Der Rückbau ist längst nicht mehr nur ein Randthema. Zwar lassen sich viele Materialien wie Stahl oder Kupfer gut verwerten, doch insbesondere beim Recycling von Verbundwerkstoffen – etwa aus Rotorblättern – steht die Branche noch am Anfang einer industriellen Entwicklung. Gleichzeitig wächst der Druck, mit zunehmenden Rückbaumengen funktionierende Sekundärmärkte aufzubauen, Materialströme besser zu dokumentieren und klare, einheitliche Vorgaben zu etablieren.
Vom Branchenstandard zur verbindlichen DIN‑Norm
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist die neue DIN‑Norm 4866 „Abbruch und Rückbau von Windenergieanlagen“. Nach rund drei Jahren intensiver Arbeit liegt seit September 2025 der Entwurf als sogenannte E‑DIN 4866 (Ausgabe 2025‑11) vor. Damit wird die bisherige DIN Spec 4866 aus dem Jahr 2020, die als freiwilliger Branchenstandard diente, in eine vollwertige DIN‑Norm überführt.
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Erarbeitet wurde der Entwurf im DIN‑Arbeitsausschuss „Abbrucharbeiten“ gemeinsam mit Fachleuten aus der Praxis, Vertretern aus Forschung und Verbänden sowie der Berufsgenossenschaft. Maßgeblich beteiligt war dabei auch die Industrievereinigung für Repowering, Demontage und Recycling von Windenergieanlagen (RDR Wind), die den Prozess initiiert hatte. Die Veröffentlichung der finalen Norm wird für die zweite Hälfte 2026 erwartet.
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Das Ziel: „Die neue DIN 4866 beendet die Unverbindlichkeit: Von der Planung durch den Bauherrn bis zur Ausführung wird Verantwortung im Rückbau jetzt präzise zeitlich und inhaltlich zugeordnet“, so Andrea Fehr, Vorstandsmitglied der RDR Wind.
Einheitliche Qualität, mehr Sicherheit und Vertrauen
Ziel der neuen Norm ist es, Effizienz und Vergleichbarkeit im Rückbauprozess zu schaffen. Einheitliche Vorgaben sollen sicherstellen, dass Abbruch‑ und Rückbauarbeiten unabhängig vom Standort oder vom beauftragten Unternehmen nach denselben Qualitätsmaßstäben erfolgen. Das schafft Vertrauen bei allen Beteiligten – von Planungs‑ und Rückbauunternehmen über Betreiber bis hin zu Kommunen und Genehmigungsbehörden.
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Darüber hinaus hat die Norm auch eine rechtliche Bedeutung: Sie erhöht die Planungssicherheit und reduziert Haftungsrisiken, indem sie klare Anforderungen an Prozesse, Zuständigkeiten und Qualifikationen definiert. Gerade bei komplexen Projekten mit vielen Akteuren ist dies ein entscheidender Vorteil.
Rückbau im Kontext von Arbeits‑, Umwelt‑ und Kreislaufwirtschaft
Inhaltlich ordnet die neue DIN 4866 den Rückbau von Onshore‑Windenergieanlagen in den allgemeinen Kontext des Abbruchs technischer und baulicher Anlagen ein. Sie orientiert sich dabei an bestehenden Regelwerken wie der VDI‑Richtlinie 6210 „Abbruch von baulichen und technischen Anlagen“ sowie an der DIN 18007 zu Abbrucharbeiten.
Zugleich geht die Norm über reine arbeits‑ und umweltschutzrelevante Abbruchfragen sowie das gezielte Materialrecycling hinaus. Sie legt großen Wert auf einen Rückbau im Sinne der Kreislaufwirtschaft. Das bedeutet: eine wiederkehrende Prüfung während des Prozesses, ob ganze Anlagen oder Komponenten – wo technisch und rechtlich möglich – einer Wiederverwendung als gebrauchte Produkte zugeführt werden können.
Klare Verantwortlichkeiten als zentrale Neuerung
Eine der wichtigsten Änderungen gegenüber der bisherigen DIN Spec betrifft die Verantwortlichkeiten des Bauherrn und der Fachplaner im Vorfeld der eigentlichen Ausführung. Während diese in der DIN Spec vergleichsweise knapp geregelt waren, enthält die neue DIN 4866 dafür deutlich ausführlichere Vorgaben. Auf Basis der VDI 6210 werden die Aufgaben aller Beteiligten entlang des tatsächlichen zeitlichen Ablaufs eines Rückbauprojekts beschrieben.
Das beginnt bei den Pflichten des Bauherrn, der unter anderem für Planung und Entsorgung verantwortlich ist. Es umfasst die Erstellung eines Abbruch‑ oder Rückbaukonzepts, inklusive behördlicher Anzeige oder Genehmigung und der Ausschreibung der Arbeiten. Schließlich regelt die Norm auch die Vergabe sowie die anschließende Ausführungsplanung durch das beauftragte Unternehmen. Damit wird transparent, wer zu welchem Zeitpunkt welche Verantwortung trägt.
Ein wichtiger Baustein für die Zukunft – nach der Norm folgt das Gütesiegel
Mit der neuen DIN‑Norm 4866 erhält der Rückbau von Windenergieanlagen erstmals ein umfassendes, verbindliches Regelwerk. Sie ist damit ein wichtiger Baustein für die nächste Phase der Energiewende. Denn nur, wenn auch Rückbau, Recycling und Wiederverwendung professionell, sicher und nachhaltig organisiert sind, kann der Ausbau der erneuerbaren Energien langfristig gesellschaftliche Akzeptanz und ökologische Glaubwürdigkeit sichern.
„Die DIN 4866 bildet das Fundament für eine echte Kreislaufwirtschaft im Windsektor, indem sie den Fokus konsequent auf die gezielte Materialtrennung und die Wiederverwendung wertvoller Komponenten lenkt“, betont Andrea Fehr. Nach Erscheinen der DIN 4866 plant der Verband zudem die Einführung eines neuen Gütesiegels.