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Kommentar

Offshore-Windkraft-Wertschöpfung im gelichteten Markt

Nein, einen wirklich gesunden Eindruck spiegelt die Offshore-Windkraft-Branche als Wertschöpfungskette angesehen nicht wider. Das ergab nun eine eindrucksvolle Spurenlese des Martkanalysten vom Europäischen Windenergieverband Wind Europe, Alexandre Frémaux. Der Wind-Europe-Experte hatte bei der Meereswindkraft-Konferenz Windforce in Bremerhaven im Detail Momentaufnahmen von Baufortschritten, Investitionsabwägungen, industrieller Großkomponentenfertigung und der Lieferrouten der Turbinenbauteile wiedergegeben.

Zwei Gigawatt (GW) hatten die beteiligten Unternehmen im vergangenen Jahr europaweit nur in fünf Windparkfeldern neu in Betrieb gebracht – verteilt auf nur drei Länder – in Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Es war die deutlich geringste neu fertig gestellte Erzeugungskapazität der Windkraft auf See seit zehn Jahren, nach dem sehr schwachen Errichtungsjahr 2016 mit damals nur 1,5 GW Zubau in europäischer See. Doch es ist weniger das sehr geringe Netzanschlussvolumen, das ein wenig zufrieden stellendes Signal für die viel beschworene europäische Wertschöpfung durch die Offshore-Windkraft sendet. Denn in den Folgejahren gehen die Volumen wie schon länger erwartet endlich deutlich nach oben: 20 weitere Windparks in Europa sind bereits in einem mehr oder weniger fortgeschrittenen Bauprozess, weitere 10 Windparkerrichtungen werden in den kommenden zwei Jahren starten. Von der aktuell erreichten Erzeugungskapazität aller errichteten Meereswindparks in europäischen Meeren von 38,6 GW werde die Offshore-Windkraft bis Ende 2030 auf 73 GW zunehmen – und bis 2035 schon auf 142 GW – so lauten die aktuellen Wind-Europe-Prognosen.

Tilman Weber

Nicole Weinhold

Tilman Weber

Allerdings belegen nur sehr mäßigen jährlichen Investitionen von 7,9 und 22,5 Milliarden Euro in den vergangenen beiden Jahren 2024 und 2025, dass die Konjunktur keineswegs stabil ist. Das ist natürlich nicht zuletzt auch der hohen Anzahl alleine im Jahr 2025 noch einmal an fehlendem Bieterinteresse gescheiterten zuzuschreiben. Die europäischen Offshore-Windkraftländer ändern diese gerade. Oder die Staaten haben die Wettbewerbsregeln in den nicht mehr funktionstüchtigen Ausschreibungen schon geändert. Die Europäische Kommission als oberste Wettbewerbsbehörde der Europäischen Union (EU) fordert, dass alle Länder ab 2027 funktionstüchtige Differenzvertragsausschreibungen organisieren müssen.

Diese sogenannten CFD – Contracts for Difference – zwingen die Bieter dazu, auf realistische Kosteneinschätzungen als Basis Ihrer Vergütungsforderungen zu bieten. Im Betrieb der Windparks bekommen sie dann einen finanziellen Zuschlag auf die im Stromhandel erzielten Preise, wenn die Handelspreise geringer als die bezuschlagten Gebote ausfallen – um diese Differenz auszugleichen. Ergeben sich in einem Jahr im Mittel höhere Handelspreise oberhalb des Zuschlagwertes, muss der Windparkbetrieb den Überschuss abgeben.

Die Offshore-Windkrafttechnik liefernden Industrieunternehmen leiden unter gleich vielen ungünstigen Faktoren – wozu der 2023 beginnende Ausfall der nicht mehr funktionierenden Ausschreibungsrunden mit vorgegebenem Verzicht auf staatlich abgesicherte Vergütungen gehört. Denn die Gebote blieben auch deshalb aus, weil  die Kosten aufgrund von immer mehr internationalen Krisen und Wirtschaftsstreitigkeiten sich stark erhöhten und Lieferschwierigkeiten durch blockierte Seewege oder fehlende Rohstoffe eintraten und zu Zeitverlusten führten.

Mit Gesetzen mit zweckmäßigen Kürzelnamen wie NZIA und dem IAA gibt die EU-Kommission den EU-Staaten auch vor, dass sie künftig durch neue Ausschreibungen einen zunehmenden Anteil europäischer Wertschöpfung erreichen sollen. Außerdem sollen sie mit den Ausschreibungen die Sicherheit der digitalen Steuerung und der elektronischen Kommunikation der Anlagen gegen ausländische Einflussnahmemöglichkeiten auf die europäische Energieversorgung stärken. Speziell wollen nicht wenige Branchenunternehmen damit chinesische Wettbewerber abschirmen, weil diese mit sehr hohen Stückzahlen auf dem gigantischen Heimatmarkt die Kosten senken können und daher in Ausschreibungen sofort zum Zuge kommen.

Allerdings belegte die Präsentation durch Frémaux auch etwas anderes, gegenläufiges: Von den 2025 installierten rund 450 Fundamenten lieferte tatsächlich das chinesische Stahlbauunternehmen Dajin Heavy Industry 23 Prozent des Volumens zu – ein für die Chinesen ganz offenbar trotz der weiten Fahrwege mit Schiffen aus Fernost noch lukratives Geschäft. Doch es war der einzige chinesische Großkomponentenhersteller, der vor nur sechs weiteren Unternehmen bei den Fundamenten zum Zuge kam. Mit 22 und 21 Prozent waren Sif und EEW aus den Niederlanden und Deutschland, fast gleichauf. Auch Navantia Windar, Steelwind Nordenham und Haizea Wind aus Spanien und Deutschland hatten am Geschehen mit 6 bis 14 Prozent noch merkliche Anteile.

Bei Inter-Array-Kabeln aber zur Verbindung der Windturbinen im Windpark untereinander teilen sich die drei Hersteller Prysmian, Hellenic Cables und JDR den Markt auf. Bei den Exportkabeln zum Überführen des Stroms an Land sind es Prysmian und NKT alleine.

Die Daten des Wind-Europe-Analysten ergeben nur ein Schlaglicht. Auch weitere Daten zu Komponentenlieferungen, zumal kleineren Komponenten, müssten das Bild vervollständigen. Doch bekanntermaßen kommen in Europa auch nur noch drei Windturbinenhersteller ins Geschäft, die 2025 Anlagen lieferten. Siemens, Vestas und GE Vernova.

So ginge eine einzig auf die sogenannte Resilienz des Marktes gerichtete künftige Ausschreibung das Problem der übermäßigen Konzentration auf eine Handvoll von Wettbewerbsnternehmen nicht an. NZIA-Regeln und IAA-Regeln in den kommenden CFD-Ausschreibungen sollten so den Zugang auch großer mittelständischer und neuer Akteure fördern. Denn ein monopolisierter Markt stärkt keine Resilienz und schafft keine europäische Wertschöpfung, um die es ja angeblich gehen soll. Die Branche sollte nicht darauf verzichten, dass die Ausschreibungsregeln die Europäischen Lieferketten auch wieder verdichten müssen und Unterzulieferer kleinerer Bauteile mit Innovationsstärke einbinden.