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Energiesystemwende

Achtung! Bundesnetzagentur versucht alte Energiewelt zu zementieren

Es braucht einen ambitionierten Ausbau von PV und Speichern. Zu den Vorschlägen der BNetzA zur „Marktintegration ausgeförderter und neuer Prosumer-Anlagen”.

Inhaltsverzeichnis

Ricardo Reibsch

Herausforderungen der Klimakrise an den Wandel des aktuellen Energiesystems

Die aktuelle Klimakrise stellt das Energiesystem vor massive Herausforderungen. Der Kraftwerkspark muss binnen weniger Jahrzehnte auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Um den Wärme- und Transportsektor klimaneutral umzugestalten, braucht es ein starkes Vorantreiben der Sektorenkopplung. Diese Umstellung des Energiesystems zu meistern, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Die „Bazooka“, mit der Olaf Scholz den Folgen der Coronakrise mit einem „Wumms“ begegnen möchte, ist auch für die Bewältigung der Klimakrise dringend notwendig. Es braucht mutige Konzepte, die Anreize geben, damit die vielen Menschen, die sich in den letzten Jahrzehnten in Bürgerenergiegenossenschaften engagierten oder auf ihren Dächern Photovoltaikanlagen (PV) errichteten, auch weiterhin ein Motor der Energiesystemwende bleiben. Die Bundesnetzagentur (BNetzA) präsentierte unlängst Vorschläge, wie künftig dezentrale Photovoltaikanlagen betrieben werden könnten. Doch werden diese Vorschläge den Erwartungen an die Energiesystemwende gerecht?

Vorschläge verhindern den weiteren Ausbau dezentraler Photovoltaikanlagen und Stromspeicher

Erneuerbare Energien sind den Kinderschuhen längst entwachsen und bilden einen maßgeblichen Faktor, der im Energiesystem eine immer wichtigere Rolle spielt. Das „alte“ Energiesystem stößt dabei an seine Grenzen. Regularien und Denkmuster, die früher angebracht waren, funktionieren heute nicht mehr. Die Regularien für erneuerbare Energien müssen fortlaufend angepasst werden, damit Erneuerbare künftig mehr Verantwortung für eine zuverlässige Energieversorgung übernehmen können - so sieht das auch die BNetzA.

Sie stellt drei Optionen vor, nach denen Photovoltaikanlagen betrieben werden könnten. Darin ist vorgesehen, dass sich alle Betreiber*innen selbst entscheiden können, nach welcher Option sie ihre PV-Anlage betreiben. Auch ein Wechsel während des Betriebs soll möglich sein.

• Option 1: In dieser Variante ist Eigenverbrauch vorgesehen. Allerdings muss die Abrechnung des nach Überschuss eingespeisten und des bezogenen Stroms viertelstundengenau gemessen und abgerechnet werden. Die eingespeiste Menge Strom wird mit einer Marktprämie vergütet.

• Option 2: In dieser Variante wird der PV-Strom zu 100 Prozent ins Netz eingespeist. Eigenverbrauch ist nicht vorgesehen. Es gibt keinen Anreiz für einen Solarstromspeicher oder dafür, den eigenen Verbrauch anderweitig der lokalen Erzeugung anzupassen.

• Option 3: In dieser Variante ist physikalischer Eigenverbrauch möglich. Der überschüssige Strom wird eingespeist und zum gleichen Wert vergütet wie der Netzbezugspreis. Dies klingt zunächst nach einem Traum für Anlagenbetreiber*innen. Durch diesen symmetrischen Preis werden leider keine Anreize geschaffen, um Verbrauch und Erzeugung lokal zeitlich einander anzugleichen. Des Weiteren wird zusätzlich ein monatlicher Basispreis von 14,60 €/kW des Lieferanten erhoben, wodurch die Wirtschaftlichkeit deutlich in Mitleidenschaft gezogen wird.

Eine im Rahmen meiner Forschung durchgeführte Betrachtung der Wirtschaftlichkeit der drei Optionen mit der Wirtschaftlichkeit aktuell betriebener PV-Anlagen ist in Tabelle 1 dargestellt. Hierbei wurde auf dem Anlagenbeispiel der BNetzA aufgebaut. Das Eigenverbrauchsszenario (EV) stellt den Status quo des Betreiber*innenmodells von PV-Anlagen und Batteriespeicher dar. In der ersten Spalte wurde eine PV-Anlage ohne Batteriespeicher und in der zweiten Spalte eine PV-Anlage mit Batteriespeicher betrachtet, so wie es das aktuelle Betreiber*innenmodell für Eigenverbrauch mit Überschusseinspeisung vorsieht. Als Kriterium für die Wirtschaftlichkeit und damit als Entscheidungsgrundlage für die Errichtung einer PV-Anlage wird die Amortisationszeit herangezogen. Der Erlös ergibt sich aus den Einnahmen des eingespeisten Stroms und den Ersparnissen des geringeren Netzbezugs aufgrund des selbstverbrauchten Stroms.

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Tabelle: Wirtschaftlichkeitsbetrachtung der BNetzA-Optionen im Vergleich zur Wirtschaftlichkeit aktueller PV-Anlagen mit Eigenverbrauchsnutzung und Überschusseinspeisung

Im aktuellen Betreiber*innenmodell schneidet die PV-Anlage ohne Batteriespeicher mit 9,7 Jahren am besten ab, d.h. sie refinanziert sich am schnellsten. Mit zusätzlichem Batteriespeicher würde sich die Amortisationszeit auf 13,1 Jahre verlängern. Dies sind typische Amortisationszeiten, die für die Anschaffung einer PV-Anlage sprechen. Leider stellen die drei Optionen der BNetzA aus Sicht der Solarbetreiber*innen eine Verschlechterung der Wirtschaftlichkeit dar. Im Betreiber*innenmodell der von der BNetzA vorgeschlagenen Option 1 verlängert sich der Zeitraum der Amortisation bereits auf 13,9 Jahre. Option 2 und 3 liegen bei mehr als 20 Jahren Amortisationszeit. Unter diesen Bedingungen sinken die Anreize und es ist davon auszugehen, dass sich kaum jemand für die Errichtung einer PV-Anlage entscheiden wird.

Von einer Umsetzung der Vorschläge der BNetzA würden verschiedene Akteure profitieren. Zu diesen zählen Netzbetreiber, die durch die stärkere Netznutzung höhere Einnahmen der Netzentgelte verbuchen könnten. Auch die Stromlieferanten würden durch steigende Stromabnahmemengen profitieren.

Wie nachteilig eine Umsetzung der Vorschläge der BNetzA für Anlagenbetreiber*innen wären, lässt sich mit einem Blick auf die Option 2 beispielhaft verdeutlichen. PV-Anlagenbetreiber*innen speisen den selbst erzeugen PV-Strom ins Netz ein und erhalten dafür laut Vorschlag der BNetzA 10ct/kWh. Wird zur gleichen Zeit Strom verbraucht, kauft der*die PV-Anlagenbetreiber*in Strom vom Lieferanten für 30ct/kWh ein.

Die Absurdität dieses Vorschlags wird bei der Betrachtung der vielfach herangezogenen Erdbeer-Analogie deutlich: Man stelle sich vor, jede*r Kleingärtner*in müsse alle selbst angebauten Erdbeeren verkaufen. Möchte der*die Kleingärtner*in nun selbst Erdbeeren essen, müssten diese einem Obsthändler zum dreifachen Preis abgekauft werden. Solche Vorschläge würde für Erdbeeren niemand ernsthaft erwägen. Warum werden sie aber für selbst erzeugten PV-Strom diskutiert?

Vorschläge der BNetzA bedeuten Rückschritt für die Energiesystemwende in Bürger*innenhand

Zusammenfassend kann auf Grundlage der wirtschaftlichen Betrachtung gesagt werden:

• Anstatt die Voraussetzungen für einen schnellen PV-Ausbau zu ermöglichen, würde es mit den Vorschlägen der BNetzA zu einer Verschlechterung der Rahmenbedingungen für den PV-Ausbau kommen. Die Entscheidung für die Anschaffung einer PV-Anlage würde erheblich erschwert werden.

• Die Energiesystemwende von unten würde weiter abgewürgt werden. Gerade Bürger*innen, die in den letzten zwei Jahrzehnten ein starker Motor der Energiewende waren, würden damit aufs Abstellgleis geschoben werden. Profitieren würden ausschließlich Stromlieferanten und Netzbetreiber.

• Das Gelingen der Energiesystemwende hängt davon ab, wie wir es künftig schaffen, Erzeugung und Verbrauch aufeinander abzustimmen. Die Vorschläge der BNetzA bauen Anreize ab, den lokal produzierten Strom auch selbst zu nutzen, obwohl dies Stromnetze entlasten und unnötigen Stromnetzausbau vermeiden würde.

• Ein Ausbau dezentraler Batteriespeichersysteme ist mit diesen Vorschlägen nicht gewünscht. Statt geeignete Rahmenbedingungen zu entwickeln, die den Ausbau dezentraler Speicherkapazitäten fördern, würde der Ausbau mit diesen Vorschlägen abgewürgt.

Mehr Unterstützung von lokal erzeugtem und verbrauchtem Strom!

Leider stehen die Vorschläge der BNetzA für alte Denkmuster und den Versuch, den zentralistischen Top-Down-Ansatz des konventionellen Energiesystems zu zementieren. Wenn daraus ein Gesetz würde, was noch dieses Jahr der Fall sein könnte, würde das die Energiewende immer tiefer in einen Systemkonflikt manövrieren und den Ausbau dezentraler Energieanlagen ausbremsen. Das Erneuerbare-Energiesystem folgt aber anderen Systemlogiken und setzt neue Anforderungen. Die technischen, wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen der Energiesystemwende können wir nur stemmen, wenn möglichst viele Menschen daran partizipieren und eine breite Basis von Akteur*innen diesen Wandel vollzieht. Dafür braucht es auch wirtschaftliche Anreize und Modelle, Strom vor Ort zu erzeugen, zu speichern und zu verbrauchen – so wie es im Übrigen auch die neue EU-Richtlinie für erneuerbare Energien vorsieht. Es wird Zeit für eine zukunftsorientierte Energiepolitik.

Ricardo Reibsch forscht am RLS-Graduiertenkolleg an neuen Anwendungen für Speichertechnologien. Im Fokus steht die Rolle dezentraler Batteriespeichersysteme zum Gelingen der Energiesystemwende in Niederspannungsnetzen unter Einbeziehung von Elektromobilität und elektrischen Wärmeerzeugern.