Foto: Tetastock – Fotolia.com

Ablenkungsmanöver?

Studie: Insekten sterben an Windkraftrotoren

Eine Studie des DLR hat festgestellt, dass eine hohe Anzahl an Insekten an Windkraftanlagen sterben. Was bedeutet das? Was folgt daraus?

Nicole Weinhold

Insekten sterben an Windkraft-Rotorblättern. Das ist - stark komprimiert - die Kernaussage einer Studie des DLR. Diese sorgt gerade für mächtig Aufregung, denn das Insektensterben ist derzeit in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Wie stark dieses Interesse ist, zeigte eine Unterschriftensammlung in Bayern für einen Volksentscheid, der von der Politik eine Neuausrichtung der Agrarindustrie verlangt - eine Abkehr vom exzessiven Einsatz von Pestiziden hin zu einer ökologischeren Landwirtschaft, in der Insekten überleben können. Ist die Landwirtschaft nun aus der Schusslinie und die Windkraft muss diesen Platz einnehmen?

Insekten an Rotorblättern

Zunächst muss ein Irrtum des DLR aufgeklärt werden. Gleich zu Beginn der Veröffentlichung, die Ende vergangenen Jahres bereits in der Zeitschrift Energiewirtschaftliche Tagesfragen erschienen sit, heißt es: "Lange Zeit dachte man, Windparks und Insekten würden sich nicht in die Quere kommen." Das ist so nicht ganz richtig. Denn jeder Rotorblatt-Servicetechniker sieht ja die Insekten an den Flügeln kleben. Tatsächlich führte dieser Fakt dazu, dass bereits Anfang der 2000er eifrig darüber diskutiert wurde, was für einen Ertragsverlust die klebenden Insekten für die Windturbine bedeuten. Die Spekulationen gingen in Richtung fünf Prozent - und eine Reihe von Firmen versuchte, daraus ein Geschäftsfeld zu erschließen: Die Rotorblatt-Reinigung. Irgendwann ist das Thema dann aber wieder eingeschlafen. Der Ertragsverlust wurde dann doch nicht so hoch eingeschätzt.

Anders der Ertragsverlust, den das DLR verursachen könnte, wenn den Empfehlungen in der Studie tatsächlich Vorgaben für die Windkraft folgen würden. Denn als erste Gegenmaßnahme wird hier vorgeschlagen, Windparks von April bis Oktober bei über zehn Grad Umgebungstemperatur abzuschalten. Was laut DLR rund 30 Prozent Ertragsverlust bedeuten würde. Und, das sagt das DLR nicht, die Insolvenz der Windparkbetreiber nach sich ziehen würde.

Schwarmerfassung per Lidar?

Dagegen wirken die anderen Vorschläge für Gegenmaßnahmen relativ nett: Schwarmerfassung per Lidar/Sodar und Abschaltung nur bei hohem Schwarmaufkommen, Monitoring der Insekten und Erfassung von Verhaltensmustern, Entwicklung präventiver Maßnahmen auf Basis von intensiven Untersuchungen.

Womit das DLR übrigens Recht hat, ist die Tatsache, dass der Normalbürger davon ausgeht, dass Insekten nicht in 100 Meter Höhe unterwegs sind. Die Wissenschaftler erklären in ihrer Metastudie, die auf der Auswertung anderer Studie basiert, das Insekten sich aber sehr wohl dort oben aufhalten. Und zwar, wenn sie weitere Wege zurücklegen wollen. Dabei bedienen sie sich der Kraft des Windes, sie lassen sich treiben, sozusagen.

Wie ist die Studie einzuordnen?

Ein Aspekt fehlt in der DLR-Studie allerdings. Zwar wird explizit darauf hingewiesen, dass dieser Aspekt nicht Thema der Studie ist. Jedoch muss dieser aufgrund des Interesses der Allgemeinheit nun doch dringend nachgereicht werden. Nämlich das Einordnen der Insektenverluste an Windkraftanlagen: Wie viele Insekten sterben im Vergleich zur Windkraft im Straßenverkehr und vor allem in der Landwirtschaft?

In der Zeitschrift Biological Conservation wurde gerade eine Studie veröffentlicht, die vor allem die Ausweitung der intensiven Landwirtschaft für das Insektensterben verantwortlich macht (veränderte Landnutzung), durch den Einsatz von chemischem Pflanzenschutz, Düngemitteln und industriell verursachte Umweltbelastungen. Weiter Ursachen: Parasiten, Krankheitserreger, Klimawandel. 73 Studien haben die Wissenschaftler dafür ausgewertet. Demnach könnten in den nächsten Jahrzehnten 40 Prozent unserer Insektenarten verschwinden. Das ist eine andere Größenordnung, als die beim DLR angeklungene mittlere einstellige Prozentzahl, wobei auch selbst diese schwer zu manifestieren ist.

Der BUND hat Anfang des Jahres ausführlich zu dem Thema Stellung genommen. Er hat eine Liste zusammengestellt, was passieren müsste, um das Insektensterben einzudämmen.

9 Punkte: Plan gegen das Insektensterben - die Perspektive der Wissenschaft

1. Einschränkung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft

2. Extensivierung der Landwirtschaft

3. Erhöhung der Artenvielfalt des Grünlands

4. Pflege von Naturschutzgebieten

5. Mehr Natur im öffentlichen Raum

6. Gegen Lichtverschmutzung angehen

7. Forschungs‐ und Bildungsoffensive

8. Förderung von Wildbestäubern

9. Öffentlichkeitsarbeit

Ein Gift, das Insekten in den vergangenen Jahren den Garaus gemacht hat, sind die Neonicotinoide. Diese Nervengifte zählen heute zu den meistverkauften Pestiziden – weltweit.

Wer den Insekten helfen will, sollte die Landwirtschaft ökologischer machen. Der Einfluss der Windkraft auf das Insektensterben ist dem gegenüber minimal.

Alte Diskussion

Nichts gelernt? CDU-Politiker wärmt Insektendebatte auf

Im Petitionsausschuss des Bundestages schiebt Staatssekretär Stübgen die Schuld für das Insektensterben auf die Windenergie.

Neue Studie des BNE zur Artenvielfalt

Solarparks schaffen Naturschutzgebiete

Die Nutzung von Freiflächen für den Bau von Solarparks sorgt dafür, dass die Artenvielfalt in diesem Gebiet drastisch zunimmt. Damit werden die Anlagen zu einem Teil des Kampfes gegen das Insektensterben.

Interview mit Bundesumweltministerin, Teil 2

"Klimagesetz ist ein Generationenvertrag."

Bundesumweltministerin im Gespräch mit ERNEUERBARE ENERGIEN über das Engagement im Regierungslager für ein Klimagesetz.

Energiewende und Verkehrswende

Neue Studie: Fossile Energien kosten Millionen Menschenleben

Studie: Millionen Menschen sterben wegen Luftverschmutzung. Ausstieg aus den Fossilen ist nötig.