Die Brüsseler Zusage für das neue italienische Wettbewerbssystem beim Ausschreiben neuer Kapazitäten von Wind- und Solarparks an Land sowie Wasserkraft und Anlagen zur Aufbereitung von Abgasen aus Klärprozessen der Abwasserreinigung gab des Ministerium für Umwelt und Energiesicherheit (Mase) Ende der ersten Juniwoche bekannt. Damit ist ein halbes Jahr nach nur einer Ausschreibungsrunde im Übergangsregime Fer X transitorio der anschließende Stillstand für neue Projektzuschläge beendet. Das Übergangsregime durfte 2025 noch ohne Genehmigung durch die Europäische Union (EU) Zuschläge nach einem neuen Wettbewerbsverfahren vergeben, das nun das italienische Ziel von 39,4 Prozent Anteil erneuerbarer Energien an der Brutto-Endenergieversorgung erreichen lassen soll. Es soll bis zu 23 Milliarden Euro staatliche Förderung einsetzen lassen und gemäß den Erwartungen neue Grünstromerzeugungskapazitäten von 37,15 Gigawatt (GW) den Betrieb starten lassen. 10 GW davon sind als kleine PV-Anlagen etwa auf Hausdächern mit weniger als einem Megawatt (MW) Nennleistung vorgesehen, die ihre Vergütung über ein getrenntes Verfahren ohne Wettbewerbsausschreibung bekommen.
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Als Hauptneuerung des nun genehmigten Fer X Definitivo gilt der Einbau von Kriterien aus dem EU-Gesetz mit dem Kürzel NZIA. Es soll die Wertschöpfung für EU-Mitgliedsländer erhöhen und die Abhängigkeit von Wind- und Solarkraft-Technik esportierenden Ländern reduzieren. Dabei zielt NZIA vor allem auf chinesische Exporteure von Solar- oder auch Windkraft-Technik, die preislich wohl dank staatlicher Vorfinanzierung in rein preislichen Ausschreibungen unfaire Vorteile bekämen. Eine in der Fer-X-transitorio 2025 bereits als Testauktion ausgelagerte 1,1-GW-Ausschreibung für Photovoltaik (PV) hatte bereits nur Anlagen zugelassen, die bei drei von vier Hauptkomponenten ohne chinesische Importe auskamen.
Darüber führen Fer-X-Ausschreibungen zum Abschluss von zweiseitigen Differenzverträgen. Diese sogenannten Contracts for Difference (CFD) lassen Bieter ihre erforderlichen Mindesteinnahmen veranschlagen. Nehmen sie später im Betrieb aus dem vorgeschriebenen Vertrieb ihrer erzeugten Elektrizität weniger ein, als es dem Zuschlagpreis entspricht, bekommen sie die fehlende Differenz vom Netzbetreiber der dem Staat bezahlt. Ist der Stromhandelspreis höher, müssen sie den Überschuss zurückzahlen.
Wann folgt die nächste Ausschreibung?
Ob es nun noch in diesem Jahr zu nächsten Ausschreibungen kommen wird, gab das Mase zunächst nicht eindeutig bekannt. Gemäß dem Minister Gilberto Pichetto Fratin soll es zumindest noch zu Gebotsabgaben in diesem Jahr kommen.
Im vergangenen Jahr hatte das neue italienische Ausschreibungssystem Fer X in seiner Übergangsversion „transitorio“ Zuschläge für Windpark-Projekte mit 940 Megawatt (MW) und Solarparkvorhaben einer geplanten Erzeugungskapazität von zusammen 7,7 Gigawatt (GW) eingebracht. Das war zwar speziell bei der Windkraft deutlich weniger, als die Ausschreibungsbehörde GSE als zulässiges Maximalvolumen gemäß den politisch politisch vorgegebenen Rahmen von 2,5 GW hätte bezuschlagen dürfen. Die komplexe Ausschreibungsmechanik, die auf einen möglichst hohen Wettbewerb zielt und für sinkende Strompreise im Land sorgen soll, hatte durch zu geringe Gebotsgrenzwerte zu viele Bieter aus dem Wettbewerb ausscheiden lassen.
Zuschlagskriterien künftig auch zugunsten europäischer Wertschöpfung
Dennoch hatten 2025 schon eine kleine erst Ausschreibungsrunde im Rahmen des alten Auktionsregimes Fer 1 und erst Recht die erste Fer-X-Runde im November erstmals seit Jahren wieder zur Überzeichnung geführt. In den Jahren davor, war das Investoren- und Projektiererinteresse zur Teilnahme am Wettbewerbssystem zu gering. So hatte es 2023 noch Zuschläge für 241 MW Photovoltaik und 246 MW Windkraft gegeben, 2024 für immerhin 820 und 830 MW und nun 2025 für 9,1 GW solare Erzeugungskapazitäten und 1 GW Windkraft.
Inwiefern die nächsten Auktionen durch das neue Fer X den Bedarf der Windkraft an einem höheren Preisniveau des Bieterwettbewerbs berücksichtigen lassen, wird die Veröffentlichung und weitere Ausarbeitung des neuen Gesetzes durch das Mase zeigen. „Das Preisniveau dieser Auktionen muss eine stärkere Beteiligung der Windenergie und die Vergabe einer deutlich höheren Kapazität als bei der Übergangs-FER X gewährleisten“, mahnte in einer ersten Reaktion der für Süd- und Osteuropa zuständige Exekutiv-Direktor beim Energiekonzern EDP, Roberto Pasqua
Vorbildregion Emilia-Romagna
Doch welches Potenzial die Neu-Eröffnung des Fer X freigeben kann, macht ein Blick in die Heimatregion von Italiens Energiewendemesse Key in Rimini deutlich: Die Region Emilia-Romagna ist die Großregion, der Rimini angehört. Sie setzt sich derzeit an die Spitze der Energiewende des Landes – wofür nicht zuletzt Claudia Romano zuständig ist. Die Leiterin der Einheit für Energie und Grüne Wirtschaft der Region organisiert mit ihrem Team einen großen Prozess. In einem regionalen Regierungserlass schrieb Emilia-Romagna 2024 den Fahrplan für die Reise hin zu einer Wirtschaft frei von Klimagasemissionen noch vor Ende 2050 fest. Gemäß nationalem Energie- und Klimaplan muss die wirtschaftsstarke Region bis 2030 genau 6,3 GW mehr Erneuerbare-Energien-Stromerzeugungskapazität installiert haben als noch zu Jahresende 2020.
Weil „Rom“, wie in den italienischen Regionen die Zentralregierung heißt, aber nur zu installierende Gigawatt für die Regionen vorgab, fehlte nach Ansicht der Regionsverantwortlichen für die Emilia-Romagna-Energiewende ein entscheidendes Detail: Roms Vorgabe von 6,3 GW ließ unberücksichtigt, wie viel Strom die om der italienischen Nord-Region entstehenden Erneuerbaren-Anlagen abhängig von ihrer Energiequelle Wind, Sonne oder Wasser tatsächlich erzeugen können. In einem über zwei Jahre sich hinstreckenden regionalen Gesetzgebungsverfahren bestimmte die Regionsführung im Mai daher genau berechnete und geeignete Ausbauflächen für Erneuerbare-Anlagen mit sogar rund 10 GW.
Viel Agri-PV, Offshore-Windkraft – so die Ausschreibung kommt
Emilia-Romagna sei die drittgrößte Region gemessen am Potenzial für Agri-PV, sagt Claudia Romano. Aus dem EU-Fördertopf European Regional Development Fund heraus werde die Region vor allem Energiekommunen fördern, um die Akzeptanz der Bewohner der Region durch eigene Beteiligung an der Erzeugung zu gewinnen dafür, auch große Grünstromanlagen wie vor allem PV-Frei- und Agri-PV-Flächen zuzulassen. „Zig Gigawatt an Agri-PV“ seien in der Region möglich, wie eine Studie der Nationalen Energieagentur Enea zeige.
Auch ein Gigawatt Windkrraft im Meer zieht die Region für sich in Betracht. Doch die zwei bekannten Offshore-Projekte vor Ravenna und vor Rimini kommen trotz vorhandener umweltrechtlicher Zulassung nicht voran. Denn Rom schreibt die Offshore-Windparks noch nicht wie im 2024 veröffentlichten Gesetz Fer 2 vorgesehen aus. Dieses sieht Auktionen für Offshore-Windparks und Geothermie vor. Doch die rechtskonservative Regierung, will zwar heimische Wertschöpfung durch ihre Erneuerbaren-Gesetzgebung anregen. Weil aber noch eher wenig Projekte genehmigt sind, will sie die 3,8 GW bis 2028 vorgesehene Offshore-Wind-Ausschreibungskapazität aus Angst vor zu hohen Zuschlägen nicht freigeben.
Hoffnung auf Geothermie und Wasserstoff – H2-Busflotte in Bologna
Doch auch die Geothermie soll in der Region künftig eine neue Rolle spielen, Außerdem sollen zwei Wasserstoff-Technologie- und Produktionszonen entstehen, um in großen Mengen den Klimagas-freien Energieträger als Treibstoff aus der Elektrolyse überflüssigen Grünstroms zu gewinnen. Das Vorhaben zielt auf eine EU-Förderung als sogenannte Hydrogen Valleys. Alleine die Groß- und Industriestadt Bologna und die benachbarte Stadt Ferrara planen nun, sich gemeinsam einen Fuhrpark mit 160 Wasserstoffbussen anzuschaffen. Eine Forschungskampagne in mehreren beteiligten Instituten in der Region soll dann parallel zu solch ersten Nutzungen des flexiblen Energieträgers chemisch darauf hinarbeiten, mit einem anderen elektrochemischen Prozess das Wasserstoffmolekül H2 mit deutlich weniger Stromverbrauch herzustellen, wie in der stromintensiven Elektrolyse üblich.
Onshore-Windenergie wird freilich aus Mangel an ausreichend Luftbewegungen in Norditalien in der Region selten bleiben.
RWE weitet Engagement durch neuste Windpark- und Solarparkerrichtungen stark aus
Der italienische Markt bleibt aber auch für die Onshore-Windkraft-Planungen attraktiv: Deutschlands Energieversorger RWE hat sich in Mailand mit einer wichtigen Projektentwicklungsabteilung eingerichtet. Diese hat nach den bisherigen Projektierungen nun jüngst im Land den Bau neuer Windparks mit 158 MW begonnen, vermutlich werden es bald 200 MW durch RWE neu aufgebaute Windparks sein. Außerdem stellen ihre Bauteams nun auch die Module für ein großes Agri-PV-Projekt und weitere Freiflächen-PV mit zusammen 57 MW auf. Es ist ein Einstieg ins italienische PV-Geschäft.
Eine Milliarde Euro will RWE Italien von 2026 bis 2031 investieren. Schon bisher betreiben die Deutschen auf der Halbinsel Windparks und einen Solarpark mit 589 MW.
Lesen Sie mehr über die Entwicklung des italienischen Erneuerbare-Energien-Marktes und die aktuelle Energiepolitik in Rom sowie den italienischen Akteur Edison in unserer Reportage im aktuellen Heft. Hier geht es auch zu Heftnachbestellungen und zu Probeabos.