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Die Atomkraft erlebt keine Renaissance – doch es gibt immer noch Staaten, die an ihr festhalten. 

10 Jahre nach Fukushima

412 Atomkraftwerke am Netz – doch die Euphorie ist fast überall verflogen

Wie sieht die weltweite Entwicklung der Atomkraft zehn Jahre nach Fukushima aus? Über Pläne und Laufzeitverlängerungen.

Tage der Erinnerung: Am 11. März 2011 kam es zum GAU in Fukushima. 165.000 Menschen haben damals ihre Heimat verloren. Noch heute, zehn Jahre später, ist die Region zum Teil unbewohnbar. Über eine Million Kubikmeter Tritium-verseuchtes Wasser werden demnächst vielleicht in den Pazifik geleitet, weil Japan nicht weiß, wohin damit. Sylvia Kotting-Uhl, Vorsitzende des Umweltausschusses von Bündnis 90/Die Grünen, stellt bei einem Online-Fachgespräch anlässlich des zehnten Jahrestags der Katastrophe fest: „Heute sollte man meinen, Atomkraft ist kein Thema mehr.“ Doch das sei ein Irrglaube. Deutsche Brennelemente würden zum Beispiel immer noch in marode Atomkraftwerke im Ausland wandern. Wie ist der Stand der Nuklearenergie heute in der Welt?

Mycle Schneider hat den genauen Überblick über die Entwicklungen auf diesem Gebiet. Der Atompolitikberater und Mitverfasser des World Nuclear Industry Status Report berichtet, 2020 habe es mehr Abschaltungen (6) als Betriebsaufnahmen (5) neuer Atommeiler gegeben. Ab 1985 sei die Zahl der Betriebsaufnahmen deutlich gesunken. Einzig China falle aus dem Rahmen mit 37 Betriebsaufnahmen in den letzten zehn Jahren. Im Rest der Welt seien die Abschaltungen klar überlegen. 2002 war mit 438 AKW der atomare Höchststand erreicht. Heute sind es immer noch 412 Meiler weltweit. Seit 2012 sei vor allem durch China wieder ein leichter Anstieg zu erkennen, so Schneider.

1996 hatte Atomstrom einen Anteil von 17,5 Prozent am weltweiten Strommix. Heute sind es leicht über 10 Prozent, wobei die USA gefolgt von Frankreich Hauptproduzent ist. Derzeit seien 51 AKW im Bau, Ende der 70er waren es noch 234  - auf dem Gipfel der Atomkraftwelle. „Man muss aber dazu sagen, dass jedes achte Atomkraftwerk nicht fertig gebaut wird“, fügt Schneider hinzu. Zwischen 2011 und 2020 seien exakt 63 AKW neu ans Netz gegangen, in erster Linie in China, gefolgt von Russland und Südkorea. Noch etwas sei interessant, so Schneider: „9 von 10 Anlagen entstehen in Atomwaffenstaaten oder werden von Firmen mit Sitz in Atomwaffenstaaten in anderen Ländern gebaut.“ Mit anderen Worten: Die Frage der atomaren Kriegsmacht spielt offenbar eine Rolle bei der Entscheidung für den Meiler-Bau.

Letztlich sei aber nach dem GAU in Fukushima auch die Neuplanung von AKW in China deutlich zurückgegangen. 2010 wurde in der Volksrepublik der Bau von zehn AKW gestartet, danach deutlich weniger, so Schneider. „Über die letzten 30 Jahr ist fast nichts passiert“, fasst er zusammen. Hinzu kommt auch noch die Tatsache, dass sich die durchschnittliche geplante Bauzeit von rund fünf Jahren auf tatsächliche rund zehn Jahre verdoppelt hat. Das kostet viel Geld.

Was das Thema Laufzeitverlängerung angeht, so hätten etwa die USA zwar eine solche für fast alle  Anlagen beschlossen. Die Realität sei aber laut Schneider die, dass die seit 2016 abgestellten 21 AKWs im Schnitt nach 43,4 Jahren vom Netz gingen, obwohl viele eine Genehmigung bis 60 Jahren hatten. Grund: Explodierende Kosten. Und das ist wohl auch allgemein für viele Staaten das stärkste Argument gegen Atomkraft: diese ist seit 2009 rund 1/3 teurer geworden sind, während die Kosten für Solar um 90% und jene für Wind um 70% gefallen sind. Wobei hier mit Sicherheit weder die Endlagerfrage noch die Sicherheitsfrage eingeschlossen wurden. In dem Zusammenhang verweist Schneider abschließend auf einen beunruhigenden Aspekt: Covid19 dürfte bedeuten, dass derzeit weder AKW-Personal noch Aufsichtsbehörden in derselben Intensität eine Aufsicht vor Ort gewährleisten können.

Auch Oliver Krischer, stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, betont, eine Renaissance der Atomkraft gebe es nicht: „Eher ein Vor-sich-hin-Dümpeln“. Gleichwohl sieht Krischer das Thema Laufzeitverlängerungen als Problem: „43 AKW laufen in Europa schon länger als geplant.“ Der Wissenschaftler Christian von Hirschhausen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW erklärt in dem Zusammenhang, der europäische Green Deal und die Dekarbonisierungsstrategie beruhten stark auf Laufzeitverlängerungen. Wenn Deutschland im kommenden Jahr die letzten AKW vom Netz nehme, seien in der Nachbarschaft noch reichlich Meiler am Start. Vor allem mit Frankreich als zweitgrößtem Emittenten. Die europäischen Dekarbonisierungsszenarien bis 2050 enthielten allesamt einen Atomkraft-Anteil. Jutta Paulus von Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied des Europäischen Parlaments, verweist darauf, dass Frankreich für 32 der ältesten AKW eine Laufzeitverlängerung beschlossen habe, eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung fehle jedoch. Sie berichtet, EU-Staaten müssten bis 2022 Risikovorsorgepläne vorlegen. Neubauten von AKW seien derweil in Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei in Planung. Gleichzeitig arbeite Frankreich an einer Aufweichung möglicher EU-Förderungen für Atomkraft als vermeintliche saubere Energiequelle. 

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