Manuel Gollbach, Geschäftsführer der Stadtwerke Hünfeld, und sein Projekt für saubere Energie.
Stand-alone-Speicher können für Stadtwerke ein lukratives neues Standbein sein, wie das Beispiel Hünfeld zeigt.
Katharina Wolf
In einem Gewerbegebiet in Hünfeld, unweit der hessischen Stadt Fulda, steht Manuel Gollbach vor akkurat aufgestellten weißen Schaltschränken. Die zwölf Blöcke mit je neun Batteriespeichern und einem AC-Verteilerschrank bilden mit sechs Megawatt Leistung und 21 MWh Kapazität den derzeit größten Batteriespeicher Hessens. Gollbach, Geschäftsführer der Stadtwerke Hünfeld, hat hier rund 6,7 Millionen Euro investiert, um beim Handeln mit Strom dabei zu sein.
Denn in der Nähe des Speichers gibt es weder eine PV-Anlage noch einen Windpark. Die Anlage in Hünfeld ist als Stand-alone-Speicher gedacht – anders als der zweite Großbatteriespeicher in der Stadt, der den Strom einer PV-Anlage aufnimmt und so einen großen Anteil Eigenstromversorgung im Klärwerk ermöglicht. „Weil so viele Leute gefragt haben, wo denn der Strom für den zweiten Speicher herkommt, wollten wir schon ein Dach mit PV-Anlage draufsetzen“, sagt Gollbach schmunzelnd. Doch dadurch hätte sich die Baugenehmigung derart verkompliziert, dass man sich am Ende dagegen entschied. Also stehen die Schaltschränke, die von außen ein wenig an große Kühlschränke erinnern und auch so ähnlich klingen, ohne Schutzdach auf der schwarz geschotterten und eingezäunten Fläche.
Weil so viele Leute gefragt haben, wo denn der Strom für den zweiten Speicher herkommt, wollten wir schon ein Dach mit PV-Anlage draufsetzen.
Doch wieso will ein Stadtwerk als 100-prozentige Tochter einer Stadt mit gut 17.000 Einwohnern an der Strombörse und am Regelenergiemarkt teilnehmen? „Eine Motivation war auf jeden Fall, dass wir ein neues Geschäftsfeld brauchen“, sagt Gollbach. Schließlich bringt die Wärmewende mit sich, dass ein zuverlässiges Standbein der Energieversorger langsam abgewickelt wird – das Geschäft mit Erdgas. Dazu kommt: Die anstehende Transformation wird viel Geld kosten, der Batteriespeicher soll es zumindest teilweise erwirtschaften. „Wir werden nicht das komplette Gasgeschäft ersetzen können“, sagt Gollbach, „aber der Speicher ist eine zusätzliche Einnahmequelle.“
Mit zwei Strategien verdient die Anlage Geld. Strom wird gekauft und gespeichert, wenn der Preis niedrig oder sogar negativ ist. Verkauft wird, wenn der Strom teuer ist. „Je größer der Spread an der Börse, desto besser für uns“, fasst Gollbach zusammen. Zudem ist der Hünfelder Speicher für Regelleistung präqualifiziert. Beteiligt er sich erfolgreich an den täglichen Ausschreibungen der Übertragungsnetzbetreiber, kann er im Bedarfsfall Strom einspeisen oder aufnehmen, um das Netz zu stabilisieren.
Schnelle Umsetzung
Nur gut ein Jahr dauerte es von den ersten Überlegungen 2023 bis zum ersten Handelstag der Anlage im Dezember 2024. Denn in Hünfeld kamen gleich mehrere günstige Bedingungen zusammen. Zum einen war da das Grundstück im Gewerbegebiet, für das bereits seit Jahren ein Bebauungsplan bestand, an dem aber aufgrund der Lage niemand großes Interesse hatte. Dazu kamen ein nicht ausgelasteter Netzanschluss in der Nähe und ein neu angestellter Geschäftsführer, der, wie er selbst sagt, in der Einarbeitungszeit auch noch Kapazitäten freihatte. Gleichzeitig sind die Stadtwerke Hünfeld nicht nur Betreiber des Batteriespeichers, sondern Verteilnetzbetreiber. „Wir haben das sauber getrennt“, betont Gollbach. Aber für das Abstimmungsverfahren und eine flexible Anschlussvereinbarung war dann das Vertrauen der Abteilungen untereinander doch hilfreich.
Denn der Netzbetreiber hat vollen Zugriff auf den Speicher. „Damit tun sich private Investoren natürlich schwerer“, sagt Konja Wick vom Speicherhersteller Pixii, Lieferant für die Stadtwerke Hünfeld. Schließlich können die Interessen der Speicher- und der Netzbetreiber durchaus auch mal gegenläufig sein. „Wir haben in Deutschland nur eine Strompreiszone“, nennt Wick den Grund. Das heißt: Wenn der Strompreis im Winter niedrig ist, weil die Windenergieanlagen im Norden viel Strom erzeugen, möchte ein Speicherbetreiber im Süden davon profitieren und einspeichern. Im lokalen Netz kann dieses Verhalten einen Engpass aber verschärfen, weil die örtlichen PV-Anlagen gerade nicht produzieren und ohnehin wenig Strom im Netz ist. „In solchen Fällen möchte der Netzbetreiber den Speicher selbst netzdienlich fahren, also nicht ein-, sondern eher ausspeichern“, sagt Wick. Hilfreich sei in solchen Fällen eine gute Kommunikation: „Im Idealfall gibt der Netzbetreiber einen Forecast, wie sich die Netzsituation in den kommenden Stunden oder Tagen darstellt“, sagt er. So könne sich der Speicherbetreiber vorbereiten.
28 Megawattstunden Speicherkapazität planen die Stadtwerke Gießen.
In Hünfeld gibt es beides – einen Vollzugriff auf die Speichersteuerung und eine umfangreiche Kommunikation. „In den überwiegenden Zeiten ist das Marktverhalten des Speichers auch für das lokale Netz dienlich.“ Negative Auswirkungen, also Verlust von Handelserlösen aufgrund der Eingriffe des Netzbetreibers, hielten sich in Grenzen. „Nur wenige hundert Stunden im Jahr“ komme es zu solchen Eingriffen, sagt Gollbach.
Im Gegenteil: Bislang hat das Speichersystem die Erwartungen an die Umsätze voll erfüllt. Innerhalb von rund sieben bis neun Jahren soll sich die Investition amortisieren – bei konservativer Fahrweise. „Wir hoffen natürlich, dass es eher klappt. Und das ist wohl auch zu erreichen“, ist der Geschäftsführer optimistisch. Während die Bereitstellung von Regelleistung der „sichere Hafen“ ist, wie er es nennt, winken die höheren Verdienste an der Börse. Was wie gehandelt wird, entscheidet der Direktvermarkter mithilfe spezieller Algorithmen. „Natürlich verpasst man auch mal einen guten Handelstag, weil man für Regeleistung bereitstehen muss“, so Gollbach. Aber auch das sei selten.
Netzentgelte für Batteriespeicher
Viele Stadtwerke und Kommunen interessierten sich für Batteriespeicher, sagt Wick. Und bei vielen drängt mittlerweile die Zeit. Denn die Bundesnetzagentur erarbeitet neue Regelungen für die Netzentgelte. Im sogenannten Agnes-Prozess ist noch einiges unklar. Sicher ist aber: Für Batteriespeicher werden künftig Netzentgelte fällig. Ausnahmen sollen nur für Projekte gelten, die vor August 2029 in Betrieb genommen werden und deren finale Investitionsentscheidung vor dem Inkrafttreten der Agnes-Regelungen gefallen ist. Gleichzeitig sollen dynamische Netzentgelte netzfreundliches Verhalten belohnen. Wie die Details aussehen, wird noch diskutiert, aber bis zum Jahreswechsel sollen zumindest die Rahmenbedingungen stehen.
Und noch aus anderen Gründen drängt die Zeit: Je mehr Batteriespeicher am Netz sind, desto mehr kannibalisieren sie sich gegenseitig ihr Geschäftsmodell an der Börse: Eben weil sie Strom zu Niedrigpreiszeiten aufnehmen und zu Hochpreiszeiten anbieten können, glätten sie die Ausschläge an der Börse, die hohe Profite versprechen. Doch bis dahin wird es noch dauern: Zwar werden mehr als 18 Gigawatt Speicher laut European Energy Storage Inventory aktuell erwartet, doch im Bau sind davon erst 2,4 Gigawatt. Weitere 0,58 Gigawatt sind genehmigt.
In Hünfeld ist man bei den Stadtwerken stolz, zu den Vorreitern bei dem Speicherthema zu gehören, und gibt die eigenen Erfahrungen gerne weiter. Etwa einmal im Monat, so sagt Gollbach, führe er Interessierte, darunter auch Vertreter anderer Stadtwerke, durch den derzeit größten Speicher Hessens und erzähle dessen Geschichte. Doch an einem Punkt wird er sie bald abändern müssen: In Gießen bauen die Stadtwerke einen Batteriespeicher mit einer Kapazität von 28 MWh – noch größer als der in Hünfeld. Mit ein bisschen Wehmut freue man sich aber auf die Übergabe des Staffelstabes, so Gollbach.
Foto: Katharina Wolf
Die Stadtwerke wissen, was die Stunde geschlagen hat.
Foto: Katharina Wolf
Speicher für die Stadtwerke Hünfeld kommen von Pixii.
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