Frau Alemany, die Bundesregierung diskutiert intensiv über den Zubau von 10 + 2 Gigawatt Gaskraftwerken. Gleichzeitig wird vergleichsweise wenig über erneuerbare Energien gesprochen. Wird deren Rolle unterschätzt?
Aurélie Alemany: Kommunikativ standen die Gaskraftwerke zuletzt stark im Vordergrund, das stimmt. Kapazitativ ist das Bild aber ein ganz anderes: Die erneuerbaren Energien sind und bleiben der mit Abstand größte Pfeiler der Energiewende. Das zeigen die Jahresberichte zur Stromerzeugung als auch der Monitoringbericht der Bundesregierung sehr klar.
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Die Debatte entstand ja vor allem, weil eine politische Entscheidung anstand. Inhaltlich ist jedoch unstrittig, dass Flexibilität, die Integration erneuerbarer Energien und der europäische Verbund zentrale Elemente der Energiewende sind.
Trotz Batteriespeichern lässt sich eine Dunkelflaute nicht vollständig überbrücken. Wie notwendig sind Gaskraftwerke als Backup?
Aurélie Alemany: Eine Dunkelflaute kann man realistisch betrachtet nicht allein mit Batteriespeichern bewältigen. Deshalb ist die Diskussion über Backup-Kapazitäten berechtigt. Entscheidend ist aber, dass wir diese Debatte rational führen: Wie viel Reserveleistung brauchen wir wirklich? Wie weit kommen wir mit Flexibilität, bestehenden Assets mit Biogas/Biomethan, europäischer Integration und Lastmanagement? Neue Gaskraftwerke sind eine Absicherung – nicht der Kern des Systems.
Was bedeutet das konkret für enercity? Wie sorgen Sie für Versorgungssicherheit auf Basis erneuerbarer Energien?
Aurélie Alemany: Energieunternehmen müssen vor allem eines leisten: Flexibilität technisch ermöglichen. Deshalb investieren wir stark in digitale Zwillinge, Energiemanagementsysteme und intelligente Steuerung. Ich bin überzeugt, dass wir spätestens in drei Jahren sehr große Flexibilität im System aktiv managen können. Das wird heute oft noch unterschätzt.
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Welche Rolle spielen dabei Ihre Kundinnen und Kunden?
Aurélie Alemany: Eine sehr große. Wir arbeiten eng mit unseren Kundinnen und Kunden zusammen. Nehmen wir das B2B-Segment: Gemeinsam optimieren wir dort Energieverbräuche, Lastprofile und damit die Preise und bieten Lösungen wie Batteriespeicher, Wärme, Photovoltaik.
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Das reicht von Logistikunternehmen bis hin in die Kunststoffbranche. Auch im Privatkundensegment bieten wir längst mehr als „nur” die Hardware PV und Speicher – etwa durch intelligente Steuerung.
Sie sprechen sich auch für Reformen am Strommarkt aus. Was meinen Sie konkret?
Aurélie Alemany: Wir engagieren uns in der Diskussion um Marktreformen, insbesondere beim Thema möglicher Preiszonen. Ziel ist, Effizienzen im Energiesystem zu heben und damit zur Kostenstabilisierung beizutragen. Eine einheitliche Preiszone verschleiert Netzengpässe, erhöht Fehlanreize und erzeugt hohe Redispatch‑Kosten.
Ein Dauerproblem ist der Smart-Meter-Rollout. Warum kommt Deutschland so langsam voran?
Aurélie Alemany: Zum einen sind Smart Meter in Deutschland teuer und für Netzbetreiber wirtschaftlich oft herausfordernd . Zum anderen ist die technische Ausgestaltung des Rollouts deutlich komplexer als in vielen anderen Ländern.
Zum anderen haben wir uns die ambitionierteste Form der Energiewende weltweit ausgesucht– und dafür brauchen wir diese Technik zwingend. Deshalb investieren wir massiv in die Digitalisierung unserer Netze. Das ist Teil unserer Strukturkosten.
Wie ist die Situation konkret bei Enercity?
Aurélie Alemany: Der Rollout kommt voran, bis 2035 investieren wir hier rund 60 Millionen Euro und verbauen rund 24.000 Smart Meter pro Jahr. Wir gehen dabei intelligent vor: straßenweise, kundenorientiert und mit Fokus auf größere Verbräuche.
Wichtig ist mir: Flexibilität funktioniert auch schon, bevor der Smart-Meter-Rollout vollständig abgeschlossen ist. In Deutschland neigen wir dazu, zu glauben, dass erst alles perfekt sein muss – dabei können wir längst anfangen.