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Windturbinenbauer Nordex und Anteilseigner Acciona offen für neue Wachstumsphase

Von einem Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Euro ausgehend – und zwischenzeitlich eingefahrenem Milliarden-Euro-Verlust infolge von mehreren aufeinanderfolgenden Jahren negativer Konzernergebnisse – erwartet die Nordex-Gruppe für 2026 einen Umsatz von erstmals bis zu 9 Milliarden Euro. Die Gewinne sind gemäß Bilanz für 2025 mit einem sogenannten Ebitda als operatives Ergebnis im Kerngeschäft von 630 Millionen Euro und mit 274 Millionen Euro Konzernergebnis auch wieder da. Ebenfalls pünktlich zum zehnjährigen Bestehen seit der Vereinigung von Nordex mit der Acciona-Windturbinenbau-Sparte erhöhte sich der Auftragseingang der Gruppe im Neuanlagengeschäft vergangenes Jahr auf Bestellungen von Anlagen mit einer Erzeugungskapazität von 10 Gigawatt (GW). Noch ohne Acciona eingerechnet hatte Nordex 2015 noch einen Turbinen-Bestellwert von 2,5 Milliarden Euro und damit rund 2,5 GW eingetragen.

Nordex-CEO: Brauchen europaweiten freien Markt, „wo die Politik die Straßensperren entfernt“. 

Auf diesen Transformationsprozess der 2015 durch eine Verschmelzung des deutschen Windturbinenherstellers Nordex mit Acciona Wind aus Spanien hervorgegangenen Nordex-Gruppe verwies am Montag der Nordex-Geschäftsführer José Luis Blanco auf einer Jubiläumsfeier im prominenten Hotel Atlantic in Hamburg. Fast genau zehn Jahre nachdem die Wettbewerbshüter im April 2016 die Übernahme des Acciona-Windkraft-Geschäfts durch Nordex und den Einstieg des spanischen Baukonzerns Acciona als Mehrheitseigner der Hamburger bestätigt hatten, brauche der Windturbinenhersteller nun einen europaweiten „freien Markt, wo die Politik die Straßensperren entfernt“, sagte Blanco. Die Länder in der Europäischen Union (EU) müssten jetzt die Genehmigungen von Windparkprojekten und den Netzausbau in Einklang bringen und mit funktionierenden Ausschreibungssystemen den Windpark-Ausbau in einer neuen großen Dimension stattfinden lassen, erklärte der Chief Executive Officer (CEO) sinngemäß.

Der Nordex-CEO sagte dies wohl nicht zufällig im Rahmen eines Podiumsgesprächs mit dem vormaligen Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und dem italienischen Ex-Ministerpräsidenten Enrico Letta, der auch Autor des sogenannten Letta-Berichts der EU von 2024 ist. Dieser „Bericht zur Zukunft des Binnenmarktes“ diente als Konzept zur Stärkung des EU-Binnenmarktes und für eine Industriestrategie im Wettbewerb mit und gegen die Wirtschaftsriesen USA und China. Der Letta-Bericht zielt dabei auch auf eine Entbürokratisierung von Wirtschaftsvorhaben und eine Vereinfachung des europäischen Rechtsrahmens sowie die Investition der EU und ihrer Staaten in gemeinsame länderübergreifende strategische Projekte. Der Politiker der deutschen Ökopartei Bündnis 90/Die Grünen, Habeck, hatte 2022 und 2023 durch eine Gesetzgebungs-Serie den Ausbau insbesondere von Windenergie- und Solarenergieanlagen in Deutschland wieder auf eine Schnellbahnspur gesetzt. Dies hatte er mittels Vereinfachungen von Genehmigungsprozessen oder hohen jährlichen Projekt-Ausschreibungsvolumen sowie Verpflichtungen der Bundesländer zur Ausweisung großer Eignungsflächen erreicht.

Zunehmender Wettbewerb mit chinesischen Unternehmen: „Was braucht es, um die europäische Windindustrie dauerhaft zu stärken“ als Panelthema  

Ein zentrales Teilthema des eineinhalbstündigen Panels am Montag war nicht zuletzt der zunehmende Wettbewerb mit chinesischen Technologieunternehmen wie auch Windturbinenbauer, denen die EU ein unfaires Vorgehen mit staatlich gestützten Tiefstpreisen vorwirft. Seit 2026 und insbesondere ab 2027 sollen die EU-Länder gemäß einem als NZIA abgekürzten Gesetz strategische Projekte insbesondere der kritischen Infrastruktur fördern und mittels neuer Ausschreibungsregeln die Abhängigkeit von wenigen technologischen Zulieferländern wie China unterbinden.

Acciona-CEO José Manuel Entrecanales

Tilman Weber

Acciona-CEO José Manuel Entrecanales

„Was ist erforderlich, um die leistungsfähige europäische Windindustrie als einem strategisch bedeutenden Sektor dauerhaft zu stärken, angesichts der fortschreitenden Elektrifizierung, zunehmender geopolitischer Herausforderungen und eines verschärften internationalen Wettbewerbs?“, lautete die Leitfrage des Panels, moderiert von der neuen Chefin des europäischen Windenergieverbands, Tinne Van der Straeten, Grünen-Politikerin und ehemalige Energieministerin Belgiens.

Van der Straetens erste politische Aktion im neuen Amt an der Spitze von Wind Europe bestand im April auf dem gleichnamigen Kongress des Windverbandes in Madrid in einem Handlungsaufruf an die EU und ihre Mitgliedsländer: Europa müsse die Energieversorgung schneller elektrifizieren, um diese mit Wind- und Solarstrom weitreichender auf erneuerbare Energien umzustellen. Auch die Förderung von Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und Wohlstand durch ein starkes Vergrößern der Windkraftnutzung, der verstärkte Netzausbau und eine Kostensenkung beim Strom sind Bestandteil dieses Appells „Call to Action“. Die EU müsse außerdem Fehlinformationen gegen die Grünstromerzeugung bekämpfen.

Habeck: Nutzung einheimischer und erneuerbarer Energien ist Konsequenz aus Krisen

Der Ex-Bundesminister verwies auf die anhaltende wirtschaftliche Krisensituation seit 2022. Dem damaligen Wegbrechen der ehemaligen Versorgung in Deutschland mit preisgünstigem russischen Gas infolge des Ukrainekriegs sowie der durch Coronapandemie und Handelskonflikte zunehmend problematischen Zulieferung von Bauteilen und Rohstoffen aus China stünden heute sogar noch viel weitreichendere Krisensymptome gegenüber. Damals habe sich die Politik auf Diversifikation konzentriert: Eine Versorgung mit wichtigen Rohstoffen und Bauteilen durch verschiedenste Zulieferer ohne einseitige und problematische Abhängigkeiten. Seit Ausbruch des israelisch-amerikanischen Krieges mit dem Iran vor einigen Wochen sei hingegen der ganze Weltmarkt erschüttert. Die Konsequenz daraus, dass auch die rund 100 Öl- und Gas-produzierenden Länder für Europa keine ausreichend unproblematische krisenfeste Versorgung mehr absichern könnten, sei die Nutzung einheimischer Energie und damit erneuerbarer Energie.

Während diese Entwicklung und Anforderung entschieden seien, sagte Habeck, sei nur eines noch unentschieden: Ob die Güter zur Herstellung der energiepolitischen Unabhängigkeit in Europa produziert würden oder außerhalb Europas.

Italiens Ex-Premier beim Nordex-Panel: Europa braucht Technologie auf Airbus Level

Ex-Politiker Letta skizzierte derweil als Antwort auf die Krise eine europäische Politik, die auf einheitliche Standards und einheitliche strategische Investitionen setzen müsse – im Strommarkt nicht zuletzt auf Interkonnektoren – grenzüberschreitende starke Stromexportkabel sowie gemeinsame Strommärkte und europaweit einheitliche Unternehmensgesetze. Auch europaweite Finanzinstitute oder Abrechnungssysteme seien erforderlich, sagte Letta im Hinblick auf die für chinesische Export-Unternehmen ungleich vorteilhaftere staatliche Vorfinanzierung von Projekten. Insbesondere sprach sich Letta für Technologie „auf dem Airbus-Level“ aus. Mit Verweis auf den von Deutschland, Frankreich und Spanien gemeinsam aufgebauten Luftfahrtkonzern, der im Wettbewerb mit der US-amerikanischen Boeing besteht, ließ der Italiener die Zuhörenden auch über den Bedarf eines Airbus-Moments im Energiesektor nachdenken. Hier setzten die EU-Länder in der Regel auf nationale Champions, statt diese über die Binnengrenzen hinweg zur Airbus-Größe zu verschmelzen.

Insofern sei die erfolgreiche deutsch-spanische Verschmelzung zur Nordex-Gruppe eine Benchmark für Europa, eine Messlatte, sagte Letta. Nur durch eine Skalierung der Akteure und der Infrastruktur sowie Rahmenbedingungen auf das Niveau für großvolumigere Märkte sei aber der Wettbewerb zu den Chinesen zu gewinnen. Es gehe um „scale, scale, scale“, sagte Letta, sinngemäß: Größe, Größe, Größe. Wirtschaftspolitik-Experte Habeck wandte allerdings ein, dass Größe und weniger Vielfalt der Akteure auch den Wettbewerb einbremsen könne mit dem Preis, dass die Kosten der Energieversorgung weniger zurückgehen.

Größe zählt – Nordex an Land „Nummer Zwei der nichtchinesischen Welt“ 

Dass Größe und Skalierung auch für Nordex im weiteren Wettbewerb insbesondere mit chinesischen Herstellern eine schon jetzt gewichtige Rolle spielen könnten, deuteten derweil Aufsichtsrat und Eigner sowie der Geschäftsführer des Unternehmens an. So strich Nordex-Aufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Ziebart am Rednerpult die neue Position des Unternehmens heraus: jüngster Marktführer bei den deutschen und auch den europäischen Windparkinstallationen im vergangenen Jahr sowie Nummer zwei „in der nicht-chinesischen Welt“.

Nordex-CEO Blanco sagte mit Blick auf eine in den Augen der europäischen Windkraftbranche als drohend bezeichnende globale Dominanz chinesischer Wettbewerbsunternehmen: „Wir in Europa sollten nicht so naiv sein“, um nicht zu sehen, dass zuerst die Größe des Markts und seiner Akteure in diesem Wettkampf wichtig seien, dann auch die nationale Sicherheit in Europa ein politisches Ziel sein müsse. Die Politik müsse chinesische Akteure daher von der Betriebsprogrammierung von Energieanlagen fernhalten und sie auch über einen reglementierten Zugang zum Stromnetz einhegen, sagte Blanco sinngemäß. „Es wäre naiv, mit dieser Technologie nicht wie mit einer Commodity zu arbeiten“, sagte Blanco, dessen Schlagwort im besten Wirtschaftsenglisch wohl mit Versorgungsgut zu übersetzen sein dürfte.

CEO des Nordex-Eigners Acciona: Windkraft hat Anteil daran, Wirtschaftswachstum und Klimagasanstieg zu entkoppeln  

José Manuel Entrecanales als CEO von Acciona betonte, dass der spanische Bau- und Vielzweckkonzern mit der Eigentümerschaft von Nordex-Anteilen auch über eine Technologie mitentscheide, die jüngst ihre Wirkung in einer Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Anstieg von Treibhausgasen nachgewiesen habe. Zudem sei diese Technologie auch für Menschen ohne Interesse oder Glauben an Klimapolitik seit jüngst eine überzeugende Investition: Sie liefere nachweislich die „billigste, erschwinglichste, zugänglichste Energie“ zumal für alle die Länder, die „glücklicherweise nicht reich an fossilen Energien sind und daher nun ein neues besseres Energieversorgungssystem für mehr Unabhängigkeit entwickeln könnten.

Bereut habe Acciona die Investition in Nordex nie, auch während der Zeit negativer Ergebnisse der Windturbinenbau-Gruppe. Acciona unterstütze den Plan mit Nordex weltweit im Wettbewerb zu zustehen, und zuzulassen, dass aus der Nordex-Geschichte ein Airbus-Beispiel werde. Zwar wies Entrecanales zurück, von einer Zukunft mit nur einem führenden Windturbinenhersteller außerhalb Chinas auszugehen. Doch wenn die Wachstumsstrategie es vorteilhaft für die Wettbewerbsposition bei Nordex erscheinen lasse, stünden auch die Anteilseigner einer solchen Strategie nicht im Wege – solange Acciona an die eigenen Eigentümer letztlich Dividende ausschütten könne.

Bereitschaft für Merger und gute Wachstumsperspektive 

Nordex-CEO Blanco ließ erkennen, dass er über einen Zukauf womöglich auch von Unternehmensteilen im eigenen Geschäftsfeld der Windenergie an Land von Wettbewerbern bei auftretender Gelegenheit nachdenken könnte. Auch für diesen hypothetischen, also rein angenommenen Fall, gelte: Jede Gelegenheit werde ohne Ausschluss geprüft, insofern zu gewinnende Synergien absehbar seien.

Dass Nordex aus unternehmerischer Sicht oder aus politischer Perspektive einen neuen Handlungsdruck verspürt, machte Blanco mit Verweis auf die chinesische Konkurrenz auch auf einer konkreten Zeitschiene klar: Solche Unternehmen, die offenbar um die 30 Prozent günstigere Sachwert-Investitionen versprechen, drängten seit vier bis fünf Jahren in Europa auf den Markt – und sie kommen offenbar tatsächlich in Ländern in beispielsweise in Südosteuropa bereits zum Zuge. In diesem Wettbewerb werde Größe zählen, deutete Blanco an. Die Aussicht des Unternehmens auf 2026 hatte er allerdings bereits Ende Februar mit einer sehr guten Ebitda-Marge von acht bis elf Prozent Gewinn im Kerngeschäft angegeben. Und als „mittelfristiges Margenziel“ gelten seither zehn bis zwölf Prozent.