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Windzahlen 1. Halbjahr

Windkraft-Zubau immer noch viel zu langsam

218 Windkraftanlagen gingen On- und Offshore im ersten Halbjahr ans Netz. Zu wenig, um genügend Strom für alle Sektoren und für Wasserstoff zu liefern.

Inhaltsverzeichnis

Nicole Weinhold

Die Situation der Windenergie an Land hat sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im 1. Halbjahr 2020 nach Datenlage im Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur etwas verbessert. Hinter den realen Zielen, die sich aus Pariser Klimaabkommen, Elektrifizierung von Wärme und Verkehrswende und aus der Wasserstoffstrategie ergeben, hinkt die Windkraft weit hinter dem nötigen Ausbaukorridor hinterher. Nach vorläufigen Angaben der Fachagentur Windenergie an Land wurden bis Ende Juni in Deutschland 186 Windenergieanlagen mit 587 MW Bruttoleistung in Betrieb genommen. Zwar wurden doppelt so viele Windenergieanlagen wie im Vergleichszeitraum 2019 installiert; dennoch ist der diesjährige Sechsmonatswert nach dem 1. Halbjahr 2019 das zweitschwächste Zubau-Halbjahr innerhalb der vergangenen 15 Jahre.

Aufgabenliste des Windgipfels 2019 nicht abgearbeitet

„Die Zubauzahlen und Genehmigungen bei der Windenergie an Land zeigen langsam wieder nach oben. Von einer wirklichen Dynamik sind wir jedoch weit entfernt. Die Schwäche im Zubau besteht weiter und trägt den Erfordernissen der Energiewende nach wie vor in keiner Weise Rechnung“, so Hermann Albers, Präsident Bundesverband Windenergie. Ohne sehr schnelle gesetzliche Regelungen werde die Delle beim Ausbau der Windenergie an Land unnötig verlängert. Die Aufgabenliste des Windgipfels von September 2019 sei nach wie vor nicht abgearbeitet. „Leicht zu lösende Aufgaben, müssen jetzt geklärt werden. Dazu gehört ohne Zweifel die Frage der Abstände um die Drehfunkfeuer. Allein hier sind Projekte im Umfang von rund 4.800 Megawatt blockiert", betont Albers. Während die Energiewende u.a. mit der Nationalen Wasserstoffstrategie eigentlich beschleunigt werde, fehle der dafür erforderliche zügige Zubau erneuerbarer Kapazitäten. „Ein verbindliches Zeit- und Mengengerüst zur Erreichung der Ziele ist überfällig“, so Hermann Albers.

Positive Signale aus Schleswig-Holstein

Bis auf die drei Stadtstaaten gingen in allen Bundesländern neue Windräder ans Netz. Die meisten davon in Brandenburg (31 Anlagen mit 96 MW). Nach Abzug der registrierten Anlagenstilllegungen beträgt der Nettozubau Ende Juni 528 MW. Eine Baugenehmigung erhielten bis Juni 288 Windturbinen mit zusammen 1.168 MW Leistung. Im Ländervergleich führt hier Schleswig-Holstein (72 Anlagen mit 290 MW). Auch die Genehmigungszahlen sind gegenüber dem ersten Halbjahr 2019 deutlich gestiegen, dennoch liegt die Zahl der neu genehmigten Anlagen 60 Prozent unter dem, was in den Vergleichszeiträumen 2014 bis 2016 durchschnittlich genehmigt wurde.

Sämtliche Zahlen sind insoweit vorläufig, als noch bis Monatsende Meldungen zur Situationsentwicklung im Juni fristgerecht erfolgen können.

Offshore 1. Halbjahr: Nur 32 Turbinen ans Netz angeschlossen

Wie bereits Anfang des Jahres prognostiziert, wurden im ersten Halbjahr 2020 lediglich 32 Offshore-Windenergieanlagen mit einer Leistung von 219 MW an das deutsche Netz angeschlossen. Dieser Wert entspricht rund elf Prozent der installierten Leistung von zwei GW, welche die heimische Wertschöpfungskette im Jahr 2015 realisieren konnte. Damit liefern in Deutschland nach aktuellem Stand 1.501 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 7.760 MW zuverlässig Offshore-Windstrom. Das Ausbauziel der Bundesregierung für 2020 wurde bereits im 1. Halbjahr erreicht.

Gleichwohl, vor dem Hintergrund des geringen Zubaus begrüße man, dass durch die Verankerung der 20 GW Offshore-Windenergie bis 2030 und 40 GW bis 2040 nun langfristige Planungssicherheit geschaffen wird, stellten die Branchenorganisationen BWE, BWO, VDMA, WAB und die Stiftung Offshore-Windenergie einhellig fest in Beszug auf die von der Deutschen Windguard eröffentlichten Offshore-Ausbauzahlen des ersten Halbjahres.

„Nicht zuletzt aufgrund der langen Vorlaufzeit von Offshore-Windparks haben wir lange davor gewarnt, dass uns eine Ausbaulücke bevorsteht. Nun stecken wir mitten drin", so Albers. Die Herausforderung bestehe jetzt darin, diese Ausbaulücke so klein wie möglich zu halten und den Heimatmarkt für Offshore-Windenergie wieder nachhaltig und dauerhaft zu stärken. Neben der gesetzlichen Verankerung der Langfristziele gehöre dazu auch die schnellstmögliche Ausschreibung der verfügbaren Flächen sowie die Wahl eines volkswirtschaftlich effizienten Vergütungssystems für künftige Offshore-Windprojekte, so die Branchenorganisationen. Die Grundlage dafür sollte zügig nach der Sommerpause und im Dialog mit der Branche geschaffen werden.

Differenzverträgen ernsthaft prüfen

Wie auch der Bundesrat, spricht sich die Branche dafür aus, die Einführung von Differenzverträgen ernsthaft zu prüfen und unter Einbeziehung aller relevanten Stakeholder zu diskutieren. Dieses Modell gibt es bereits in anderen europäischen Ländern – beispielsweise in Großbritannien, Frankreich, Italien und Dänemark. Es würde also auch grenzübergreifende Ausschreibungen vereinfachen.

„Die in der Änderung des WindSeeG vorgesehene zweite Gebotskomponente erhöht hingegen die Investitionskosten und somit auch die Stromgestehungskosten“, so die Albers. Für den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Coronakrise seien international wettbewerbsfähige Strompreise jedoch von großer Bedeutung. Ansonsten drohe ein weiterer Verlust wichtiger Arbeitsplätze sowie „Carbon Leakage“ durch Abwanderung deutscher Industrieunternehmen ins Ausland. Anders als die zweite Gebotskomponente könnten Differenzverträge die Realisierung von Offshore-Windprojekten sichern und so zur Erreichung der nationalen sowie europäischen CO2-Minderungsziele beitragen.

Offshore-Windenergie ideal für die Produktion von Wasserstoff

Die Verbände begrüßen den in der nationalen Wasserstoffstrategie (NWS) angelegten Hochlauf im Heimatmarkt und unterstreichen, dass der Offshore-Windenergie hierbei eine Schlüsselrolle zukommt. „Mit ihren hohen Volllaststunden ist Offshore-Windenergie hervorragend zur Produktion von grünem Wasserstoff geeignet“, erkläre BWE-Chef Albers. Da eine direkte Elektrifizierung nicht in allen Sektoren technisch oder wirtschaftlich realisierbar ist, sind synthetische Energieträger auf Basis erneuerbarer Energien ein unverzichtbares Element zur Erreichung der Klimaziele.

Mit der NWS eröffnete sich die Chance, etwa drei GW Offshore-Windenergie zur Produktion von grünem Wasserstoff zu nutzen. Hierfür müssten möglichst zügig zusätzliche Flächen voruntersucht und ausgeschrieben werden, so die Branchenorganisationen. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) hat im Vorentwurf des Flächenentwicklungsplans die ersten beiden Flächen für Power-to-X in Nord- und Ostsee benannt. Der Beginn des Vergabeverfahrens für diese Flächen sollte 2021 sein. Auch hier muss ein Anreizsystem mit effizienten Abgabe- und Umlagemechanismen entwickelt werden, um einen schnellen Markthochlauf von grünem Wasserstoff in Deutschland herbeizuführen.

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