Spatenstich für einen Großspeicher in Wilhelmshaven mit Niedersachsens Ministerpräsidenten Olaf Lies (3. v.l.)
Wie Großbatterien Versorgungssicherheit schaffen und regionale Wertschöpfung durch erneuerbare Energien stärken
Nicole Weinhold
Mit dem Spatenstich für einen 50-Megawatt-Batteriespeicher im April auf dem Gelände des ehemaligen Steinkohlekraftwerks in Wilhelmshaven beginnt ein neues Kapitel der regionalen Energieinfrastruktur. Das Projekt von Uniper und N-Gen mit einer Speicherkapazität von 100 Megawattstunden steht exemplarisch für die nächste Phase der Energiewende: den systemdienlichen Ausbau von Speichertechnologien zur Stabilisierung eines zunehmend erneuerbaren Stromsystems. Die Inbetriebnahme ist für das erste Quartal 2027 geplant.
Der Speicher wird kurzfristige Schwankungen aus Wind- und Solarstrom ausgleichen und damit die Netzstabilität erhöhen. Gerade für Regionen mit hoher Einspeisung aus Offshore-Windenergie ist dies von zentraler Bedeutung. In Wilhelmshaven trifft diese technische Notwendigkeit auf eine strategische Chance: Der Standort entwickelt sich zum Energie-Hub mit wachsender Bedeutung für Versorgungssicherheit und industrielle Transformation.
Regionale Systemrelevanz
Oberbürgermeister Carsten Feist ordnet die Dimension des Projekts klar ein: „Dieser Batteriespeicher kann die Versorgungssicherheit für 200.000 Vier-Personen-Haushalte abfedern.“ Hochgerechnet entspricht das rund 800.000 Menschen in der Region von Emden über Wilhelmshaven bis Oldenburg. Damit wird deutlich, dass es sich nicht um ein lokales Infrastrukturprojekt handelt, sondern um einen Baustein mit regionaler Systemrelevanz.
Die Notwendigkeit solcher Speicher ergibt sich unmittelbar aus der Charakteristik erneuerbarer Energien. Feist betont: „Am heutigen Tag werden wir viel mehr Windstrom produzieren, als verbraucht wird. Und den müssen wir in irgendeiner Form speichern.“ Batteriespeicher übernehmen hier eine Schlüsselfunktion, indem sie Überschüsse aufnehmen und zeitversetzt wieder ins Netz einspeisen. Sie reduzieren Abregelungsverluste, stabilisieren Preise und erhöhen die Versorgungssicherheit.
Für Kommunen liegt genau darin eine zentrale Erkenntnis: Der Ausbau erneuerbarer Energien allein genügt nicht. Erst in Kombination mit Speichern entsteht ein belastbares, resilientes Energiesystem. Projekte wie in Wilhelmshaven zeigen, wie diese Integration konkret umgesetzt werden kann – technologisch, wirtschaftlich und planerisch.
Der Speicher kann die Versorgungssicherheit für 200.000 Vier-Personen-Haushalte abfedern.
Darüber hinaus eröffnet die Energiewende erhebliche Potenziale für regionale Wertschöpfung. Feist formuliert dies unmissverständlich: „Die Produktion folgt der Energie.“ Regionen, die frühzeitig in erneuerbare Erzeugung und Speicher investieren, schaffen damit die Grundlage für industrielle Ansiedlungen. Entscheidend ist, dass Energie nicht nur durchgeleitet, sondern vor Ort genutzt wird. „Sonst haben wir davon wertschöpfungsmäßig als Kommune und als Region erstmal relativ wenig“, warnt Feist mit Blick auf reine Transitfunktionen.
Wilhelmshaven setzt deshalb gezielt auf die Verknüpfung von Energieinfrastruktur und industrieller Entwicklung. Neben Offshorewind und künftig auch Wasserstoff bildet der Batteriespeicher einen weiteren Baustein. Ziel ist es, energieintensive Prozesse anzusiedeln und Arbeitsplätze zu schaffen. Für Kommunen bedeutet dies: Flächenplanung, Infrastrukturentwicklung und Wirtschaftsförderung müssen frühzeitig integriert gedacht werden.
Nutzung von Hafenkapazitäten
Die Perspektive der Hafenwirtschaft unterstreicht die strategische Dimension. Andreas Bullwinkel, Präsident der Wilhelmshavener Hafenwirtschaftsvereinigung, betont die Notwendigkeit kooperativer Strukturen: Nein, es gebe jetzt keinen Wettbewerb mit der Bundeswehr um Hafenkapazitäten, sondern eher ein Miteinander. „Wir sehen jetzt, wie wichtig es ist, dass man miteinander redet, die einzelnen Positionen darlegt und die Schnittmengen sucht.“ Gerade im Spannungsfeld unterschiedlicher Nutzungsinteressen – etwa zwischen Militär, Logistik und Energiewirtschaft – wird deutlich, dass integrierte Standortentwicklung ein entscheidender Erfolgsfaktor ist.
Bullwinkel hebt zudem hervor, dass der Ausbau von Kapazitäten vorausschauend erfolgen muss: „Wenn Sie Kapazitäten schaffen, dann werden die auch genutzt.“ Für Kommunen bedeutet dies, nicht nur auf bestehende Nachfrage zu reagieren, sondern aktiv Infrastruktur bereitzustellen, um künftige Entwicklungen zu ermöglichen. Insbesondere im Bereich der Windenergie und der zugehörigen Logistik- und Speicherinfrastruktur sieht er erhebliches Wachstumspotenzial ohne klassische Verdrängungseffekte: „Wir haben genügend Möglichkeiten, hier Kapazitäten aufzubauen und auszubauen.“
Wir haben genügend Möglichkeiten, hier Kapazitäten aufzubauen und auszubauen.
Die Kombination aus Tiefwasserhafen, Energieimport- und -exportinfrastruktur sowie wachsender Speicherkapazität verschafft Wilhelmshaven dabei eine besondere Ausgangsposition. Der Standort ist bereits heute zentral für LNG-Importe, entwickelt sich aber zunehmend in Richtung erneuerbarer Energien und Wasserstoffwirtschaft weiter. Der Batteriespeicher ergänzt dieses Profil um die Fähigkeit zur kurzfristigen Flexibilisierung. Für kommunale Entscheidungsträger ist das Projekt ein Musterbeispiel.
Nicht zuletzt zeigt Wilhelmshaven auch die Herausforderungen auf. Planungs- und Genehmigungsprozesse dauern häufig mehrere Jahre, während technologische und geopolitische Entwicklungen deutlich schneller voranschreiten. Feist mahnt daher bei der Bundespolitik verlässliche Rahmenbedingungen an, um Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe abzusichern.
Der Spatenstich markiert somit weit mehr als den Beginn eines Bauprojekts. Er steht für einen Paradigmenwechsel in der Energiepolitik auf kommunaler Ebene: weg von zentralisierten Strukturen, hin zu dezentralen, flexiblen und wirtschaftlich integrierten Energiesystemen. Kommunen, die diesen Wandel aktiv gestalten, können nicht nur ihre Versorgungssicherheit erhöhen, sondern sich auch als attraktive Standorte für die Industrie der Zukunft positionieren.
Foto: Nicole Weinhold
Am selben Standort: ein ehemaliges Kohlekraftwerk
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