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Dörfliche Wärmewende mit Herz und Speichersee

Nicole Weinhold

Als sich 2016 im kleinen Ort Hürup nahe Flensburg eine Handvoll Engagierter zusammenfand, stand eine einfache Rechnung am Anfang: Wie viel Geld fließt eigentlich jedes Jahr fürs Heizen aus dem Dorf ab – und ließe sich das ändern? Zehn Jahre später versorgt die Genossenschaft „Boben Op Nahwärme eG“ über 200 Haushalte mit erneuerbarer Wärme, baut Stück für Stück ein Nahwärmenetz auf und plant den nächsten großen Schritt: eine Solarthermieanlage mit saisonalem Wärmespeicher. Die Geschichte zeigt, wie aus einer Bürgerinitiative ein tragfähiges Versorgungsmodell werden kann – wenn man den langen Atem mitbringt.

Am Anfang stand eine Überschlagsrechnung, die so simpel wie eindrücklich war. Damals zählte die Gemeinde rund 500 Haushalte. Die Gründerinnen und Gründer nahmen einen durchschnittlichen Verbrauch von 2.500 Litern Heizöl pro Haushalt und Jahr an – eine bewusst grobe Schätzung. Bei einem damaligen Heizölpreis von etwa 60 Cent pro Liter ergab das rund 750.000 Euro, die jährlich allein fürs Heizen aus dem Dorf abflossen. Dazu kam eine zweite Überlegung: Innerhalb von 20 Jahren muss praktisch jede Heizung einmal erneuert werden. Bei geschätzten 12.000 Euro pro Austausch – ein Betrag, der sich im Rückblick als sehr konservativ herausstellte – summierte sich das über zwei Jahrzehnte auf weitere Millionenbeträge. „Es ist sehr ärgerlich, dass so viel Geld fürs Heizen einfach rausfließt aus unserem Dorf. Es wäre doch viel schöner, man würde dieses Geld im Kreis benutzen können“, sagt Emöke Kovac, Wirtschaftsingenieurin für Energie- und Umweltmanagement und Gründungsmitglied der Boben Op Nahwärme.

Die Botschaft war klar: Wer lokal und erneuerbar heizt, hält Wertschöpfung in der Region – und macht sich unabhängig von schwankenden Weltmarktpreisen und geopolitischen Risiken.

Solarthermie und Wärmespeicher

Der Blick ging früh nach Norden, über die dänische Grenze. Dort sind solarthermische Nahwärmeanlagen längst Standard – selbst in vergleichbaren Breitengraden. Eine Karte aus dem Jahr 2014 zeigte eine Vielzahl bestehender und geplanter Solarthermieanlagen im kleinen Nachbarland. Die Erkenntnis: Solarthermie funktioniert auch in der nördlichen Hemisphäre.

Besonders beeindruckte die Genossenschaftsgründer das Konzept der saisonalen Wärmespeicher. In Dänemark werden große, mit warmem Wasser gefüllte Erdbeckenspeicher genutzt – im Prinzip wie ein Baggersee, der isoliert und abgedeckt wird. In der Gemeinde Brædstrup besichtigten die Hüruper einen Erdsondenspeicher: Warmes Wasser wird im Sommer über Sonden in den Untergrund eingelagert, erwärmt das umliegende Erdreich und kann im Winter mithilfe einer Wärmepumpe wieder nutzbar gemacht werden – eine Art selbstgemachte Geothermie.

12 Tausend Euro wurden pro Heizungstausch im Dorf innerhalb von 20 Jahren kalkuliert.

Doch warum nicht einfach ausschließlich auf Biomasse setzen, wie es naheliegend wäre? Die Antwort liegt in einer nüchternen Ressourcenbetrachtung. In der Region stehen die sogenannten Knicks zur Verfügung – Windschutzhecken zwischen den Feldern, die alle zwölf Jahre beerntet werden dürfen. Im gesamten Kreis sind rund 7.000 Kilometer Knick nutzbar, damit ließen sich rechnerisch etwa 3.700 Haushalte versorgen. Bei 96.000 Haushalten im Kreis würden auf Hürup gerade einmal 63 Kilometer entfallen – bei weitem nicht genug. „Wir sind einfach sicher, wir müssen diversifizieren, wir können nicht nur Biomasse nutzen“, betont Emöke Kovac. Aktuell dient Hackschnitzelholz aus der Region als Übergangsbrennstoff, doch die Solarthermie soll langfristig den Hauptanteil der Wärmeversorgung übernehmen und damit die Brennstoffkosten dauerhaft stabil halten.

Baukastenprinzip statt Masterplan

Wer im Bestand ein Nahwärmenetz aufbauen will, steht vor einem klassischen Henne-Ei-Problem: Kein Haushalt kann seine Ölheizung abschaffen, solange das Netz noch nicht liegt. Und kein Netz kann gebaut werden, solange alle ihre Einzelheizung behalten. Die Lösung in Hürup: ein konsequentes Baukastenprinzip. Statt auf die eine große Lösung zu warten, wurden einzelne Teilnetze erschlossen und schrittweise miteinander verbunden. Modulare Hackschnitzelheizungen versorgten zunächst kleine Abschnitte, bevor größere Netzteile zusammenwuchsen.

Ein entscheidender Hebel war dabei die Kopplung an ohnehin geplante Straßen- und Kanalbaumaßnahmen von Land und Kommune. Wer die Straße nicht allein aufreißen muss, spart erheblich bei den Tiefbaukosten. 2017 ging im südlichen Ortsteil Hürup ein erster kleiner Abschnitt in Betrieb. 2022 folgte ein großer Bauabschnitt, der alle verfügbaren Kapazitäten forderte. Mittlerweile ist der Anschluss an eine ehemalige Bundeswehr-Konversionsfläche hergestellt, die die Genossenschaft 2015 erwerben konnte – ein Glücksfall, denn die Fläche bietet Platz für die geplante Solarthermieanlage, ohne in Konflikt mit landwirtschaftlicher Nutzung zu geraten.

Finanzierung: Die größte Hürde

So überzeugend das Konzept technisch und ökologisch ist – die größte Herausforderung bleibt die Finanzierung. Anders als bei Photovoltaik- oder Windkraftanlagen, für die das EEG über Jahrzehnte einen verlässlichen Businessplan lieferte, fehlt für die Wärmewende ein vergleichbares gesetzliches Einnahmemodell. Die Investitionen werden buchstäblich in den Boden versenkt – Leitungen, Speicher, Anlagen lassen sich nicht wieder herauslösen.

Banken prüfen entsprechend lange und intensiv. Doch die Zeitschienen der Finanzierung kollidieren mit den Realitäten vor Ort: Gebaut werden muss, wenn die Straße offen ist. Versorgt werden muss, wenn es kalt wird. Dazu kommen sich häufig ändernde Förderbedingungen, die Planungssicherheit untergraben.

Es ist sehr ärgerlich, dass so viel Geld fürs Heizen einfach rausfließt aus unserem Dorf.

Emöke Kovac, Gründungsmitglied der Boben Op Nahwärme.

Die Anschlusskosten für die Haushalte hat die Genossenschaft bewusst transparent und moderat gestaltet: nur die Rohre von der Hauptleitung auf das eigene Grundstück werden von der Genossenschaft pauschal berechnet mit 2.975 Euro brutto, Tiefbau und Heizungsbau können individuell beauftragt oder in Eigenregie durchgeführt werden. Der Genossenschaftsanteil von 2.500 Euro berechtigt zum Bezug der Wärme. Die eigentliche Hausübergabestation wird individuell von Installateurbetrieben angeboten. Der Wärmepreis lag lange stabil bei 6,9 Cent pro Kilowattstunde und musste kürzlich auf 12,1 Cent brutto angehoben werden – auf Verlangen der finanzierenden Bank.

Warum eine Genossenschaft?

Die Rechtsform war eine bewusste Entscheidung. Ein Nahwärmenetz ist ein natürliches Monopol: Ist es einmal gebaut, gibt es keinen Wettbewerb. Das kann bei den Angeschlossenen schnell das Gefühl erzeugen, einem Preisdiktat ausgeliefert zu sein. „Deswegen waren wir ganz sicher, das darf kein Privatunternehmen machen“, erklärt Emöke Kovac. Am liebsten hätten die Initiatoren Gemeindewerke gegründet, doch die Kommunalaufsicht bremste diesen Plan. Die Genossenschaft wurde zur zweitbesten Lösung – mit entscheidenden Vorteilen: demokratische Mitbestimmung der Genossen, volle Preistransparenz und das Vertrauen, das aus der langjährigen positiven Erfahrung mit der genossenschaftlichen Wasserversorgung im Ort gewachsen war.

Dass die Gemeinde selbst Genossin wurde und ihre öffentlichen Liegenschaften anschloss, war ein wichtiges Signal. Der sprunghafte Anstieg der Mitgliederzahlen ab 2022 – als mit dem Ukraine-Krieg die Energiepreise explodierten – zeigte, dass das Modell auch jenseits der überzeugten Ökoszene trägt.

Praktisches Beispiel für andere Kommunen

Die Geschichte von Boben Op Nahwärme ist kein Märchen von schnellem Erfolg. Zehn Jahre Aufbauarbeit, zähe Verhandlungen mit Banken und Behörden – das gehört zur Wahrheit dazu. Was es braucht: verlässliche Förderbedingungen, Flächen, Konzessionen fürs Netz, die Anerkennung der Wärmewende als Daseinsvorsorge – und Menschen.

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