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Offshore-Branche warnt vor Milliardenrisiko und blockierten Nordsee-Flächen

Der Druck auf die Bundesregierung wächst: Die Offshore-Windbranche schlägt Alarm und fordert schnelle gesetzliche Änderungen, um einen drohenden Stillstand beim Ausbau der Windkraft auf See abzuwenden. Auslöser ist die Gefahr, dass bereits vergebene Offshore-Flächen über Jahre blockiert bleiben könnten, obwohl Projekte möglicherweise gar nicht realisiert werden.

Der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) fordert deshalb einen Mechanismus, mit dem Unternehmen Offshore-Flächen freiwillig zurückgeben können. Diese sollen anschließend schnell neu ausgeschrieben werden, damit Ausbauziele und Netzanbindungen nicht auf unbestimmte Zeit festhängen. Nach Einschätzung des Verbands könnten sonst Projekte mit bis zu 16 Gigawatt Leistung betroffen sein – ein Volumen, das in etwa der Leistung von mehr als einem Dutzend großer Kraftwerke entspricht.

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Hintergrund sind die Offshore-Ausschreibungen der vergangenen Jahre. Dort hatten Unternehmen teils milliardenschwere Gebote abgegeben, um Flächen in Nord- und Ostsee zu sichern. Das damalige Auktionsdesign setzte stark auf hohe Zahlungszusagen an den Staat. Gleichzeitig tragen die Projektierer erhebliche Risiken selbst – etwa durch verzögerte Netzanschlüsse oder steigende Kosten entlang der Lieferketten. Genau diese Kombination entwickelt sich nun offenbar zum Problem.

Das fordern Offshore-Firmen derzeit

Wie dramatisch die Lage inzwischen eingeschätzt wird, zeigen Recherchen von NDR und Süddeutscher Zeitung. Demnach sollen ausgerechnet die Ölkonzerne BP und Total Energies, die 2023 mit Rekordgeboten von insgesamt 12,6 Milliarden Euro Offshore-Flächen ersteigerten, inzwischen Zweifel an der Umsetzung ihrer Projekte haben. Laut internen Papieren drängt Total Energies innerhalb des Branchenverbands auf eine Möglichkeit zur freiwilligen Rückgabe der Flächen. Als Gründe werden verschlechterte wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Verzögerungen beim Netzausbau genannt. BP wiederum soll sein Hamburger Projektbüro schließen. Die Unternehmen selbst äußern sich zurückhaltend, sprechen aber von dem Bedarf an „praktikablen Regelungen“. 

Tennet beobachte mit Sorge, dass einige bezuschlagte Offshore-Windpark-Projekte laut Medienberichten, unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen nicht zur finalen Investitionsentscheidung (FID) kommen zu können, sagte Tetiana Chuvilina, Politik-Chefin bei Tennet. „Unsere Offshore Netzanbindungen befinden sich bereits in Planung und Umsetzung. Deshalb brauchen wir schnell Klarheit durch einen politisch koordinierten Übergang zum neuen Auktionsregime sowie Rückgabeoption und erneute Ausschreibungen.“ Sollte das nicht passieren, befürchtet Tennet, dass zwar die Netzanbindungen rechtzeitig errichtet sind, sich aber bereits verauktionerte Offshore-Windparks um mehrere Jahre verschieben könnten.

Können Steuererleichterungen der Offshore-Branche helfen?

„Die Bundesregierung hat es versäumt, in den Offshore-Wind-Ausschreibungsregeln eine Rückgabeoption für bezuschlagte Projekte zu schaffen“, erklärt BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm. Dadurch könnten Flächen und Netzkapazitäten über Jahre blockiert werden, obwohl einzelne Vorhaben wirtschaftlich womöglich nicht mehr umsetzbar seien. „Warum ist es so wichtig, dass wir jetzt schnell eine Lösung finden? Wir brauchen endlich eine indexierte, zweiseitige CfD. Indexiert muss er sein, weil die Indexierung die Kostenseite, die Entwicklung der Großkomponenten abbildet. Mit einer zweiseitigen CfD werden Zuschläge so erteilt, dass die Projekte realistisch umgesetzt werden können. Das ist der Systemwechsel, den wir brauchen“, so Thimm auf einer Pressekonferenz zum Thema.

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Die Branche fürchtet inzwischen weitreichende Folgen. Denn Offshore-Wind gilt als zentrale Säule der deutschen Energiewende. Bis 2030 sollen laut Bundesregierung 30 Gigawatt Offshore-Leistung installiert sein, bis 2045 sogar 70 Gigawatt. Doch wenn große Projekte ins Stocken geraten, geraten auch diese Ziele zunehmend außer Reichweite.

Tatsächlich zeichnet sich bereits ab, dass die Ausbauziele kaum noch erreichbar sind. Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung sind bislang erst gut zehn Gigawatt Offshore-Kapazität installiert – vorgesehen sind jedoch 30 Gigawatt bis 2030. Allein die vier umstrittenen Projekte aus der Ausschreibungsrunde 2023 sollten zwischen 2030 und 2032 rund sieben Gigawatt beitragen. Kommt es zu Rückgaben und Neuversteigerungen, rechnen Experten dennoch mit jahrelangen Verzögerungen, weil Planung, Genehmigung und Bestellung praktisch neu beginnen müssten. Gleichzeitig drohen milliardenschwere Folgekosten: Ein Teil der bereits eingeplanten Gelder sollte eigentlich in Netzanbindungen auf See fließen. Fehlen die Windparks, könnten am Ende zwar teure Offshore-Netze fertig sein – aber ohne ausreichend angeschlossene Stromerzeugung. 

Hinzu kommt ein wachsender europäischer Wettbewerbsdruck. Länder wie Dänemark, die Niederlande oder Großbritannien setzen seit Jahren auf stabilere Rahmenbedingungen und planbarere Ausschreibungen. Deutschland dagegen gilt in Teilen der Branche inzwischen als schwieriger Markt mit hohen finanziellen Risiken und komplexen regulatorischen Vorgaben. Die Sorge wächst, dass Investitionen, Fertigungskapazitäten und industrielle Wertschöpfung verstärkt ins Ausland abwandern könnten.

Besonders heikel: Von möglichen Verzögerungen wäre nicht nur der Ausbau selbst betroffen, sondern auch die gesamte Lieferkette – von Turbinenherstellern über Spezialschiffe bis hin zu Netztechnik und Hafeninfrastruktur. Laut BWO steht ein Projekt- und Beschaffungsvolumen von bis zu 50 Milliarden Euro auf dem Spiel.

Der Verband schlägt deshalb eine zeitlich begrenzte Übergangsregelung vor. Unternehmen sollen problematische Flächen freiwillig zurückgeben können, ohne sämtliche Sicherheiten zu verlieren. Die Gebiete könnten anschließend unter neuen Regeln erneut ausgeschrieben werden. Damit soll verhindert werden, dass sich milliardenschwere Fehlentwicklungen über Jahre festsetzen.

Für die Bundesregierung wird das Thema damit zunehmend zur Bewährungsprobe. Denn der Ausbau der Offshore-Windenergie gilt nicht nur als industriepolitisches Prestigeprojekt, sondern auch als Voraussetzung für klimaneutralen Strom, Wasserstoffproduktion und die Elektrifizierung der Industrie. Bleiben die politischen Rahmenbedingungen unsicher, droht Deutschland ausgerechnet bei einer Schlüsseltechnologie der Energiewende den Anschluss in Europa zu verlieren.

BWO-Sprecher Lukas Zeth, BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm und Tennet Head Political Affairs & Community Tetiana Chuvilina bei einer Pressekonferenz zum Thema.

Nicole Weinhold

BWO-Sprecher Lukas Zeth, BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm und Tennet Head Political Affairs & Community Tetiana Chuvilina bei einer Pressekonferenz zum Thema.