Speicher und Elektrolyseure als Rückgrat eines Energiesystems im Wandel brauchen einen stabilen regulatorischen Rahmen.
Nicole Weinhold
An guten Tagen decken erneuerbare Energien den Großteil des Bedarfs, an windstillen Winterabenden jedoch klafft eine Lücke. Die Herausforderung ist nicht länger der Zubau von Erzeugungskapazität allein – sondern die Stabilisierung eines Systems, das zunehmend von wetterabhängiger Einspeisung geprägt ist. Großbatteriespeicher und Elektrolyseure rücken damit als elementare Flexibilitätsbausteine eines neuen Energiesystems ins Zentrum der Debatte.
Die weltpolitischen Krisen der vergangenen Jahre – vom russischen Angriff auf die Ukraine bis zu Spannungen im Nahen Osten – haben deutlich gemacht, wie verwundbar energiepolitische Abhängigkeiten sind. Für Sven Becker, Sprecher der Geschäftsführung der Trianel GmbH, ist die Energiewende deshalb längst mehr als Klimapolitik. Sie sei „industrie‑, sicherheits‑ und geopolitische Strategie zugleich“. Er sieht ein systemisches Problem: „Wir haben in den vergangenen Jahren stark auf den Ausbau der erneuerbaren Erzeugung gesetzt, ohne das Gesamtsystem ausreichend mitzudenken. Ein Stromsystem mit hohen Anteilen stochastischer Einspeisung braucht Flexibilität – auf der Erzeugungsseite, auf der Nachfrageseite und vor allem durch Speicher. Schnelllebige regulatorische Eingriffe sind Gift für kapitalintensive Infrastrukturprojekte. Wer dreistellige Millionenbeträge investiert, braucht verlässliche Rahmenbedingungen über viele Jahre hinweg.“
Flexibilität ist für Becker der Schlüsselbegriff der kommenden Dekade. Gemeint ist die Fähigkeit, Stromangebot und -nachfrage jederzeit auszubalancieren. Während fossile Kraftwerke ihre Leistung planbar bereitstellten, schwanken Wind- und Solarparks je nach Wetterlage. Das Netz muss diese Schwankungen in Sekundenbruchteilen ausgleichen.
Der Großspeicher als Netzpuffer
Trianel setzt deshalb auf großskalige Batteriespeicher. In Waltrop am Rande des Ruhrgebiets plant das Unternehmen einen der leistungsstärksten Batteriespeicher Deutschlands: 900 Megawatt Leistung, angeschlossen an das 380‑Kilovolt-Höchstspannungsnetz. Die Inbetriebnahme ist geplant für Mitte 2028.
Solche Anlagen können binnen Millisekunden reagieren. Sie nehmen Strom auf, wenn Überschüsse entstehen, und speisen ihn wieder ein, sobald Frequenz oder Spannung im Netz abfallen. Damit ersetzen sie keine Langzeitspeicher für Wochen oder Monate – wohl aber sichern sie kurzfristige Netzstabilität.
Wer dreistellige Millionenbeträge investiert, braucht verlässliche Rahmenbedingungen über viele Jahre hinweg.
Auch Guy Schaaf, Marketing Manager Deutschland-Österreich des französischen Speicherherstellers Socomec, sieht in Großspeichern einen systemrelevanten Baustein. Sein Unternehmen bietet Komplettlösungen bis 20 Megawatt an – inklusive Mittelspannungstechnik, Transformator, Wechselrichter, Batteriecontainer und Service. „Großspeicher sind ein zentraler Bestandteil der Netzstabilisierung. Ein Kernkraftwerk braucht Stunden, um seine Leistung spürbar zu verändern. Ein Batteriespeicher reagiert in Millisekunden. Diese Geschwindigkeit ist entscheidend, um Netzschwankungen auszugleichen und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.“
Speicher könnten hier als „digitale Stoßdämpfer“ wirken – sie glätten Lastspitzen, entlasten Leitungen und reduzieren Netzausbaukosten. Auch für Unternehmen seien sie attraktiv: Wer seine Lastspitzen kappe, spare Netzentgelte.
Wasserstoff: Speicher für die lange Strecke
Während Batterien für den Ausgleich vor allem für Sekunden, Minuten oder wenige Stunden geeignet sind, soll Wasserstoff saisonale Schwankungen egalisieren. Elektrolyseure wandeln überschüssigen Strom in Wasserstoff um, der gespeichert, transportiert oder industriell genutzt werden kann.
Trianel treibt in Hamm ein Elektrolyseprojekt voran, verfügt bereits über Genehmigung und Förderbescheid. Dennoch ist das Projekt bislang nicht umgesetzt. Der Grund: fehlende wirtschaftliche Perspektive. Becker warnt: „Wasserstoff hat enormes Potenzial, aber wir dürfen uns nichts vormachen: Der Markt entsteht nicht durch Ankündigungen. Wenn Nachfrage, Netzinfrastruktur und Erzeugung nicht synchron wachsen, bleibt der Elektrolyseur ein teures Einzelprojekt. Investitionen auf bloßen Erwartungshorizont sind nicht verantwortbar.“
Zugleich kritisiert er, zu kleinteilige Vorgaben – etwa bei der exakten Klassifizierung von „grünem“ oder „blauem“ Wasserstoff – könnten Investitionen verzögern, statt sie zu beschleunigen.
Langfristig sieht Becker wasserstofffähige Gaskraftwerke als Brückentechnologie. Sie könnten heute mit Erdgas betrieben und perspektivisch auf Wasserstoff umgestellt werden. Damit würden sie gesicherte Leistung bereitstellen und gleichzeitig Nachfrage für den neuen Energieträger schaffen.
Regulierung als Bremsklotz
Beide Experten eint eine zentrale Sorge: regulatorische Unsicherheit. Schaaf nennt das Energieeffizienzgesetz als Beispiel. Dort würden Speicher in bestimmten Konstellationen lediglich als zusätzliche Last gewertet – nicht als flexible Ressource oder potenzieller Einspeiser. „Technisch ist das nicht sinnvoll. Ein Speicher nimmt Energie auf und gibt sie wieder ab. Beide Richtungen müssen regulatorisch berücksichtigt werden. Was wir uns wünschen, ist mehr Dialog zwischen Politik und technischen Experten. Infrastrukturprojekte sind komplex, und lange Genehmigungsprozesse bremsen Innovation erheblich.“ Genehmigungen für Bau und Netzanschluss dauerten oft ein bis zwei Jahre. In einem Markt, der sich technologisch rasant entwickle, sei das problematisch.
Auch Becker fordert mehr Verlässlichkeit. Prozesse wie die Reform der Netzentgeltsystematik seien grundsätzlich richtig, doch ständige Kurswechsel erschwerten Investitionsentscheidungen. Kapitalintensive Projekte benötigten Planungssicherheit – nicht politische Volatilität.
Was wir uns wünschen, ist mehr Dialog zwischen Politik und technischen Experten.
Dezentral, flexibel, hybrid
Das Stromsystem der Zukunft wird sich grundlegend vom alten unterscheiden. Statt weniger großer Kraftwerke entsteht ein Netzwerk aus Millionen dezentraler Anlagen – Photovoltaikdächer, Windparks, Batteriespeicher, Elektrolyseure, flexible Verbraucher.
Großspeicher übernehmen dabei die Rolle kurzfristiger Stabilisatoren. Elektrolyseure schaffen eine Brücke zwischen Strom- und Gaswelt. Wasserstofffähige Kraftwerke sichern Dunkelflauten ab.
Das Zusammenspiel dieser Elemente entscheidet über Erfolg oder Scheitern der Energiewende. Technologie ist vorhanden. Kapital ebenfalls. Was fehlt, so die Einschätzung beider Branchenvertreter, ist ein konsistenter politischer Rahmen. Sie fordern gleichermaßen von der Politik:
Planungssicherheit für Investitionen: Langfristig stabile regulatorische Rahmenbedingungen statt kurzfristiger Eingriffe. Kapitalintensive Speicher- und Kraftwerksprojekte brauchen verlässliche Erlösmodelle.
Technologieoffene und praxisnahe Regulierung: Speicher müssen regulatorisch als flexible Systemressource anerkannt werden – nicht als reine Verbraucher. Wasserstoffvorgaben sollten ambitioniert, aber realistisch sein.
Beschleunigte Genehmigungsverfahren: Kürzere Fristen für Bau- und Netzanschlüsse sowie mehr Koordination zwischen Behörden, um Projekte schneller umzusetzen.
Die Energiewende ist in ihrer entscheidenden Phase angekommen. Der Ausbau von Wind- und Solarenergie war der erste Akt. Der zweite heißt Systemintegration.
Foto: Handelsblatt/Dietmar Gust
Trianel-Chef Becker (links)bei einem Presse-Event Anfang des Jahres.
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