Bidirektionales Laden bietet wichtige Chancen für den Ausgleich schwankender Regenerativleistung
Mit dem Ausbau Erneuerbarer wächst der Bedarf an Ausgleich. Flexibel steuerbare Nachfrage, Speicher und Elektroautos rücken in den Fokus.
Nicole Weinhold
Elektroautos als rollende Stromspeicher, die bis zu 16.000 Kilometer im Jahr rechnerisch kostenlos fahren können – was nach Zukunftsmusik klingt, soll in Deutschland ab Sommer 2026 Realität werden. Octopus Energy führt gemeinsam mit Ford das bidirektionale Laden (Vehicle-to-Grid, V2G) für Privatkunden ein. Besitzer eines Ford Capri oder Ford Explorer können ihr Fahrzeug nicht nur laden, sondern auch Strom ins Netz zurückspeisen. Das Auto wird damit Teil eines virtuellen Kraftwerks – und steht exemplarisch für einen grundlegenden Strategiewechsel in der Energiepolitik: weg von zentralen Großanlagen, hin zu Millionen flexiblen Einheiten.
Für Octopus Energy ist dieses Modell mehr als ein neues Tarifangebot. Es ist der praktische Beweis dafür, dass Flexibilität längst verfügbar ist – wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen stimmen. Genau hier setzt die Kritik des Unternehmens an der Bundesregierung an.
Beschwerde gegen Subventionen
Der britische Energieversorger hat Beschwerde bei der EU-Kommission gegen die geplanten Subventionen für neue Gaskraftwerke eingelegt. Der Vorwurf: Die Kraftwerksstrategie setze einseitig auf große, zentrale Reservekapazitäten für Dunkelflauten – und vernachlässige systematisch das Potenzial dezentraler Flexibilität.
Im Kern geht es um Milliardeninvestitionen in neue Gaskraftwerke, die nur wenige Tage im Jahr laufen sollen. Aus Sicht von Octopus Energy wird damit ein System fortgeschrieben, das auf zentraler Erzeugung und träger Infrastruktur beruht. Dabei habe sich die Energiewelt grundlegend verändert.
Das Energiesystem der Zukunft ist flexibel – nicht zentralistisch und träge wie in der Vergangenheit.
Octopus-CEO Greg Jackson formuliert es deutlich: „Das Energiesystem der Zukunft ist flexibel – nicht zentralistisch und träge wie in der Vergangenheit. Wer heute neue Großkraftwerke plant, löst die Probleme von gestern statt die von morgen.“
Tatsächlich wächst mit dem Ausbau erneuerbarer Energien der Bedarf an Ausgleich – aber nicht zwingend durch neue fossile Kapazitäten. Vielmehr rücken steuerbare Nachfrage, Batteriespeicher, Wärmepumpen und Elektroautos für den kurzfristigen Ausgleich von Schwankungen in den Mittelpunkt. Millionen vernetzter Geräte könnten Strom dann aufnehmen, wenn er reichlich und günstig vorhanden ist, und ihn bereitstellen, wenn er knapp wird.
Flexibilitätspotenzial auf Verbraucherseite
„In Deutschland wird so getan, als gäbe es Flexibilität nur auf der Erzeugungsseite. Dabei liegt das größte Potenzial bei Verbrauchern, Elektroautos, Wärmepumpen und Batterien“, sagt Jackson. „Ohne Smart Meter, ohne Marktzugang für Kundinnen und Kunden, ohne echte Preissignale bleibt dieses Potenzial komplett ungenutzt.“
Wie groß dieses Potenzial ist, zeigt das neue V2G-Angebot mit Ford: Kunden erhalten unter bestimmten Voraussetzungen einen Bonus sowie einen reduzierten Ladepreis. In der Summe kann das einer rechnerisch kostenlosen Fahrleistung von bis zu 16.000 Kilometern pro Jahr entsprechen. Entscheidend ist jedoch weniger der individuelle Kostenvorteil als die Systemwirkung: Wenn tausende Fahrzeuge abends Strom ins Netz zurückspeisen, sinkt der Bedarf an fossilen Spitzenlastkraftwerken.
Jackson bringt es auf den Punkt: „Ein Elektroauto steht im Schnitt 95 Prozent der Zeit herum. Diese Batterien können Strom aufnehmen, speichern und bei Bedarf zurückgeben. Wenn man das intelligent steuert, hat man ein riesiges virtuelles Kraftwerk – ganz ohne neue Emissionen.“
16 Tausend Kilometer jährlich kostenlose Fahrleistung sind theoretisch durch bidirektionales Laden möglich.
Digitale Infrastruktur
Damit solche Modelle flächendeckend funktionieren, braucht es allerdings eine digitale Infrastruktur. In einer aktuellen Stellungnahme kritisiert Octopus Energy den schleppenden Smart-Meter-Rollout in Deutschland scharf. Intelligente Messsysteme seien keine technische Nebensache, sondern die Grundvoraussetzung für ein flexibles Stromsystem. Ohne sie bleiben dynamische Tarife, automatisierte Steuerung und netzdienliches Verhalten die Ausnahme.
Das Unternehmen fordert unter anderem einen beschleunigten freiwilligen Einbau, kostengünstigere „Smart Meter Light“-Modelle, bundesweit einheitliche Standards sowie mehr Wettbewerb im Messstellenbetrieb. Nur wenn Verbrauchsdaten in kurzen Intervallen verfügbar sind, könnten Haushalte aktiv am Markt teilnehmen und auf Preissignale reagieren.
Die Beschwerde über die Bundesregierung ist daher weniger ein Angriff auf einzelne Kraftwerke als ein grundsätzlicher Konflikt über die Architektur des künftigen Energiesystems. Während die Politik auf gesicherte Leistung aus neuen Anlagen setzt, argumentiert Octopus, dass Flexibilität günstiger, sauberer und technologisch bereits verfügbar sei.
„Flexibilität ist nicht nur sauberer, sie ist auch günstiger“, betont Jackson. „Warum sollten Verbraucher Milliarden für Kraftwerke zahlen, die die meiste Zeit stillstehen, wenn wir bestehende Ressourcen viel besser nutzen können?“
Mit Flexibilität wird man zwar keine zweiwöchige Dunkelflaute überwinden können, aber auch da gäbe es günstigere Ideen als neue Gaskraftwerke,etwa den Einsatz alter Kohlekraftwerke, zumal diese nur wenige Tage im Jahr gebraucht würden.
Variable Tarife
Der Streit berührt damit eine zentrale Frage der Energiewende: Soll das Stromsystem weiterhin primär über große Erzeugungsanlagen stabilisiert werden – oder über digitale Vernetzung, variable Tarife und aktive Verbraucher? Mit Projekten wie dem bidirektionalen Laden versucht Octopus Energy zu zeigen, dass Letzteres nicht Vision, sondern marktreife Praxis ist.
Ob die Beschwerde bei der EU-Kommission Erfolg hat, bleibt offen. Es kann aber sein, dass sie mit dazu beigetragen hat, die vorgesehene neue Kapazität auf den aktuellen Plan zu reduzieren. Klar ist jedoch: Die Debatte verschiebt sich. Nicht die installierte Leistung allein entscheidet über Versorgungssicherheit, sondern auch die Fähigkeit, ein erneuerbares System intelligent zu orchestrieren. Oder, wie Greg Jackson es zuspitzt: „Wir sollten aufhören, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen – und anfangen, das Energiesystem für die Realität von heute zu bauen.“
Foto: Bloomberg via Getty Images
Octopus-CEO Greg Jackson
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