Meinungsbeitrag

Kemfert: Erneuerbare sind Sündenbock

Claudia Kemfert fordert einen stärkeren Ausbau der Erneuerbaren und erklärt, warum diese zu Unrecht bei den Strompreisen an den Pranger gestellt werden.

Inhaltsverzeichnis

In der Coronakrisenzeit wird einmal mehr deutlich, wie wichtig heimische Energieträger sind, wie gefährlich es sein kann, Wertschöpfungsketten auszulagern und sich zu sehr auf Importe zu verlassen. Ein resilientes Energiesystem basiert auf heimischen erneuerbaren Energieträgern.

Um so unverständlicher ist es, den Umbau hin zu erneuerbaren Energien weiter zu verzögern. Die Bürgerenergie sollte nicht noch weiter geschwächt werden, indem man den selbst erzeugten und gespeicherten Strom unnötig verteuert. Mindestabstandsregeln für Windanlagen sind kontraproduktiv. Besser wären finanzielle Beteiligungsmöglichkeiten für Regionen und Kommunen. Dabei müsste der Ausbau erneuerbarer Energien deutlich erhöht werden. Sonderausschreibungen wären dringend nötig, damit wir nicht durch eine Ökostromlücke die Versorgungssicherheit gefährden.

Je niedriger der Börsenpreis, desto höher die Umlage

Den Strompreis zu senken, um ihn für E-Mobilität oder Wärmepumpen attraktiv zu machen, ist sinnvoll - etwa durch Senkung der Stromsteuer.

Grundsätzlich sind der Ausbau erneuerbarer Energien und die EEG-Umlage nicht die alleinigen Gründe für Strompreissteigerungen - der verschleppte Kohleausstieg und überbordende Netzkosten machen ihn unnötig teuer. Die erneuerbaren Energien sind der Sündenbock für unverhältnismäßige Strompreissteigerungen. Da die erneuerbaren Energien immer preiswerter werden, sinken die Zubaukosten kontinuierlich. Zudem senken die erneuerbaren Energien den Strombörsenpreis, was die EEG-Umlage nach oben treibt, da sie sich aus der Differenz zum Börsenpreis errechnet - je niedriger der Börsenpreis, desto höher die Umlage.

Privatkunden werden überproportional belastet

Privatkunden werden überproportional belastet, da viele Industrieunternehmen von der Zahlung ausgenommen werden. Somit sollte man eher an diesen Komponenten etwas ändern: Für Haushaltskunden könnte die EEG-Umlage zusätzlich kurzfristig deutlich sinken, wenn man die Industrieausnahmen aus dem Staatshaushalt finanzieren würde. Da die EEG-Umlage aus der Differenz zum Börsenpreis gebildet wird, und dieser mit Zunahme von Erneuerbaren sinkt, sollte alles dafür getan werden, damit der Börsenstrompreis steigt: das kann durch einen Mindestpreis für CO2 im Emissionshandel gelingen. Ohnehin wird es Zeit, dass wir das EEG neu ausrichten, da Systemdienlichkeit und Speicher bisher nicht ausreichend einbezogen werden. 

Autorin: Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

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