dezentral, bürgernah. Die Wende erfordert, das System vom Kopf auf die Füße zu stellen – und so in der Praxis unseren Alltag fundamental zu verändern. Ein dickes Brett.

Deutschland hat Verantwortung und Vorbildfunktion

Zu viel Aufwand hierzulande für zu wenig globalen Klimaschutz-Ertrag? „Nur zwei Prozent des weltweiten Ausstoßes kommen aus Deutschland“ heißt es immer wieder von jenen, die am liebsten nichts verändern wollen. Am Ende nur ein Tropfen auf den heißen Stein – global betrachtet?

Ganz und gar nicht! Deutschland ist historisch betrachtet weltweit der viertgrößte Emittent von Treibhausgasen und damit für den Klimawandel erheblich verantwortlich. Allein das verpflichtet uns dazu, unseren globalen Beitrag zu leisten. Aber noch viel wichtiger: Wir haben die Mittel und die Möglichkeiten, den weltweiten Pfad für klimafreundliche Lösungen zu ebnen. Die German Energiewende ist der Beweis aus der jüngeren Geschichte, dass von hier eine Welle ausgehen kann, die auf dem ganzen Globus wirkt. Wo stünde etwa die Photovoltaik heute ohne die technologischen Innovationen aus Deutschland und die Markteinführung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz?

Lernen von Reiner Lemoines Utopien

Als Reiner Lemoine bei Wuseltronick Ende der 70-er Jahre mit Kollegen im damaligen Westberlin an den ersten Windkraftanlagen und deren Regelungen arbeitete, wurde er von vielen als Utopist verschrien und belächelt. In den 80-er Jahren, als er sich mit der Sonnenenergie beschäftigte, wiederholte sich das: Ein Watt Strom aus einer Solarzelle kostete damals noch zwischen 50 und 80 US-Dollar. Mondpreise. Tauglich als Weltraumtechnologie allenfalls.

Heute ist die Photovoltaik die weltweit günstigste Art, Strom zu erzeugen. Reiner Lemoine und andere haben daran geglaubt, dafür geworben und sich dafür eingesetzt – allen Argumenten und Widerständen der Skeptiker zum Trotz. Seiner und ihrer Beharrlichkeit und visionären Kraft sei Dank. Daran können wir uns ein Beispiel nehmen. Es lohnt sich, an Lösungen zu glauben und daran zu arbeiten!

Klimaschutz: Der Weg ist das Ziel

Für jedes Gramm fossiler Emissionen, welches wir weltweit helfen zu vermeiden, ist es Wert, sich einzusetzen. Jedes Zehntel Grad Erwärmung, das wir damit verhindern oder zeitlich nach hinten verschieben, wird helfen, die Anpassungsfähigkeit unserer Gesellschaft an die neuen Lebensbedingungen zu ermöglichen. Für jede Klimaschutzmaßnahme, die wir umsetzen, Individuum für Individuum, Kommune für Kommune oder Land für Land, ist es Wert, zu arbeiten. Jeder Schritt, den wir auf die Utopie einer klimaneutralen Welt zugehen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Klimaschutz ist ein Kontinuum. Der Weg ist das Ziel.

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Dieser Beitrag ist in der Onlineausgabe des Fachmagazins „ERNEUERBARE ENERGIEN“ erschienen und ist Teil einer Kolumne der Reiner Lemoine Stiftung zur EnergieSystemWende. Darin kommen regelmäßig Autorinnen und Autoren zu Wort, die für die Reiner Lemoine Stiftung (RLS) sowie das Reiner Lemoine Institut (RLI) aktiv sind oder gemeinsam mit RLS und RLI an Projekten zur Transition des Energiesystems arbeiten.

Dr. Annegret Jatzkewitz ist Vorstandsvorsitzende der Reiner Lemoine Stiftung und war die Frau von Reiner Lemoine. Fabian Zuber koordiniert als Leiter der Plattform EnergieSystemWende die Projekte der Stiftung und die Öffentlichkeitsarbeit.

Weitere Informationen und Kolumnenbeiträge weiterer Autor:innen finden Sie hier.

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