Foto: Stadtwerke Schwäbisch Hall

Energieversorger

Stadtwerke-Analyse: Einbruch jetzt mithilfe des Green Deal abwenden

Covid-19 beschleunigt laut Roland Berger die Krise der Versorger. Noch gibt es Gestaltungsspielraum. Die Stadtwerke Schwäbisch Hall haben längst umgerüstet.

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Nicole Weinhold

In Zeiten klammer Kassen verkleinert sich der Gestaltungspielraum auch für die Energieversorger. Bisher sind diese in Deutschland verhältnismäßig glimpflich durch die Covid-19-Krise gekommen. Aber auch während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 blieben die Erträge zunächst stabil. Erst später wurde klar, dass sinkende Nachfrage die Preise weit unterhalb des gewohnten Niveaus trieb. In einer aktuellen Analyse prognostizieren die Experten von Roland Berger bis zu vier Prozent geringere Renditen bei den Versorgern. Dabei stecken die Unternehmen in einer schwierigen Umbruchphase mit neuen Wettbewerbern, der Pflicht zur Dekarbonisierung in der Stromerzeugung sowie bei Mobilitätskonzepten. Wer bisher Veränderungen gescheut hat, muss sich nun doppelt anstrengen, denn die Liquiditätsreserven schrumpfen.

100 Prozent erneuerbare Energien

Die Stadtwerke Schwäbisch Hall können entspannt in die Zukunft schauen. Sie haben schon vor Jahren angefangen, die Versorgung Schritt für Schritt auf Erneuerbare umzustellen. Die Reise von Schwäbisch Hall mit dem Ziel „Regenerative Energiegemeinde“ begann schon vor vielen Jahren mit dem frühzeitigen Ausbau des Fernwärmenetzes. 2010 erarbeiteten die Stadt Schwäbisch Hall und ihre Nachbargemeinden gemeinsam mit den Stadtwerken Schwäbisch Hall eine Vision, wie der Weg zu 100 Prozent erneuerbare Energien für die Region aussehen könnte. „Der Kompass, der uns dabei bis heute den Weg weist, heißt `Kommunale Lenkung´“, erläutert Hermann-Josef Pelgrim, Oberbürgermeister der 41.000 Einwohner zählenden Stadt am Kocher. „Schritt um Schritt kommen wir seitdem unserem Ziel näher“. Bereits seit 2018 wird der Strom im Netzgebiet der Stadtwerke Schwäbisch Hall zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien erzeugt.

Im Wärmesektor klimaneutral

Bis 2035 will die Stadt auch im Wärmesektor klimaneutral sein. Den meisten Schub gibt die kommunale Wärmeplanung. Denn viele Haushalte der 17 Stadtteile und die meisten kommunalen Arbeitsplätze sind bereits an das Fernwärmenetz angeschlossen. Oberbürgermeister Pelgrim erklärt den Zusammenhang: „Als Stadtverwaltung sehen wir uns in der Doppelrolle zwischen verantwortungsvoller Erzeugung und größtmöglicher Einsparung von Energie“, sagt er. Die Stadtwerke, zu 100 Prozent in kommunaler Hand, sind dabei ein wichtiger Akteur an Bord. Die Fernwärme wird fast ausschließlich aus Biomethan, Biogas und Erdgas in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen erzeugt. Neubaugebiete, die Kernstadt sowie Gewerbegebiete werden vorrangig an das städtische Wärmenetz angeschlossen. 120 Kilometer Trasse versorgen rund 15.000 Einwohner – und 80 Prozent der städtischen Arbeitsplätze. „Bei Neubauten und energetischen Sanierungen gilt sogar die Pflicht, das Fernwärmenetz zu nutzen“, bekräftigt Pelgrim. „Und die Vorschrift nimmt uns kaum jemand übel: Die Leute sind froh, wenn sie in den Wärmeverbund dürfen.“ Mitte Februar erhielt die Gemeinde den European Energy Award (eea) in Gold.

Roland Berger: Energieversorger müssen sich jetzt umstellen

Roland Berger kommt derweil in einer Analyse zu dem Schluss, dass Stadtwerke es künftig schwerer haben werden. "Unsere Analysen zeigen, dass die EVUs die wahren Auswirkungen der Krise zeitverzögert zu spüren bekommen, dafür aber umso härter: Der Trend der sinkenden Renditen (ROCE) wird sich infolge der absehbar dauerhaft niedrigen bzw. nicht mehr vorhandenen Zinsen verstärken", heißt es dort. "Es muß jetzt aktiv gegengesteuert werden: Die Rendite aus Energieanlagen und Dienstleistungen erhöhen und die Fördermöglichkeiten im Kontext des "Green Deals" bzw. der Corona-Konjunkturprogramme maximal ausnutzen."

Die Corona-Pandemie werde die Energieversorgung tiefgreifend verändern. Für Unter-nehmen ergeben sich daraus enorme Chancen, aber auch Risiken. Sie müssen laut Roland Berger schnell auf die neuen Rahmenbedingungen reagieren und ihre Strategie überprüfen und entsprechend anpassen. "Das kann bedeuten, dass sie sich künftig innerhalb der Wertschöpfungskette weiter spezialisieren (etwa auf Verteilnetze Strom, Erneuerbare Erzeugung PV, Handel- und Origination, oder die Abrechnung von Kettenkunden)." Zudem eröffneten staatliche Förderprogramme ausgelöst durch den Green Deal oder durch Green Recovery Programme attraktive Geschäfts- und Investitionsmöglich-keiten, wie z.B. der Ausbau der Wasserstoffwirtschaft. "In jedem Fall ist es wichtig, bereits heute seine Kernkompetenzen zu kennen und im Rahmen der Strategieum-setzung fehlende Kompetenzen frühzeitig aufzubauen", so die Analysten.

„Vor den Herausforderungen, denen sich Schwäbisch Hall immer wieder stellen musste, stehen auch die anderen Kommunen in Baden-Württemberg“, so Oberbürgermeister Pelgrim. „Darum sind die zahlreichen Informations- und Netzwerkangebote der KEA-BW besonders wertvoll, da Kommunen damit von Kommunen lernen können.“ Auch in Zeiten der Corona-Krise und ihrer Folgen will die Stadt an ihren Zielen festhalten. Sowohl das Klima als auch die Stadtkasse werden davon profitieren.