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Expertenfrage: Nahwärme für alle – oder die eigene Wärmepumpe? 

Wer auf dem Land ein Haus besitzt, steht mitunter vor der Entscheidung: Anschluss ans Nahwärmenetz oder eigene Wärmepumpe? Die Antwort ist hochkomplex – technisch, wirtschaftlich und emotional. Auf einer Fachdiskussion des Fachverbands Nachwachsende Rohstoffe schildern Emöke Kovac (Genossenschaft Boben Op Nahwärme, Schleswig-Holstein), Hermann Stehle (Bürgerenergie Ebenweiler, Baden-Württemberg) und Uta Hagge (seit über 30 Jahren Beraterin bei Genoverband, einer Interessenvertretung für 2.800 Mitgliedsgenossenschaften) ihre Erfahrungen aus der Praxis. Ihre Botschaft ist eindeutig: Im Altbau ist die Wärmepumpe normalerweise ein teures Abenteuer. Doch zwingen kann man niemanden zum Nahwärmeanschluss.

Im Altbau hat die Wärmepumpe kaum eine Chance

Emöke Kovac arbeitet mit ihrer Genossenschaft fast ausschließlich im Altbaubestand. Neubauten mit Flächenheizungen, in denen Wärmepumpen ihre Stärken ausspielen, gibt es in ihrem Gebiet praktisch nicht. Einen Anschluss- und Benutzungszwang hat die Gemeinde bewusst vermieden – aus Sorge, damit in eine Versorgungspflicht zu geraten. „Wir haben in unseren Netzgebieten immer die Notwendigkeit, dass sich Leute dafür selber entscheiden", erklärt Kovac. Zwar seien Wärmepumpen im Bestand bisher selten, doch eine rechtliche Handhabe dagegen gebe es nicht. Man könne nur argumentieren: „Du hast ein altes, ungedämmtes Haus – es kann teuer werden."

Fertighausanbieter als größte Konkurrenz

Hermann Stehle aus Ebenweiler kennt das Problem vor allem aus Neubaugebieten. Bei rund 70 neuen Einheiten war die Wärmepumpe ständig Thema – besonders wenn Fertighausanbieter sie als Paket im Hauspreis „verwursteln". Das herauszulösen sei komplex, weil die Hersteller sofort argumentierten, ohne Wärmepumpe werde alles teurer. Stehle bleibt gelassen: „Wir verkaufen keine Heizung, wir verkaufen Überzeugung und Nachhaltigkeit. Wenn am Ende des Tages jemand die Wärmepumpe einbauen will, dann soll er es tun."

Im Altbestand hingegen stehe die Wärmepumpe „in gar keiner Diskussion", weil die Umrüstungskosten – inklusive PV-Anlage und Gebäudedämmung – ein Vielfaches des Nahwärmeanschlusses betragen würden.

Die ehrliche Rechnung: Strom kostet auch im Winter

Stehle geht bei Zweifelsfällen offensiv mit Vollkostenrechnungen ins Rennen – auf Basis von 10, 15 und 20 Jahren. Sein Kernargument: „PV-Anlagen auf dem Dach, alles gut – aber die bringt nicht alles runter, was die Wärmepumpe braucht." Wer im Winter Strom für 30 Cent pro Kilowattstunde zukaufen müsse, habe trotzdem erhebliche laufende Kosten. Das Nahwärmenetz dagegen sei anders – Kosten würden auf die gesamte Genossenschaft umgelegt, und der Versorgungsschutz sei vollumfänglich. Am Ende bleibe oft ein Unterschied von wenigen tausend Euro. „Wenn ihm das Geld in dem Moment näher ist, dann ist das auch so – das Argument lassen wir gelten, denn dann müssen sie das auch umsetzen, sonst haben sie viel mehr Ärger hinterher."

Monopol-Angst? Die Genossenschaft gehört allen

Die befürchtete Monopolstellung eines Nahwärmenetzes mit überhöhten Preisen entpuppt sich bei genossenschaftlich organisierten Netzen als Scheinproblem: Die Mitglieder sind zugleich Eigentümer und Kunden. Preisentscheidungen werden gemeinsam getragen, Gewinne fließen in die Gemeinschaft zurück.

Politisches Chaos verunsichert alle

Einig sind sich alle drei Expert:innen in einem Punkt: Die politischen Rahmenbedingungen sind ein Desaster. Hermann Stehle wird deutlich: „Angefangen von der kommunalen Wärmeplanung, die man vorantreibt und niemals wirklich aufgreifen kann – müssen die Bürger jetzt die Heizung rausschmeißen oder nicht?" Seine Forderung: „Wir brauchen Klarheit! Die Politik muss sich einigen, egal welche Farbe sie trägt – und nicht mit jeder Legislatur wieder alles neu machen, nur um sich zu profilieren."

Emöke Kovac findet es „wirklich Wahnsinn, wie Wissenschaft einfach so unter den Tisch gekehrt wird", und wünscht sich von der Politik ein starkes Rückgrat gegen Populismus.

„Spätestens wenn die Heizung kaputt geht"

Uta Hagge bringt es auf den persönlichen Punkt: „Ich selber besitze auch eine Immobilie, da ist die Heizung 25 Jahre alt. Ich weiß nur: Wärmepumpe geht nicht – da kriege ich meinen Altbau nicht mit warm. Und alles andere nachzurüsten, das kauft mir oder meinen Kindern keiner mehr ab." Ihre Forderung an die Politik: Verlässlichkeit und Rücksicht auf das, was praktisch umsetzbar ist. „Nicht nur Rennen – rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Das vermisse ich sehr, und mit mir viele, viele Menschen in ganz Deutschland."

Nahwärme als sozialer Kitt im Dorf

Über die reine Wärmeversorgung hinaus entfalten die Genossenschaften eine bemerkenswerte soziale Wirkung. In Ebenweiler hat die Genossenschaft in einem zentral gelegenen, sanierten Gebäude eine offene Bürgerstunde eingerichtet – einmal pro Woche können Bürger kommen und ihre Themen einbringen. „Da sind natürlich viele andere Themen rausgekommen – es wird ein bisschen Stammtisch auch draus", gibt Stehle zu. Aber genau das sei gewollt: „Wir sind kein abgeschotteter Betrieb, wir wollen Bürgerenergie sein."

Auch bei Boben Op gibt es feste Öffnungszeiten – donnerstags zwischen 17 und 20 Uhr. „Das bringt sehr viel, weil man dadurch viele Leute erreicht, die vormittags arbeiten und abends dafür Zeit haben", berichtet Kovac.

Uta Hagge fasst zusammen: „Kleine Genossenschaften gehen nur dadurch, dass sich Leute zusammenfinden, die eine Idee haben, die Idee vertiefen und sich damit auseinandersetzen, ob sie umsetzbar ist." Der Stammtisch, ob analog oder digital, bleibe der Nukleus jeder erfolgreichen Energiewende von unten.

Die Nahwärme-Genossenschaft mag nicht die glamouröseste Lösung der Energiewende sein – aber sie ist womöglich die ehrlichste. Wer mitmacht, heizt nicht nur günstiger, sondern hält auch das Dorf zusammen.