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Energiepolitik

Windgas-Anlage mit 100 Megawatt

Ist es der Start einer Power-to-Gas-Infrastruktur? Drei Strom- und Gasnetzfirmen planen ein 100-Megawatt-Projekt, nun muss die Politik schleunigst handeln.

Inhaltsverzeichnis

von Tilman Weber

Übertragungsnetzbetreiber Tennet sowie die Gasnetzbetreiber Gasunie und Thyssengas wollen die dann wohl erste Anlage im für Übertragungsnetze geeigneten Maßstab ab 2022 schrittweise in Betrieb nehmen. Konkret planen sie eine 100 Megawatt (MW) leistende Power-to-Gas-Anlage im Umfeld der Tennet-Umspannwerke Diele und Conneforde. Beide Stationen nahe der niedersächsischen Nordseeküste sammeln den Strom aus mehreren deutschen Nordsee-Offshore-Windparks ein.

Der geplante Standort ist natürlich kein Zufall, denn die hier konzipierte Pilotanlage soll nach dem Willen der drei Projektpartner überschüssigen Offshore-Windstrom nutzen: Wenn die Höchstspannungsleitungen bei einem Sturmtief über der Nordsee diese Leistung gerade einmal wieder nicht aufnehmen und zu den großen Stromverbrauchsregionen im Ruhrgebiet oder in Süddeutschland transportieren können, soll die Power-to-Gas-Anlage diese überschüssige Elektrizität in energiereichen Wasserstoff umwandeln. Prinzipiell ließe sich der Wasserstoff dann bei abflauendem Wind wieder zurückverstromen und einspeisen, damit nicht schmutzige konventionelle Kraftwerke einspringen müssen. Die Beteiligten wollen den Wasserstoff aber nach eigenen Angaben vor allem als Treibstoff für die Energieversorgung von Straßen- oder Schienenverkehr nutzen oder ins Gasnetz einspeisen – für die Wärmeversorgung mittels Heizungen, Gas-Herden und Gas-Boilern.

Sektorenkopplung senkt Kosten der Energiewende

Die Nutzung überschüssigen Stroms in der Wärmeversorgung und im Verkehr nennt sich Sektorkopplung. Diese ist schon im Erneuerbare-Energien-Gesetz 2017 als zentrales politisches und technisches Ziel der Energiewende in Deutschland definiert. Außerdem haben die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD sie im Koalitionsvertrag gleich mehrfach als eine wichtige Aufgabe der Legislaturperiode 2018 bis 2022 bestätigt. Schließich ist es eine inzwischen weitgehend geteilte Überzeugung in der Energiewirtschaft, dass die Sektorkopplung die Kosten der Energiewende drastisch senken kann. Würde sie doch vielleicht verhindern können, dass Windpark- und Solarparkbetreiber weiterhin jedes Jahr noch einmal mehr grünen Strom nicht erzeugen, weil überfüllte Stromnetze ihn nicht abtransportieren können. Denn die Netzbetreiber regeln inzwischen ihre Anlagen immer häufiger bei zu viel Wind oder zu viel Sonne einfach ab, um den Betreibern lieber im EEG festgeschriebene Entschädigungen zu zahlen.

Entsprechend erklären die drei Projektbeteiligten, sie wollten „bei der Kopplung von Strom- und Gasnetzen für die Energiewende“ mit der geplanten Power-to-Gas-Anlage „Nägel mit Köpfen“ machen. Richtungsweisend nennen sie das Pilotprojekt „ELEMENT EINS“ – die Anspielung auf den Anspruch, das erste Element einer künftigen Infrastruktur für Power-to-Gas in Deutschland zu bauen. Bisher existieren hierzulande lediglich mit Sonderregeln oder Zuschüssen geförderte Testanlagen mit bis zu 10 MW Leistung. Die beteiligten Unternehmen wollten „erste Erfahrungen mit Power-to-Gas-Anlagen im industriellen Maßstab sammeln“, teilten Tennet, Gasunie und Thyssengas mit. Den Partnern gehe es aber um mehr als nur erste Erfahrungen, so erklärten diese außerdem, nämlich „um die umfassende Kopplung der Sektoren Energie, Verkehr und Industrie. So kann der in Gas umgewandelte Grünstrom nicht nur über bestehende Gasleitungen von der Nordsee ins Ruhrgebiet transportiert, sondern unter anderem auch über Wasserstoff-Tankstellen für Mobilität und über die Speicherung in Kavernen für die Industrie zur Verfügung stehen.“ Wie konkret und mit welcher Gewichtung die hier angedeuteten Sektorkopplungsziele zum Projekt gehören sollen oder nicht, das haben die Partner einstweilen noch nicht definiert – zumindest nicht öffentlich.

Politik reagiert: Power-to-Gas "ein wichtiges Signal"

Nach der Bekanntgabe der Pläne am Dienstag gab es aus der Politik bereits erste Stellungnahmen. So lobte der niedersächsische Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (SPD): „Das ist ein ganz wichtiges Signal für das Energieland Niedersachsen. … Ich begrüße es sehr, dass wichtige Player der Energiewende jetzt dabei aktiv werden. … Einzelne Industrieunternehmen sind bereits am Thema Power-to-Gas dran. Wichtig ist es jetzt, dass wir industriepolitische Maßstäbe der Anlagen realisieren. Das ist hierbei der Fall.“ Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Thomas Bareiß (CDU) sagte: „Ich bin überzeugt, dass die Nutzung von erneuerbarer Energie als Wasserstoff eine wichtige Antwort auf noch offene Fragen der Energiewende sein wird.“ Er unterstütze die Initiative der drei Unternehmen „ausdrücklich“, verbreiteten die drei Netzbetreiber zudem als Statement des Staatssekretärs.

Tennet-Geschäftsführer Lex Hartmann betonte: „Mehr Speicherung von grünem Strom bedeutet für die Zeit nach 2030 auch weniger zusätzlichen Netzausbau.“ Gasunie-Deutschland-Chef Jens Schumann sagte: „Wir müssen jetzt ‘Power-to-Gas geben‘, um unsere Klimaschutzziele in 2030 und 2050 tatsächlich auch erreichen zu können.“ Der Vorsitzende der Geschäftsführer der Thyssengas GmbH, Thomas Gößmann, forderte aber auch, dass die Politik nun ihrerseits zumindest eine der Hausaufgaben in Sachen Sektorkopplung erledigen müsse: „Für die profitable Entfaltung technischen Know-hows brauchen wir jetzt den nötigen Rahmen.“

Stromsteuer und EEG-Umlage für Sektorenkopplung? Politik muss handeln!

Und hiermit – vielleicht tiefer, als beabsichtigt – legt er den Finger in eine Wunde, die dringend sofort behandelt und dann auch wieder geschlossen werden muss. Seine Forderung dürfte sich zunächst auf die steuerliche Schlechterbehandlung von Sektorkopplungsinfrastruktur wie Power-to-Gas im deutschen Energiesystem beziehen. Denn einerseits sind große Industrieunternehmen und auch klassische Kraftwerksbetreiber vielfach von Abgaben wie beispielsweise der EEG-Umlage für Stromverbraucher zur Refinanzierung der für Grünstromanlagen garantierten Vergütungshöhen gesetzlich befreit. Andererseits wertet das Gesetz gerade auch Power-to-Gas-Anlagen nicht als Netzinfrastruktur – sondern als einfache Verbraucher. So müssen sie gleich zweimal Stromsteuern und Abgaben bezahlen: Beim Kauf des überschüssigen Stroms als Stromverbraucher mitsamt aller Abgaben – und beim Verkauf des eingespeisten Stroms.

Doch die Politik müsste jetzt – sofort – weit mehr tun. Sie muss endlich ein Gesamtkonzept für den Ausbau der Sektorkopplung und zumindest für die vielversprechende Power-to-Gas-Technologie vorlegen. Denn dass Industrieunternehmen wie Tennet, Gasunie und Thyssengas jetzt das Heft in die Hand nehmen, ist natürlich zunächst ein guter Schritt. Doch wenn die Politik nicht sofort auch ein Konzept vorlegt, droht dieselbe Überlastung auch für die neu entstehende Infrastruktur, die auch das Stromnetz inzwischen dominiert. Wer sagt denn, dass entstehende Power-to-Gas-Anlagen nicht auch umgekehrt die Überversorgung mit Gas und Strom erst ermöglichen und damit die Nutzung fossiler Kraft- und Brennstoffe verlängern? Was ist, wenn Gasunternehmen Power-to-Gas fördern und zugleich die entstehende Umstellung im Verkehr auf den neuen Antrieb mit gasförmigem Brennstoff – hier: Wasserstoff – auch zu nicht energiewendefreundlichen Zwecken nutzen. Könnten Sie doch dann auch gleich normales Gas als vermeintlich umweltfreundlichen weil weniger CO2-emittierenden Treibstoff vermehrt ins System drücken – womöglich sogar in Gestalt des von der Europäischen Union und den USA politisch massiv geförderten Fracking-Gases aus den USA oder arabischen Ländern.

Ließe hier die Politik die Zügel schleifen, würde sogar noch ein bisher nur im Stromsektor bestehendes Problem neu erzeugt: Der Ausbau der Infrastruktur würde wegen der dann nötigen Redundanz ebenso extra teuer.

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