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Was jetzt passieren muss

Negative Strompreise und Industriebefreiung nicht auf Kosten der Erneuerbaren

Die Zusammensetzung und Entstehung der Strompreise muss mit zunehmendem Anteil erneuerbarer Energien hinterfragt und korrigiert werden. Vorschläge.

Nicole Weinhold

Warum wird Flexibilität nur von erneuerbaren Energien verlangt, während fossile Energien nicht auf eine geringe Nachfrage reagieren müssen? Warum sollen nur erneuerbare Energien mit dem nächsten EEG dafür zahlen, wenn mindestens eine Stunde lang negative Börsenstrompreise entstehen? Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) hat „Vorschläge von Maßnahmen für eine kurzfristige Anpassung des Strommarktdesigns“ unterbreitet. Hintergund ist das aktuelle, durch niedrige Börsenstrompreise bedingte Rekorddefizit auf dem EEG-Konto und die Veröffentlichung der EEG-Umlage 2021, die deutlich zeigen, dass das derzeitige Strommarktdesign nicht für eine überwiegend von erneuerbaren Energien getragene Versorgung geeignet ist.

Erneuerbare wichtigste Stromquelle

Simone Peter, Präsidentin Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE), erinnerte jetzt in einer Pressekonferenz daran, dass 2019 bereits 40 Prozent Regenerativstrom in unserem Mix war und es 2020 wohl 50 Prozent werden. „Die erneuerbaren Energien sind in den letzten 20 Jahren zur wichtigsten Stromquelle in Deutschland geworden. Sie tragen die Hauptverantwortung für unsere Energieversorgung, daher muss das Strommarktdesign auf ihnen fußen und die Kostenvorteile an die Verbraucher weitergegeben werden“, erklärte sie.

Die Vorschläge des BEE zur Finanzierung und Flexibilisierung des Strommarkts sind in Zusammenarbeit mit den Energieinstituten Energy Brainpool, IZES, Enervis und IKEM entstanden.

Corona sei wie ein Brennglas, so Peter. Die hohe Einspeisung Erneuerbarer und die geringere Stromnachfrage, verstärkt durch die Corona-Pandemie, führten aktuell zu stark sinkenden Börsenstrompreisen. Dadurch steige die Differenz zwischen dem Marktwert des erneuerbaren Stroms und der EEG-Vergütung, die über die EEG-Umlage ausgeglichen werden muss.

Industrieprivilegien

Ein Problem aus der Vergangenheit hat sich zudem noch verschärft: Zahl privilegierter, stromintensiver Unternehmen ist massiv gestiegen. Und Industrieunternehmen, die ihren eigenen fossilen Strom erzeugen, sind zum Teil von der EEG-Umlage befreit. Sie haben oft einen hohen Eigenverbrauch. Aktuell sind 2.202 Unternehmen mit 116 TWh Stromverbrauch privilegiert, deren Begünstigung sich mittlerweile auf fünf Milliarden Euro beläuft. Entsprechend schlägt der BEE vor, Industrieprivilegien über den Bundeshaushalt zu finanzieren, mit einer Ersparnis von 1,5 Cent je Kilowattstunde, sowie die Stromsteuer auf das europarechtlich mögliche Minimum zu senken, mit einer Ersparnis von zwei Cent je Kilowattstunde. Dem gegenüber bleibe es fraglich, ob die Querfinanzierung über das Brennstoffemissionshandelsgesetz zeitnah von der EU-Kommission genehmigt werde, warnte Peter. Besser geeignet wäre die Finanzierung über eine nationale CO2-Bepreisung im Strommarkt.

Negative Börsenstrompreise

Derzeit müssen Regenerativanlagenbetreiber ab der sechsten Stunde negativer Strompreise an der Börse zahlen. Bald soll es aber der ersten Stunde der Fall sein. Wie lässt sich der Anstieg negativer Strompreise vermeiden? Verbraucherflexibilität, mehr Erzeugerflexibilität und weniger Einspeisung aus inflexiblen fossilen Kraftwerken und die vermehrte Nutzung von Speichern sind hier die Schlüssel.

Fabian Huneke von Energy Brainpool erklärte, drei schnellgreifende Maßnahmen seien bezüglich der Finanzierung sinnvoll: Industrieprivilegien könnten über den Haushalt finanziert werden. Dadurch würden nicht die Erneuerbaren in Misskredit geraten für eine Staatsaufgabe, den Erhalt energieintensiver Industrien. Zweitens sollte die Stromsteuer wie gesagt gesenkt werden. Gleichzeitig könnten Anreize bei etwa E-Mobilität und Wärmepumpe gesetzt werden. Und schließlich könnten Einnahmen aus der CO2-Bepreisung zur Senkung der EEG-Umlage genutzt werden. Das würde auch den Druck auf fossile Kraftwerke erhöhen.

Das Vorschlagspapier "Vorschlag von Maßnahmen für eine kurzfristige Anpassung des Strommarktdesigns" finden Sie hier.

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