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Christoph Siegle von Bauwatch: „Wir überlassen nichts dem Zufall“

Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz Anfang dieses Jahres hat viele aufgeschreckt. Wie verwundbar ist die deutsche Energieinfrastruktur aus Ihrer Sicht?

Christoph Siegle: Ich glaube, der Anschlag in Berlin hat erneut gezeigt, dass wir verwundbar sind. Den meisten Menschen war das überhaupt nicht bewusst. Wir führen zahlreiche Kundengespräche, und es ist teilweise erschreckend – auch für mich als Privatperson –, wie wenig die kritische Infrastruktur in Deutschland geschützt ist. Es reicht teilweise aus, ein einziges Kabel zu kappen, um ein ganzes Umspannwerk lahmzulegen und damit ein Stadtviertel außer Betrieb zu setzen. Einer der wichtigsten Punkte ist deshalb die physische Sicherheit: der Schutz davor, dass jemand diese Infrastruktur überhaupt betreten kann. Mit unseren Systemen können wir nicht nur Umspannwerke, sondern auch Freileitungen absichern.

Wie muss man sich einen solchen Schutz konkret vorstellen? Zaun drumherum, Kameras aufstellen und das Ganze beobachten?

Wir arbeiten grundsätzlich in zwei Varianten. Die erste ist eine gezielte Fallsicherung. Dabei stellen wir unsere Systeme an neuralgischen Punkten auf – etwa an Ein- und Ausgängen oder Zuwegungen, die mit dem Auto erreichbar sind –, um Personen frühzeitig zu erkennen. Die zweite Variante, die immer stärker nachgefragt wird, ist ein vollständiger Perimeterschutz.

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Was ist das?

Dabei positionieren wir unsere Systeme so, dass wir das gesamte Gelände überwachen und wirklich jedes Betreten detektieren können. Gerade die großen Übertragungsnetzbetreiber wollen nichts dem Zufall überlassen und keine 90-Prozent-Lösung, sondern die 100-Prozent-Variante.

Geht es dabei vor allem um Umspannwerke, oder schützen Sie auch Freileitungen – also die Strommasten, die durch den Wald führen?

Wir sichern beides ab. Umspannwerke sind ein zentraler Bereich, aber wir sichern inzwischen auch Freileitungen ab. Wir arbeiten mit den großen Übertragungsnetzbetreibern zusammen. In solchen Fällen stellen wir etwa ein einzelnes System mit Videokamera auf, das gezielt den Mastfuß einer Freileitung überwacht, weil eine Gegend schon als Risikogebiet bekannt ist. Wir sichern ein breites Spektrum energiebezogener und „angreifbarer“ Infrastruktur ab: Von Umspannwerken über Freileitungen bis Solarparks.

Besserer Schutz fürs Netz

Aber greift tatsächlich jemand eine Freileitung an? Die meisten Menschen würden instinktiv sagen: Da fasse ich nichts an.

Das sagen alle mit gesundem Menschenverstand. Aber die Realität sieht anders aus. Am Anfang ging es vor allem um Diebstahl – Kupferkabel sind ein wertvolles Gut. Die Täter haben die Anlagen mit Drohnen ausgekundschaftet. Sie beobachten, wann ein Sicherheitsdienst vor Ort ist, und schlagen dann zu, wenn niemand da ist. Sie graben mit Schaufeln und Äxten die Erdungskabel eines Umspannwerks aus, hacken Leitungen durch und verschwinden. Oft sind sie schnell im Ausland und verkaufen das Material dort.

Was richtet solch ein Vorfall finanziell an?

Der reine Materialwert des gestohlenen Kabels ist für die großen Betreiber gar nicht das Hauptproblem. Aber wenn ein Umspannwerk ausfällt, entstehen enorme Kosten – bei großen Anlagen können schnell sechsstellige Schadenssummen am Tag entstehen. Einen solchen Ausfall kann sich heute eigentlich niemand mehr leisten.

Der Berliner Blackout offenbart gravierende Systemfehler

Wenn ein Unternehmen einen Perimeterschutz aufbauen will, wie gehen Sie dann vor? Kann man einfach anrufen und zwei Überwachungstürme bestellen?

Genau das machen wir nicht. Wir sind kein klassischer Turmvermieter, bei dem man am Telefon bestellt. Wenn es um kritische Infrastruktur geht, müssen wir vor Ort sein und das Projekt individuell planen. Bodenunebenheiten spielen eine Rolle, Sichtachsen, und gerade bei Umspannwerken müssen wir einen bestimmten Abstand zu den Leitungen einhalten, damit es keinen Überschlag gibt. Wir arbeiten mit Erdungen, damit der Kunde sicher ist. Wir bieten zunächst eine kostenfreie Beratung an, nachdem wir das Gelände gemeinsam mit den Projektleitern und Standortverantwortlichen besichtigt haben. Daraus entwickeln wir ein individuelles Sicherheitskonzept. Wir haben dazu ein komplettes Prozessmanagement, das diesen ganzen Prozess abbildet.

Die Fragen stellte Sven Ullrich.

Im zweiten Teil unseres Interviews mit Christoph Siegle, der am Freitag erscheint, erfahren Sie, mit welcher Technik der Schutz der kritischen Infrastruktur organisiert wird. Im dritten Teil erklärt Christoph Siegle, wie auch der Schutz von Solaranlagen vor Dieben gelingt.