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Zukunftsvision

Desertec: Und nun?

Es ist still geworden um das Projekt Desertec. Unter der Ägide der Deutschen Bank, Siemens, Münchner Rück und RWE werden langsam Partner im gesamten Mittelmeerraum gesucht und gefunden. Achillesferse ist und bleibt der respektvolle Umgang mit Afrika. Langfristig hilft dort nur ein Öffnen der Märkte zwischen Afrika und Europa - und dann sind da noch die fehlenden Stromnetze.

Als sich im Jahr 2009 die Desertec industrial initiative GmbH (Dii) formierte, machte Caio Koch-Weser von der Deutschen Bank gleich klar, mit welchem Anspruch man an die Welt trat: "Die Finanzierung von circa 400 Milliarden Euro an Investitionsvolumen ist natürlich eine gewaltige Herausforderung. Dies sind 21 Mal die Kosten des Drei-Schluchten-Projekts in China." Es ist also offenbar, aus welchen Beweggründen die Deutsche Bank solch ein Projekt forciert.

Auf der anderen Seite steht eine geplante Kooperation zwischen den Mittelmeeranreihnern und dem Rest von Europa - und nicht wenige der begehrten Regionen liegen in Nordafrika. Dort werden nicht selten unter dem Mantel der Religion offene Stammesfehden, soziale Umverteilung revolutioniert sowie uralte Rechnungen beglichen. es gibt Staaten wie Marokko, die sich der westlichen Welt gemäßigt liberal öffnen und andere Länder, die wenig mit den postmodernen Errungenschaften zu tun haben wollen, weil sie diktatorische Regime stören.

Desertec- Chef Paul von Son ist sich der potentiellen Probleme bewußt und grenzte auch bereits 2009 die bevorzugten Partner in Afrika ein: "Weil Marokko ein Land ist, das auf dem Gebiet der Erneuerbaren Energien schon viele Hausaufgaben gemacht hat. Es ist sehr nah an Europa und hat elektrische Verbindungen mit Spanien. Also ist es gut möglich, von Marokko nach Spanien und von dort in andere Länder zu exportieren."

Es scheint also ausgemacht, dass der Solarstrom über Spanien und Frankreich zu uns kommen soll. Genau wie bei den fehlenden Stromleitungen von Nord nach Süd unter denen aktuell der Ausbau der Windenergieanlagen in Deutschland leidet (vor allem Offshore), gibt es aber auch zwischen Spanien und Frankreich kaum Leitungen. Wenn man also Planungssicherheit in punkto Erneuerbare Energien schaffen will, kommt man sowohl intranational wie auch international nicht um einen massiven Netzausbau herum. Und da es keine festen Vorgaben der Regierungen gibt, die Stromversorger zwingen, den Ausbau voran zu treiben, können diese wiederum mit abenteuerlichen Planungen quer durch Naturschutzgebiete auf ausreichend Widerstand hoffen. So entsteht eine Patt-Situation.

Desertec bleibt solange ein Hirngespinst, wie nicht genug Investoren eingeworben sind. Denen läßt sich das ganze Vorhaben aber nur rational nahe bringen, wenn die Netze vorhanden sind. Es fehlt also an politischer Koordination. Eigentlich eine primäre Aufgabe der Lobbyarbeit, wie sie im Themenfeld Energie in den letzten 20 Jahren außerordentlich erfolgreich realisert wurde. Außerdem will man offenbar keine gemeinsame Aktion auf Augenhöhe aller beteiligten. Rein aus Sicht des Projektmanagements sind solche Profilneurosen natürlich Gift. Und so gießt Desertec-Chef noch Öl ins Feuer. Deutschland drohe seine Vorreiterrolle bei dem Projekt zu verlieren, schrieb Desertec-Chef Paul van Son laut der "Süddeutschen Zeitung" in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mehrere Bundesminister und Konzernchefs. In diesem Brief kritisierte er weiterhin, dass sich der Nationale Aktionsplan für erneuerbare Energie "leider eher zurückhaltend" zu Desertec äußere. Van Son bewertete es als "unbedingt erforderlich", Desertec in das Energiekonzept 2050 einzubinden. Und die Afrikaner schaffen derweil Fakten.

Im Oktober 2208 überraschte Marokkos König Mohammed VI. mit einer eigenen Solarinitiative. Er erklärte, bis 2015 das erste große Solarkraftwerk des Landes bauen zu wollen. Sofern sich genügend Geldgeber finden würden, sollte im Süden Marokkos eine 500-Megawatt-Anlage entstehen. Das wäre eines der größten Solarkraftwerke der Welt. Kleines Bonbon am Rande: Der dort erzeugte Strom soll allerdings zunächst im Land bleiben. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte das Kraftwerk jederzeit erweitert werden - und auch Strom nach Europa exportieren.

Mittlerweile ist man im Nordwesten Marokkos soweit: Ain Beni Mathar, das ist der Name der ersten solaren Pilotanlage im abgelegenen marokkanisch-algerischen Grenzland. Er könnte einmal in die Geschichte der europäischen Energiewirtschaft eingehen. Neun Milliarden Euro wird der marokkanische Staat in den plain solaire maroccain stecken. Ob die Nordafrikaner die Deutschen zur Finanzierung brauchen? Es gibt in der arabischen Welt sicher Finanziers, die deutlich potenter sind als die Deutsche Bank. Die Anlage Ain Beni Mathar ist also nur der Beginn für eines der größten staatlichen Sonnenenergieprogramme der Welt. Aus den 40 Hektar des Solarfeldes sollen nach dem Willen König Mohammeds VI. innerhalb der nächsten zehn Jahre Tausend Hektar Solarenergiefläche werden, die sich auch auf Standorte in ganz Marokko verteilen werden. Was zunächst in der Pilotanlage mit einer Leistung von 20 Megawatt getestet wird, soll nach dem Willen des Königs bis 2020 auf 2000 Megawatt verhundertfacht werden – und damit so viel installierte Leistung bereitstellen wie zwei Atomkraftwerke.

Weitere 2000 Megawatt sollen Windkraftparks an der stürmischen Atlantikküste Marokkos bringen – wegen der vorherrschenden Passatwinde einer der besten Windkraftstandorte Europas. Es besteht also dringender Bedarf nach Netzen. Denn die Ölmilliarden werden nicht nur in gigantischen Hotels investiert. Rosige Zeiten für Anlagenhersteller und -bauer, die über Know-How und Erfahrung in Afrika verfügen. Denn die Westküste Afrikas ist windig und lang, die Wüste erfordert neue Kühlaufgaben bei der Photovoltaik - insgesamt ein Eldorado, ob mit oder ohne Desertec.

Desertec Karte
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Bildnachweis: Dii GmbH