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Emissionshandel

Corona-Krise: Was wird aus den CO2-Zertifikaten?

Wissenschaftler untersuchen, wie weit die Mechanismen des Zertifikatehandels auch langfristig für sinkende Emissionen sorgen können.

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Die Corona-Krise ist die erste Bewährungsprobe für den Europäische Emissionshandel und seine neu eingeführte Marktstabilitätsreserve. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI) in einem jetzt veröffentlichten White Paper.

Denn kurzfristig führt die Krise zu geringeren Emissionen - viele Industrieunternehmen haben ihre Produktion gedrosselt und brauchen daher weniger Zertifikaten aus dem Emissionshandel (ESM). Doch auch langfristig könnten durch die Marktstabilitätsreserve (MSR) Emissionen eingespart werden, so die Wissenschaftler. Ob und in welchem Umfang die MSR die durch die Corona-Pandemie eingesparten Emissionen auch langfristig einzusparen vermag, hänge nicht zuletzt vom Verhalten der Firmen im EU ETS ab.

Die Krise drosselt die Nachfrage nach CO2-Zertifikaten

Weil viele Betriebe ihre Produktion gedrosselt oder ganz eingestellt haben, sinkt die Nachfrage nach CO2-Zertifikaten. Sichtbar sei das vor allem in den Zertifikatspreisen, heißt es im White Paper: Zu Anfang des Jahres bewegten sich die Zertifikatspreise um 24 Euro pro Tonne CO2, und damit etwa auf dem durchschnittlichen Niveau des Vorjahres. Mit der Ausbreitung des Corona-Virus fiel der Preis rapide; derzeit steht er bei rund 16 Euro pro Tonne CO2.

Firmen benötigen aufgrund der Corona-Krise weniger Zertifikate als erwartet. Trotz gesunkener Preise führt die stagnierende Wirtschaft kurzfristig auch zu geringeren Emissionen. Allerdings: Die Corona-Krise verschiebt lediglich Emissionen von heute in die Zukunft, denn ein Teil der heute eingesparten Zertifikate bleibt im Markt. Immerhin: Durch die Reform und die Einführung des MSR ist es nur noch ein Teil. Daher hat auch ein vorübergehender Rückgang der Emissionen Auswirkungen auf die Gesamtemissionen.

So funktioniert der reformierte EU ETS

Der Europäische Emissionshandel umfasse aktuell rund 45 Prozent der europäischen Emissionen, so das EWI. Für jede Tonne CO2-Äquivalent, die innerhalb der Sektoren Industrie, Strom und Flugverkehr ausgestoßen wird, muss ein Zertifikat erworben werden. Die Zahl der jährlich ausgegebenen Zertifikate ist begrenzt. Außerdem wird die Ausgabemenge Jahr für Jahr reduziert, sodass die Gesamtemissionen in den EU-ETS-Sektoren über die Zeit sinken.

Die Europäische Kommission hat in den Jahren 2015 und 2018 grundlegende Reformen des EU ETS beschlossen. Ziel war es, so die Wissenschaftler des Ewi, dass Zertifikatspreise insbesondere in Krisenzeiten stabil bleiben und so langfristige Investitionen zur Treibhausgasminderung angeregt werden. Daher wurden die MSR und ein Mechanismus zur Löschung von Zertifikaten eingeführt. Wenn Firmen einen großen Vorrat an Zertifikaten ansparen, sorgt die MSR dafür, dass die Ausgabemenge im Folgejahr zusätzlich reduziert wird. Die eingesparten Zertifikate werden dann in die MSR – eine Art öffentliche Reserve – überführt und erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder in den Markt gebracht. Übersteigt das Volumen der MSR das Auktionsvolumen eines Jahres, so werden die überschüssigen Zertifikate ab dem Jahr 2023 permanent gelöscht. So wird durch die Reform die zeitliche Verschiebung von Emissionen (der „temporale Wasserbetteffekt“) geschmälert.

Wie wirkt sich das in der Corona-Krise aus?

Die Corona-Krise verschiebt die Nachfragekurve nach CO2-Zertifikaten kurzfristig nach unten, da Industrie- und Stromproduktion in Europa fallen. Bei kurzfristig gleichem Angebot sinken somit vorübergehend Zertifikatspreise und Emissionen.

Obwohl Firmen ihre frei gewordenen Zertifikate auf Sekundärmärkten veräußern können, gehen die Verfasser des White Paper davon aus, dass der Nachholeffekt der europäischen Wirtschaft noch etwas auf sich warten lässt und damit auch insgesamt in diesem Jahr weniger emittiert wird. Damit bliebe ein großer Teil der frei gewordenen Zertifikate in Umlauf. Gemäß der neuen Regulierung wird somit die Zahl der Zertifikate in der MSR im Jahr 2021 erhöht, und zwar um knapp ein Viertel der ursprünglichen Emissionsminderung. Aufgrund des heutigen MSR-Volumens ist davon auszugehen, dass jede weitere Erhöhung der MSR auch zusätzlich gelöscht wird. Daher führt die Corona-Krise zu einer Reduktion der Gesamtemissionen.

Wie groß diese zusätzliche Löschung ist, hänge einerseits davon ab, wie stark und wie nachhaltig die oben beschriebene CO2-Nachfragekurve durch die Corona-Krise verschoben wird. Andererseits werde das Marktergebnis (und damit die Höhe der Löschung) auch vom Verhalten und den Erwartungen der Unternehmen entscheidend beeinflusst. Ein neues EWI Working Paper zeige, dass die realen Marktergebnisse im EU ETS nur dann erklärt werden können, wenn Kurzsichtigkeit und Risikoaversion der teilnehmenden Firmen berücksichtigt werden. „Mit unserem Modell erklären wir sowohl den starken Preisanstieg nach den Reformen als auch die Anzahl der Zertifikate, die sich derzeit in Umlauf befinden“, sagen die Auoren des White Paper Johanna Bocklet und Martin Hintermayer. Die Ergebnisse legten nahe, dass die Firmen im EU ETS durchschnittlich zehn Jahre im Voraus planen und ihr Risiko reduzieren, indem sie Zertifikate in der Höhe einer Jahresemissionsmenge vorhalten. Dieses Bevorraten wird auch Hedging genannt.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein kürzerer Planungshorizont von Firmen zu höheren Emissionen in der kurzen Frist und geringerer Bevorratung mit Zertifikaten führt. Die MSR erschwere aber dieses Verhalten, indem sie einen Teil der Zertifikate in die Zukunft verschiebt. Dadurch sinkt das Angebot an Zertifikaten in der kurzen Frist, so dass auch kurzsichtige Firmen bereits heute mehr Emissionen mindern. Allerdings sorgt die Kurzsichtigkeit der Firmen dafür, dass die Zahl der Zertifikate, die durch den Löschungsmechanismus annulliert werden, sinkt. Die Modellergebnisse zeigten, dass bei einem durchschnittlichen Planungshorizont von zehn Jahren nur etwa halb so viele Zertifikate gelöscht werden wie unter perfekter Voraussicht, heißt es im White Paper.

Die Vorhaltung von Zertifikaten zu Hedging-Zwecken wiederum verschärft die Wirkung der Reform, da mehr Zertifikate im Umlauf zu einer größeren MSR und somit zu zusätzlicher Löschung führen: Wenn Firmen eine Jahresmenge an Zertifikaten im Voraus vorhalten, werden doppelt so viele Zertifikate wie ohne eine solche zusätzliche Bevorratung gelöscht. Zusätzlich führt Hedging dazu, dass zeitweise die Nachfrage nach Zertifikaten nicht durch das jährliche Zertifikatsangebot bedient werden kann und Preise somit kurzfristig ansteigen.

Entscheidend ist das Zusammenspiel zwischen ETS-Regeln und Unternehmensplanung

Um zu beziffern, welche Rolle die Corona-Krise für die langfristige CO2-Einsparung in den EU-ETS-Sektoren spielt, sei das Zusammenspiel zwischen den Mechanismen der neuen EU-ETS-Regulierung und dem Verhalten der Marktakteure essenziell, so das EWI. Welchen Planungshorizont Firmen im Angesicht der bevorstehenden Rezession anwenden und wie die Corona-Krise die Hedging-Strategie der Firmen ändert, hänge vor allem davon ab, welche Erwartungen sie an die zukünftige wirtschaftliche Lage haben: Gehen Firmen davon aus, dass sich die Emissionen langfristig verringern, so werden sie ihre Hedging-Strategie anpassen und weniger Zertifikate bevorraten. Somit könnten die Zertifikatslöschung reduziert werden und die Emissionen im EU ETS sogar ansteigen. Gleiches gilt, falls Firmen aufgrund der Krise einen stärkeren Fokus auf ihre gegenwärtige wirtschaftliche Situation legen und ihren Planungshorizont verkürzen. Sollten die Marktakteure im EU ETS schon bald wieder zu ihren bisherigen Verhaltensmustern zurückkehren, so kann die MSR trotz eines zu erwartenden Nachholeffekts dafür sorgen, dass zumindest ein Teil der heute eingesparten Emissionen auch dauerhaft gemindert wird.