Erneuerbare Energien bei Google bevorzugen
Die geplanten Änderungen am Erneuerbare-Energien-Gesetz und das neue Netzpaket verschieben Risiken vom Netz zum Anlagenbetreiber – mit unmittelbaren Folgen für Standortwahl, Finanzierung und Projektkalkulation. Die IG Metall Küste sieht den weiteren Windkraftausbau gefährdet und ruft gemeinsam mit Klimaaktivisten zur Unterzeichnung einer Petition gegen die Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche auf.
Netzausbau-Haftung für Investoren
Darum geht‘s: Das Bundeskabinett hat Änderungen zum Erneuerbare-Energien-Gesetz sowie ein Netzpaket gebilligt, das Bundesministerin Katherina Reiche eingebracht hat. Kern der Kritik aus der Windindustrie ist ein sogenannter Redispatch-Vorbehalt: Investoren in Windenergieanlagen sollen künftig beim Netzausbau einen Teil des Risikos tragen. Betreiber sollen ihren Ausfall nicht erstattet bekommen, wenn Netzkapazität fehlt und Anlagen abgeregelt werden müssen.
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„Die größte Herausforderung ist der viel zu langsame Ausbau der Stromnetze, hier bringt der Gesetzentwurf keine Beschleunigung, im Gegenteil", kritisiert Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste. „Die Pläne von Ministerin Reiche sind das völlig falsche industriepolitische Signal. Gerade in Zeiten hoher Energiepreise und fossiler Engpässe brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Strom aus erneuerbaren Energien." Zum Redispatch-Vorbehalt sagt Friedrich deutlich: „Das hat das Potenzial zum Fadenriss beim Windkraftausbau und setzt massiv Arbeitsplätze aufs Spiel."
Netzengpassrisiko wird zum Kalkulationsposten
Bislang war es Netzbetreiberaufgabe, die Abregelungsverluste von Windenergieanlagen infolge von Netzengpässen Betreibern von Windparks zu erstatten. Verschiebt sich diese Risikoverteilung, wird der Netzengpass zu einer eigenständigen Größe in der Wirtschaftlichkeitsrechnung. Für Planer bedeutet das: Erlösprognosen, die bislang im Wesentlichen auf Windgutachten und Strompreiskurven beruhten, benötigen eine dritte Dimension – die erwartete Abregelungsquote am konkreten Netzverknüpfungspunkt über die gesamte Projektlaufzeit.
Lesen Sie Aktuelles zum Redispatch-Vorbehalt.
Wer heute Projekte in der Entwicklung hat, sollte Netzengpassszenarien in Sensitivitätsanalysen aufnehmen und dokumentieren. Banken und Eigenkapitalgeber werden diese Nachweise mit hoher Wahrscheinlichkeit einfordern.
Standortbewertung verändert sich – Netzsituation vor Windhöffigkeit
Ein windstarker Standort in einer netzschwachen Region kann unter einem Redispatch-Vorbehalt schlechter abschneiden als ein mittelmäßiger Standort mit belastbarer Netzanbindung. Für Projektentwickler heißt das: Die frühzeitige Abstimmung mit dem Netzbetreiber, die Auswertung regionaler Engpassdaten und der Blick in die Netzentwicklungsplanung rücken in der Prioritätenliste nach oben.
Lesen Sie mehr zu den Konsequenzen des Redispatch-Vorbehalts.
Checkliste für die Vorprüfung neuer Flächen – vorhandene Umspannwerkskapazität, geplante Leitungsvorhaben und deren realistische Fertigstellungshorizonte, historische Abregelungsdaten der Region, Perspektiven für lokale Lastansiedlung.
Finanzierung wird teurer – oder braucht neue Bausteine
Zusätzliche Risiken auf der Erlösseite führen erfahrungsgemäß zu höheren Risikoaufschlägen, konservativeren Beleihungsquoten und strengeren Auflagen. Betreiber sollten sich auf intensivere Prüfungen einstellen. Gleichzeitig gewinnen Instrumente an Bedeutung, die das Engpassrisiko technisch oder vertraglich abfedern: Batteriespeicher am Netzverknüpfungspunkt, Elektrolyse oder andere flexible Lasten in unmittelbarer Nähe, Direktlieferverträge mit regionalen Abnehmern sowie Betriebsführungskonzepte, die Erträge in Engpassphasen verlagern.
Hybride Projektansätze – Wind plus Speicher plus flexible Last – sind kein Nice-to-have mehr, sondern ein Werkzeug zur Risikoreduktion. Wer Flächen und Netzanschlüsse ohnehin entwickelt, sollte Erweiterungsoptionen planerisch offenhalten.
Der Netzausbau bleibt der eigentliche Flaschenhals
Der zentrale Kritikpunkt der IG Metall Küste ist, dass der Gesetzentwurf keine Beschleunigung beim Netzausbau bringt. Genau dort liegt aber die Ursache der Abregelungen. Eine Verlagerung des Risikos auf Anlagenbetreiber löst den Engpass nicht, sondern verteilt seine Kosten neu. Für die Branche entsteht daraus ein Planungsrisiko doppelter Art: Projekte werden schwerer finanzierbar, ohne dass sich die physische Netzsituation verbessert.
Beteiligung an Konsultationsverfahren zur Netzentwicklungsplanung und der frühzeitige Dialog mit Verteilnetzbetreibern sind kostengünstige Hebel, um eigene Projektinteressen in die Ausbauplanung einzubringen.
Offshore braucht ein investitionsförderndes Ausschreibungsdesign
Über den Redispatch-Vorbehalt hinaus fordert die IG Metall Küste im Bereich der Offshore-Windenergie dringend ein investitionsförderndes Ausschreibungsdesign, „das auf die Realisierung von Projekten und die Stärkung heimischer Wertschöpfung mit tariflich abgesicherten Industriearbeitsplätzen ausgerichtet ist", so Friedrich. Der Hintergrund: Ausschreibungsmodelle ohne Erlösabsicherung haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass bezuschlagte Projekte nicht oder verzögert realisiert wurden. Für Zulieferer, Häfen und Werften an der Küste bedeutet das fehlende Auslastungssicherheit.
Wer Lieferketten plant – ob Fundamente, Kabel, Installationsschiffe oder Serviceverträge – sollte die Ausgestaltung künftiger Offshore-Ausschreibungen aufmerksam verfolgen. Von ihr hängt ab, welche Auftragsvolumina tatsächlich abgerufen werden.
Petition: Industrie und Klimaschutz nicht gegeneinander ausspielen
Im Bündnis mit der „Aktion Wind", einer Projektgruppe von Klimaaktivisten, hat die IG Metall Küste in den Betrieben der Windindustrie eine Petition gegen die Energiepolitik der Bundeswirtschaftsministerin gestartet. „Gemeinsam stehen wir für gute Arbeit, eine nachhaltige Zukunft und eine Energiewende, die das Soziale mitdenkt und dadurch gesellschaftliche Akzeptanz schafft", sagt Friedrich.
Pawel Bechtold, Auszubildender für Mechatronik bei Siemens Gamesa und in der „Aktion Wind" aktiv, ergänzt: „Als ich mit vielen anderen 2019 fürs Klima demonstriert habe, wurde uns gesagt, wir sollen uns lieber einen nachhaltigen Job suchen, statt zu protestieren. Jetzt arbeite ich handfest für Nachhaltigkeit und will als Gewerkschafter und Klimaaktivist durch diese Petition mit dafür sorgen, dass Klimapolitik und gute Industriearbeitsplätze nicht gegeneinander ausgespielt werden."
Die Petition ist unter aktionwind.de erreichbar.
Was jetzt zu tun ist
Für die Branche steht weniger die Frage im Raum, ob Netzengpässe bewirtschaftet werden müssen – sondern wer das Risiko trägt und ob die daraus resultierenden Anreize tatsächlich zu mehr Netzkapazität führen. Solange der Gesetzgebungsprozess läuft, empfiehlt sich ein zweigleisiges Vorgehen:
Kurzfristig: Projektpipelines auf Netzengpassrisiken durchleuchten, Verträge auf Regelungen zur Kostentragung bei Abregelung prüfen, Finanzierungsgespräche mit Szenarienrechnungen unterlegen.
Mittelfristig: Standortstrategien um die Netzdimension erweitern, Flexibilitätsoptionen und Speicher als integralen Projektbestandteil planen, regionale Abnahmestrukturen aufbauen.
Politisch: Die Verbändeanhörungen und das parlamentarische Verfahren nutzen. Der Entwurf ist nicht das Endergebnis – Nachbesserungen beim Redispatch-Vorbehalt und beim Offshore-Ausschreibungsdesign sind in der laufenden Beratung möglich.
Klar ist: Ohne beschleunigten Netzausbau bleibt jedes Erlösmodell für erneuerbare Energien fragil. Diese Botschaft der Küstengewerkschaft trifft einen Punkt, der Planer, Betreiber und Zulieferer gleichermaßen betrifft.