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Ute Bock von Baywa RE: „Versicherer haben klare Anforderungen an technische Standards“

Welche Versicherungen sind notwendig für den Betrieb einer Photovoltaikanlage?

Ute Bock: Aus meiner Erfahrung im internationalen Bereich der Baywa Renewable Energy gehören bestimmte Versicherungen heute zum Standard für einen sicheren Anlagenbetrieb. Dazu zählen die Allgefahrenversicherung, eine Betriebs- und gegebenenfalls eine Umwelt- oder Umweltschaden-Haftpflicht sowie eine Ertragsausfallversicherung, die die entgangenen Erträge im Schadenfall absichert. In den vergangenen Jahren ist zudem die Cyberversicherung immer relevanter geworden, da wir es zunehmend mit digital vernetzten und fernüberwachten Anlagen zu tun haben.

Wovon hängt es ab, welche konkreten Versicherungen abgeschlossen werden?

Der konkrete Versicherungsumfang hängt immer vom Risikoappetit des Betreibers oder Investors und vom Finanzierungsmodell ab. Banken oder institutionelle Investoren verlangen häufig sehr umfassende Deckungen, während rein eigenkapitalbasierte Projekte etwas flexibler sind. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass sich der notwendige Deckungsumfang im europäischen Umfeld stark an der lokalen Gesetzgebung und den regulatorischen Vorgaben orientiert. Einige Länder haben spezifische Anforderungen an Haftpflichtdeckungen, Brandschutz oder elektrische Sicherheit, was direkten Einfluss auf die Versicherungsstruktur hat. Insgesamt empfiehlt es sich daher, den Versicherungsschutz stets projekt- und länderspezifisch zu evaluieren und zu gestalten.

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Welche Unterschiede gibt es bezüglich des Standorts und der Art der Anlage?

Aus meiner Erfahrung hängen die Risikobewertung und damit auch die Versicherungsstruktur stark vom Standort und der Art der Anlage ab. Unterschiedliche Regionen weisen teils deutlich verschiedene Risikoprofile auf. Faktoren wie Diebstahlhäufigkeit, Vandalismusrisiko oder Extremwetterereignisse fließen hier direkt in die Prämiengestaltung ein. Auch abgelegene Freiflächenanlagen werden von Versicherern oft kritischer bewertet, da die Reaktionszeiten bei Alarmen länger sind und die soziale Kontrolle geringer ist. Dachanlagen bringen andere Herausforderungen mit sich, etwa höhere Anforderungen an Absturzsicherung, baulichen Brandschutz und die statische Belastbarkeit des Gebäudes. Insgesamt erlebe ich, dass Standortfaktoren und Anlagentyp sehr stark bestimmen, welche Mindestanforderungen Versicherer stellen und wie umfassend der Schutz ausgestaltet sein sollte.

Welche zusätzlichen Versicherungen würden Sie anraten?

Neben den klassischen Deckungen empfehle ich – abhängig vom Projekt und der Risikobereitschaft – zusätzliche Absicherungen zu prüfen. Dazu gehört insbesondere die Minderertragsversicherung, die gegen witterungs- oder performanzbedingte Abweichungen schützt. In einigen Märkten wird sie inzwischen standardmäßig von Investoren nachgefragt. Bei Neubau- oder Repoweringprojekten hat sich zudem die Kombination aus Bauleistungsversicherung und Delay-in-Start-up-Deckung – DSU – bewährt.

Was ist das?

Die DSU sichert das Risiko ab, dass sich die Inbetriebnahme aufgrund eines versicherten Bau- oder Transportschadens verzögert und dadurch geplante Erträge später fließen. Aus meiner Erfahrung ist diese Absicherung insbesondere bei fremdfinanzierten Projekten oder strengen Power-Purchase-Agreements sehr relevant. Überdies steigt die Bedeutung der Cyberversicherung, primär bei Anlagen, die in virtuelle Kraftwerke eingebunden oder stark fernüberwacht sind. Ergänzend kann eine Umweltschadenversicherung, beispielsweise bei Batteriespeichern, sinnvoll sein. Insgesamt lohnt es sich, diese Zusatzdeckungen projektindividuell zu prüfen, da sie in bestimmten Konstellationen erhebliche finanzielle Risiken abfedern können.

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Welche Bedingungen stellen die Versicherer?

In der Praxis beobachte ich, dass Versicherer zunehmend klare Anforderungen an Sicherheit und technische Standards formulieren. Dazu gehören bei Freiflächenanlagen häufig ein definierter Diebstahlschutz, etwa durch Zaunanlagen, Überwachungssysteme oder Zugangskontrollen. Bei Dachanlagen stehen eher Absturzsicherungskonzepte, die Dokumentation der Arbeitssicherheit und der bauliche Brandschutz im Vordergrund. Versicherer erwarten zudem eine nachvollziehbare technische Dokumentation: Wartungspläne, Inbetriebnahmeprotokolle, Blitz- und Überspannungsschutz sowie Nachweise zur Standsicherheit sind inzwischen gängige Voraussetzungen. Aus meiner Erfahrung führt eine gute technische und organisatorische Vorbereitung des Betreibers zu deutlich besseren Versicherungsbedingungen und in der Regel auch zu wirtschaftlich attraktiveren Konditionen.

Worauf sollten Betreiber oder Investoren beim Abschluss der Versicherung achten?

Aus meiner Sicht sollten Betreiber und Investoren beim Abschluss einer Versicherung besonders auf drei Punkte achten: Erstens, dass der Deckungsumfang wirklich alle relevanten Gefahren abdeckt – inklusive Extremwetter, Überspannung, Tierbiss oder Bedienfehler. Zweitens spielt die Wahl der richtigen Haftzeit in der Ertragsausfallversicherung eine entscheidende Rolle. Bei größeren Anlagen empfehle ich häufig mindestens 12 oder 18 Monate, insbesondere aufgrund der zunehmend längeren Beschaffungszeiten bei Transformatoren oder Wechselrichtern. Ein weiterer Aspekt, der in der Praxis oft unterschätzt wird, sind die Interdependenzen im System, also die Wechselwirkungen zwischen der Photovoltaikanlage, der Substation und dem übergeordneten Netz.

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Das bedeutet, dass der Betreiber schon wissen muss, was er da tut?

Aus meiner Erfahrung kann ein Unternehmen viele der projektnahen Risiken im direkten Einflussbereich gut managen – etwa die Qualität der Installation, Betriebskonzepte oder Sicherheitsmaßnahmen. Aber es bleiben immer Faktoren, die außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegen, etwa Netzinstabilitäten, externe Störungen in der Substation oder regionale Netzengpässe. Genau hier lohnt es sich, sehr genau auf die Formulierungen in der Ertragsausfall- beziehungsweise Betriebsunterbrechungsdeckung zu achten, um Lücken zu vermeiden.

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Und der dritte Punkt?

Drittens empfehle ich, Ausschlüsse und technische Anforderungen sorgfältig zu prüfen. Ein strukturierter Marktvergleich zahlt sich aus, da Versicherer diese komplexen systemischen Risiken sehr unterschiedlich bewerten und entsprechend unterschiedliche Konditionen anbieten. Insgesamt erlebe ich, dass ein gemeinsames Risikobewusstsein aller Stakeholder und ein proaktiver Umgang mit Risikominderungsmaßnahmen in Zeiten des Klimawandels immer wichtiger werden, um Anlagen langfristig resilient und wirtschaftlich erfolgreich zu betreiben.

Die Fragen stellte Sven Ullrich.