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EEG 2027 und Netzpaket: Berlin bremst den Wind ab, wo er am günstigsten ist

Herr Frense, Sie vergleichen die aktuelle Energiepolitik mit einem Bäcker, der weniger Brötchen backen soll, weil ihm die Tüten fehlen. Was meinen Sie damit?

Stephan Frense: Das Problem ist nicht, dass wir zu viel erneuerbaren Strom erzeugen. Das Problem ist, dass die Netze nicht schnell genug ausgebaut werden. Wenn z.B. der Bäcker seine Brötchen nicht verkaufen kann, weil keine Tüten da sind, muss man ihm mehr Tüten geben – statt ihm zu sagen: Back weniger Brötchen. Genau das passiert aber gerade. Statt die Netze als Engpass zu beseitigen, diskutieren wir darüber, den Ausbau von Windenergie dort zu begrenzen, wo besonders viel Wind weht und der Strom sehr günstig ist. Wenn die Politik es mit günstigem Strom für die Industrie ernst meint, dann kann sie nicht auf besten Standorte verzichten.

Warum trifft das Schleswig-Holstein besonders?

Stephan Frense: Schleswig-Holstein ist ein Spitzenstandort für Windenergie. Wir erzeugen ein Vielfaches des Stroms, den wir selbst verbrauchen. Das ist kein Problem, sondern volkswirtschaftlich sinnvoll: Windanlagen gehören dorthin, wo der Wind ist – genauso gehören die Flusskraftwerke dorthin, wo die Flüsse verlaufen. Doch mit der geplanten Wirkleistungsbegrenzung und dem Redispatch-Vorbehalt werden gerade die leistungsstarken Regionen im Norden belastet. Das ist etwas völlig anderes als in Bayern oder anderen Regionen mit schwächeren Windverhältnissen.

Was ist aus Ihrer Sicht der Kernfehler beim Redispatch?

Stephan Frense: Redispatch heißt vereinfacht: Wenn das Netz überlastet ist, müssen Anlagen ihre Einspeisung reduzieren. Die Betreiber erhalten für die nicht abgenommene Leistung einen Ausgleich. Nun hat man diesen Ausgleich in einer Weise den Verteilnetzbetreibern zugeordnet, die den falschen Anreiz setzt. Sie besitzen die Netze und tragen zugleich ein Kostenrisiko. Also werden sie versuchen, in Regionen mit viel Wind und hohen möglichen Redispatch-Kosten möglichst wenig zusätzliche Leistung anzuschließen.

Das ist der Webfehler: Aus einem betriebswirtschaftlichen Interesse einzelner Netzbetreiber wird ein volkswirtschaftliches Problem. Diejenigen, die beim Netzausbau der Engpass sind, dürfen nicht zugleich ein Interesse daran haben, den Ausbau erneuerbarer Erzeugung zu bremsen. Das muss entzerrt werden.

Braucht es also mehr Druck auf die Netzbetreiber?

Stephan Frense: Es braucht vor allem ein System, das den richtigen Druck erzeugt. Netzbetreiber, Politik, Kommunen, Projektierer und Bürgerenergie müssen an einen Tisch. Die zentrale Frage lautet: Wie bauen wir die Netze schneller aus und wie schaffen wir dafür Akzeptanz? Stattdessen erleben wir derzeit, dass diejenigen geschützt werden, die zu langsam beim Netzausbau sind. Das ist volkswirtschaftlich absurd.

Sie kritisieren, Schleswig-Holstein werde doppelt benachteiligt. Warum?

Stephan Frense: Im Norden werden wir mit Begrenzungen und Redispatch-Risiken konfrontiert. Gleichzeitig werden über das Referenzertragsmodell und die verkappte Südquote schlechtere Windstandorte anderswo besonders gefördert. Historisch hatte das einen nachvollziehbaren Hintergrund: Die Energiewende sollte bundesweit stattfinden und nicht nur in windstarken Regionen. Aber wenn die Politik nun gleichzeitig sagt, die Energiewende müsse kostengünstiger werden und Redispatch-Kosten müssten sinken, dann passt das nicht zusammen.

Man kann nicht die günstigen Standorte im Norden deckeln und zugleich die teuren Standorte im Süden zusätzlich bezuschussen. Entweder man will Erzeugung dort, wo sie am wirtschaftlichsten ist, oder man nimmt bewusst höhere Kosten für eine regionale Verteilung in Kauf. Beides gleichzeitig funktioniert nicht.

Welche Folgen haben diese Unsicherheiten für Planer und Projektierer?

Stephan Frense: Sie sind massiv. Projektentwicklung braucht Verlässlichkeit über viele Jahre. Wenn unklar ist, wie hoch die möglichen Abregelungen sind, ob eine Wirkleistungsbegrenzung greift und welche Ausschreibungsbedingungen künftig gelten, verändert das sofort die Wirtschaftlichkeit. Banken bewerten die Risiken anders, Kredite werden schwieriger oder teurer, Investitionsentscheidungen werden verschoben.

Wir hören bereits von Projektierern, dass Finanzierungen nicht stehen und über den Verkauf bereits entwickelter Projekte nachgedacht wird. Dann kommen natürlich die großen Energieversorger und kapitalstarken Unternehmen und kaufen ein. Das kann man machen – aber es verändert die Struktur der Branche. Der erneuerbare Mittelstand und regionale Projektierer geraten unter Druck.

Welche Rolle spielen die Pachtpreise für Windflächen?

Stephan Frense: Eine sehr große. Natürlich sollen Flächeneigentümer fair beteiligt werden. Aber es gibt inzwischen Forderungen, die weit über das hinausgehen, was Projekte noch tragen können. Wenn die Pachtpreise völlig aus dem Ruder laufen, können auch gute Windprojekte scheitern oder unnötig teuer werden. Deshalb sind wir grundsätzlich offen für eine Begrenzung.

Das ist allerdings kein leichtes Thema, weil es in private Vertragsfreiheit eingreift. Eine starre Grenze von beispielsweise 2,5 Prozent würde vermutlich nicht funktionieren. Dann entstehen Umgehungskonstruktionen, und die Kosten tauchen an anderer Stelle wieder auf. Es braucht eine realistische, rechtssichere Regelung, die Auswüchse verhindert, ohne Eigentümer unangemessen zu beschneiden.

Sie sorgen sich auch um die Bürgerwindenergie. Was steht auf dem Spiel?

Stephan Frense: Bürgerenergie ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die Energiewende in Schleswig-Holstein lange so gut funktioniert hat. Menschen vor Ort waren nicht nur Zuschauer, sondern Beteiligte: Landwirte, Handwerker, Zahnärzte, Rechtsanwälte, Familien. Diese Teilhabe hat Akzeptanz geschaffen und regionale Wertschöpfung ermöglicht.

Aber dieses Modell geht dramatisch zurück. Niedrige Ausschreibungswerte, hohe Bürokratie und komplexe Themen wie Redispatch überfordern viele Bürgerwindparks. Ein mittelständischer Bürgerwindpark kann nicht für jede neue Regelung eigene Spezialisten vorhalten. Viele sagen dann verständlicherweise: Bevor wir uns dieses Risiko ans Bein binden, lassen wir es lieber. Dann machen es die Großen.

Was müsste sich ändern, damit Bürgerenergie wieder eine Zukunft hat?

Stephan Frense: Die Regeln müssen einfacher werden. Bürger brauchen professionelle Unterstützung durch Planer und Projektierer, aber vor allem darf der Gesetzgeber Beteiligung nicht durch Komplexität ersticken. Es braucht praxistaugliche Standards, Best-Practice-Modelle und Verfahren, die auch regionale Akteure bewältigen können. Bürgerenergie darf nicht als romantische Erinnerung behandelt werden. Sie ist ein zentraler Baustein für Akzeptanz, für regionale Wertschöpfung und für eine demokratisch verankerte Energiewende. Deswegen setzen wir uns als Arge Netz und übrigens auch der Bundesverband Windenergie für ein eigenes Ausschreibungssegment für die Bürgerenergie ein.

Haben Sie die Hoffnung, dass EEG 2027 und Netzpaket im Parlament noch gründlich beraten werden?

Stephan Frense: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber die Art, wie die Verbändeanhörung unmittelbar vor der Sommerpause angesetzt wurde, ist kein gutes Signal. Bei Themen dieser Tragweite braucht es Zeit. Es geht nicht um ein Detail, sondern um Netze, Ausschreibungen, Investitionen, Bürgerenergie und die regionale Verteilung der Energiewende. Wer das im Schnellverfahren durchzieht, muss damit rechnen, dass es richtig knallt.

Was ist Ihr Appell an die Bundesregierung?

Stephan Frense: Wir sollten uns wieder daran erinnern, warum wir die Energiewende machen: für Klimaschutz, für Versorgungssicherheit und für mehr Unabhängigkeit von fossilen Energien. Die Argumente dafür waren selten so sichtbar wie heute – von Waldbränden bis zu geopolitischen Konflikten um Öl und Gas. Umso weniger darf die Politik den Ausbau ausgerechnet an den besten Standorten künstlich bremsen.

Deutschland braucht mehr Netze, nicht weniger Windkraft. Und es braucht Investitionssicherheit sowie Bürgerbeteiligung, statt immer neuer Hürden.