1.435 Dunkelflauten deutschlandweit in einem Zeitraum von zehn Jahren bis 2025 als vorläufigem Schlussbilanzjahr, sie hat der Kohle-, Wasser- und Gaskraftwerke betreibende Energiekonzern Uniper ausgemacht. Insofern es sich bei Dunkelflauten um mehr als zehnstündige Phasen mit weniger als zehn Prozent der möglichen Sonnen- und Windstromerzeugung handelt, treten sie demnach hierzulande öfter als alle drei Tage auf. Die mittlere Dauer dieser deutschen Dunkelflauten betrage 12,9 Stunden, etwas mehr als einen halben Tag. Und auch die für die Versorgungssicherheit besonders kritischen mehrtägigen Dunkelflauten, die zwar selten seien, träten noch regelmäßig auf – dreitägige Ereignisse zum Beispiel zweimal im Jahr. Extrem lange Grünstromdürrephasen von mehr als fünf Tagen gebe es statistisch in mittleren Abständen von 3,5 Jahren.
Erneuerbare Grundlast – ein Mythos?
Lesen Sie zum Thema Dunkelflaute diesen wissenschaftlichen Beitrag.
„Die Möglichkeiten der Flexibilisierung werden oft noch unterschätzt “
Der Konzern räumt ein, für die Wertung als Dunkelflaute solcher wind- und solarstromarmer Durchhänger der Grünstromeinspeisung auch „systemisch-irrelevante“ Erzeugungsspitzen durch eine Sechs-Stunden-Durchschnittsberechnung der Einspeisekurven herausgefiltert oder weggebügelt zu haben: Wo mal plötzlich viel Sonne oder Wind aufkam, ohne genug grüne Elektrizität fürs Einspeichern zurückbehalten zu können, sollte es nicht Dunkelflauten als nicht messbar aussieben.
Nicole Weinhold
„Langfristig gesicherte, flexible Erzeugungskapazitäten“, oder am besten ein „Zusammenspiel aus erneuerbaren Energien, Flexibilitätsoptionen wie Batterien und Kraftwerkskapazitäten“ seien darauf die Antwort, schreibt Uniper als Fazit. Wobei der Konzern nicht darauf hinzuweisen vergisst, dass Batterien für längere grünstromarme Phasen nicht ausreichend zur Stabilisierung beitragen könnten. Nicht unwichtig ist noch die Information, dass Uniper hofft, nach Verabschiedung des durch die Bundesregierung nun vorbereiteten Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz – kurz StromVKG – am liebsten einen großen Teil der auszuschreibenden zehn Gigawatt an neuen Erdgaskraftwerken ab 2031 bereitzustellen. Mit diesen will das Bundeswirtschaftsministerium selbst erklärt künftig Dunkelflauten ausgleichen.
Der erst am Montag präsentierten Uniper-„Kurzstudie“ begegnete sofort Widerspruch aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sowohl die Energieökonomieprofessorin am DIW, Claudia Kemfert, als auch ihr DIW-Kollege Martin Kittel kritisieren die Definition von Dunkelflauten durch Uniper als subjektiv – negativ übersetzt: interessegeleitet. Auch weil die Tageszeitung Die Welt die Diskussion sofort aufgenommen hat und Kemfert mit Blick auf frühere Äußerungen von ihr eine Verharmlosung von Dunkelflauten vorgeworfen hatte – sie hatte für eine Bewertung des Jahres 2024 nur zwei echte Dunkelflauten ausgemacht.
Während Uniper sich auf meteorologische Phasen mit wenig Wind und Sonne konzentriert, will Kemfert eine Unterversorgung mit Grünstrom anhand der Börsen-Spotmarktpreise festmachen: Erst wenn sehr starke Strompreisausschläge anzeigen, dass sich geringe Wind- und Solarstromphasen nicht genug am Markt durch weiträumiger aus Europa zufließenden Grün- oder Graustrom ausgleichen ließen, oder auch nicht durch heimische Reservekraftwerke, seien Dunkelflauten als solche auch wirksam und wahrnehmbar. „Aus dieser ökonomischen Sicht ist die Dunkelflaute im heutigen Stromsystem vor allem ein Preisproblem, kein Versorgungsproblem.“ So hält es ein Bericht über den jüngsten Dunkelflaute-Experten-Streit auf der Fachpublikums-Website Cleanthinking.de korrekt fest.
Kemfert, die eine branchenweit anerkannte Unterstützerin einer konsequenten Energiewende ist, fordert andere Schlüsse zu ziehen, als Uniper. In einem Linkedin-Beitrag vom Dienstag plädiert sie dafür, die Zeit bis 2030 noch zu nutzen, um „Speicher, Lastflexibilität, flexible Bioenergie, europäischer Stromhandel, Effizienz, smarte dezentrale Grids und eine gezielte Reserve“ zur Geltung kommen zu lassen beziehungsweise sie überhaupt erst einmal zur Genüge auszubauen. Erst dann sei zu entscheiden, wie viele und ob es neue Gaskraftwerke noch brauche, lautet hierbei der gemeinsam von der DIW-Expertise vertretene Ansatz. Sie selbst habe die Dunkelflauten als Thema nie in Abrede gestellt, ihre Gefährdung der Versorgung aber an ökonomischen Mechanismen gemessen, erklärte Kemfert.
Richtig ist zunächst: „Dunkelflaute“ ist in einer Zeit oft großer öffentlicher Anspannung ein Angstwort, das zu schnellem Handeln verführen mag.
Es ist außerdem eine fast runde Debatte, die da so schnell zwischen Uniper, Welt, DIW sich entsponnen hat und deshalb als vielleicht sogar fruchtbar sich werten ließe. Abzuwarten bliebe natürlich jegliche Umsetzung – und dass die Politik zum Beispiel die Vorschläge des DIW zum Abwarten beim Ausschreiben neuer Kraftwerkskapazitäten folgt, die das Stromsystem auf Jahre auf konventionelle Gaskraftwerke festzulegen drohen.
Doch nur fast. Denn die wahre Systemfrage stellt auch Kemfert nicht: Auch wenn sie im selben Linkedin-Artikel ein modernes Stromsystem als künftig „dezentraler, flexibler, digitaler und widerstandsfähiger“ kennzeichnet, fordert sie keine sofortige Umsetzung dieses Systemwandels, der wohl am besten auch eine konsequente dezentrale Ausstattung von Verbrauchern und örtlichen Netzen mit jeweils eigenen Speichern, Sektorkopplungsanlagen, Zugängen zu den Strommärkten und zu Nachbarschaftsstromnutzungen erfordern würde. Für diese Dinge sind auch im ersten Regierungsjahr der aktuellen CDU/CSU-SPD-Koalition ansatzweise schon neue Regelungen erlassen. Doch konsequent und unkompliziert umsetzbar ist das noch nicht.
Wie wäre es hingegen, wenn jedes Haus, jedes Unternehmen, jede Einrichtung eigene Speicher und Stromumwandlungsanlagen oder rückspeisende Elektroautos in Dienst nehmen müssten – und dafür wirtschaftliche Teilhabe gewinnen? Dies konsequent zu durchdenken – ließe es womöglich Dunkelflauten nicht nur meteorologisch und ökonomisch betrachtet, sondern auch in Echtzeit im Alltag abwenden? Zumal private Initiativen und Stadtwerke noch die Erdwärme und vielleicht auch hausbezogene Kleinwindkraftwerke konsequent einzusetzen beginnen könnten? Die Systemfrage? Energiewende muss womöglich in der Breite kleiner und auf möglichst viel Akteure verteilt sein, damit nicht einzig immer mehr große Wind- und Solarparks zeitgleich sehr viel einspeisen und zeitgleich oft auch nicht.