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Wettbewerb

Banken kämpfen um Windprojekte

Erneuerbare sind für Geldinstitute ein attraktives Geschäftsfeld. Der Markt für Windprojekte wird aber enger – das bekommen Finanzierer zu spüren.

Katharina Wolf

Es ist überall das Gleiche – wer etwas kaufen will und nicht ausreichend Geld besitzt, muss sich etwas leihen. Egal, ob es sich um eine Wohnung, ein Auto oder einen Windpark handelt: Er oder sie muss Fremdkapital auftreiben, in der Regel bei einer Bank. Und während zu Beginn der modernen Windenergienutzung viele Banken eher zurückhaltend waren, was die Finanzierung von Windparks an Land betraf, hat sich das Engagement in die erneuerbaren Energien für viele Geldinstitute mittlerweile zu einem attraktiven Geschäftsfeld gemausert.

Doch mit dem EEG 2017, das wohl wie keine andere Reform vorher die Branche durcheinander­gewirbelt hat, ändert sich auch viel für die Finanzierer. „Der Markt wird enger, der Wettbewerb bei der Konditionierung wie auch bei der angebotenen Risiko­struktur nimmt spürbar zu“, sagt Holger Meents, Leiter des Bereichs erneuerbare Energien bei der Nord LB in Oldenburg. „Und nicht alle angebotenen Risikostrukturen am Markt machen nach unserem Ermessen unter dem Aspekt der nachhaltigen Rentabilität und Finanzierungsstabilität Sinn.“

Im Klartext: Die Projektentwickler oder Investoren versuchen, das Risiko bei der Finanzierung immer weiter auf die Banken zu schieben – und angesichts des scharfen Wettbewerbs lassen sich einige Kreditinstitute auch darauf ein.

Der Markt wird enger

Schuld daran sind nicht nur die mit dem EEG 2017 eingeführten Ausschreibungen, doch sie haben einen großen Anteil: Da ist zum einen die Festlegung des Ausbaukorridors auf 2.800 Megawatt, die das Marktvolumen verglichen mit den Vorjahren dramatisch reduziert. Da sind zum anderen die mittlerweile korrigierten Sonderbedingungen für Bürgerwindparks, die dazu führten, dass die Preise im Februar 2018 auf 4,73 Cent pro Kilowattstunde sanken und gleichzeitig fast ausschließlich Projekte ohne Baugenehmigung das Rennen machten, deren Realisierung daher noch offen ist. Gleichzeitig sinkt die Zahl der genehmigten Projekte, auch weil viele Entwickler angesichts des Preisverfalls nachjustieren müssen und sich deshalb um Änderungsgenehmigungen bemühen.

„Die Politik begrüßt die sinkenden Preise und rechnet mit einer Entlastung der Bürger“, sagt Unternehmensberater Rainer Mascow, der sich auf die Strukturierung von Erneuerbaren-Projekten spezialisiert hat. „Doch die langfristigen Konsequenzen dieses ausschließlich über den Gebotspreis geführten Wett­bewerbs zwingen die Windenergieanlagenhersteller und Zulieferer zu Umstrukturierungen, wie wir es schon in der Solarenergie erlebt haben.“ Schon jetzt sei zu sehen, dass Hersteller Bauteile in China fertigen lassen und ihre Produktion in Deutschland zurückfahren, um die Anlagenpreise reduzieren zu können. Dieser Trend werde sich verstärken und somit müssten die Hersteller sich öffnen und kundenorientierte Lösungen entwickeln, so Mascow. „Das beginnt für den Kunden bei der Konfiguration der Anlagenkomponenten, der Bereitstellung der aller Scada-Daten und der offenen Einbindung der Sublieferanten in die Kaufverträge.“ Dies werde auch die Finanzierer nicht unberührt lassen.

Niedrigzins der EZB sorgt für Preisblase

Doch das ist es nicht allein. Denn trotz der niedrigen Renditen gelten Projekte in den Erneuerbaren derzeit für strategische Investoren wie Versicherungen oder Energieversorger noch als In­stru­ment zur Risiko­streuung. „Das Interesse an Projekten ist groß“, so Mascow. Dass gleichzeitig der Markt schrumpft, treibt die Preise in die Höhe. „Die Folge ist eine Preisblase“, erläutert der Unternehmensberater. Windparks werden über einem realistischen Barwert verkauft. Ob sie dann den Cashflow produzieren, um Kapitaldienst, Rück­lagenbildung und Ausschüttungen leisten zu können, ist zumindest fraglich. „Solange die Projektannahmen wie unterstellt eintreten, ist das kein Problem“, meint Mascow. „Schlecht wird es erst, wenn Ersatz­investitionen – zum Beispiel für ein defektes Getriebe aus China – anstehen und die Eigentümer kein neues Geld investieren wollen oder können.“ Das gelte vor allem, wenn aufgrund veränderter Inflationserwartungen die langfristigen Renditen und Kreditzinsen wieder ansteigen und andere Investments im Vergleich rentabler sind.

Doch noch sind die Zinsen niedrig. „Zurzeit sind eine Menge alter und neuer Projekte im Markt“, beschreibt Mascow. „Und jeder Investor, der ein Projekt weiterverkauft, will etwas verdienen.“ Etwa durch die Reduzierung der Betriebsführungskosten oder auch durch eine Neuauflage der Finanzierung, bei der Risiken weiter auf die Seite der Bank geschoben werden, um das Projekt für den Weiterverkauf attraktiver zu machen. „Investoren und Banken können hier in der Tat in Zukunft Probleme bekommen“, meint Mascow. Es sei ratsam, vor dem Investment mit einem Berater zu prüfen, welche Instrumente bestehen, um in Zukunft ein rentables Projekt zu haben.

Deshalb überrascht es nicht, dass die Banken in Sorge sind: „Der Koalitionsvertrag der Groko setzt aus unserer Sicht durchaus richtige Impulse“, sagt Holger Meents von der Nord LB. 65 Prozent Erneuerbare bis 2030, Sonderausschreibungen, gleichmäßiger Ausbau der Erneuerbaren in ganz Deutschland, beschleunigter Netzausbau und Sektorenkopplung seien zu begrüßen. „Doch tatsächlich herrscht momentan gefühlter Stillstand.“ Das sogenannte 100-Tage-Gesetz komme nicht voran. „Stattdessen gibt es Stimmen, die eine Aufhebung der Privilegierung von Windparks im Außenbereich, eine Wiedereinführung der Länder­öffnungsklausel und eine Einschränkung des Vorrangs für Regenerativstrom fordern“, kritisiert Meents.

Sind PPAs die Lösung?

Gleichzeitig steht die nächste Herausforderung schon in der Tür: Power Purchase Agreements (PPAs), also private Stromabnahmeverträge. „Nähern sich Auktionspreise stärker aktuellen Marktpreisniveaus an, werden PPAs insbesondere vor dem Hintergrund steigender Strompreiserwartungen immer attraktiver“, schreibt die Commerzbank in einer aktuellen Marktbetrachtung. Auch das wird die Finanzierer betreffen, da ihre Kredite dann nicht mehr durch ein staatliches Fördermanagement abgedeckt sind, sondern auf marktwirtschaftlichen Kalkulationen fußen. „Die Konsequenzen dieses Paradigmenwechsels sind derzeit noch ungewiss“, räumt Berthold Bonanni, Leiter des Bereichs Energie (CoC Energy) der Commerzbank AG ein. Die Veränderung sei aber ein wichtiges Element bei der zunehmenden Einbindung der Erneuerbaren in die Energiemärkte. „Dabei stellt sich die Frage, wie die Risiken aus marktwirtschaftlich basierten Projektfinanzierungen unter den Akteuren verteilt werden könnten.“

Holger Meents sieht die PPAs international auf dem Vormarsch. Eine weitere Marktorientierung der erneuerbaren Energien sei grundsätzlich zu begrüßen. Aber: „Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass damit die günstigste Projektfinanzierung, also ein möglichst hoher Fremdkapitalanteil mit möglichst geringer Risikoprämie im Zinssatz, erreichbar wäre.“ Zudem sei die Komplexität dieser Verträge nicht wirklich geeignet für die große Zahl kleiner und mittlerer Akteure in der Windbranche.

Er plädiert für eine Beibehaltung der EEG-Förderung auf Basis einer weiterentwickelten sogenannten symmetrischen Marktprämie: „Das bedeutet, dass ein Betreiber nicht nur Vorteile aus dem Absicherungsmechanismus des EEG ziehen kann, sondern auch an das EEG-Konto zurückzahlen muss, wenn der Strompreis – hier der Monatsmarktwert für Strom aus Wind an Land – den ihm zustehenden im Ausschreibungsverfahren wettbewerblich ermittelten anzulegenden Wert übersteigt“, so Meents. „Das würde das EEG-Umlagekonto perspektivisch klar entlasten.“

Auch wenn es weiterhin Finanzierungsbedarf in der Windbranche geben wird, scheint doch eines klar zu sein: Genau wie in den anderen Bereichen der Wertschöpfungskette wird der zunehmende Kostendruck die Entwicklung diktieren – und nicht alle im Markt werden standhalten können.
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