Berlin erlebt dieser Tage, was man sonst aus Krisenregionen kennt: kalte Wohnungen, dunkle Straßen, geschlossene Schulen, improvisierte Notunterkünfte. Mehr als 30.000 Haushalte sind Anfang Januar 2026 noch immer ohne Strom, Tage nach einem gezielten Brandanschlag auf eine zentrale Stelle des Netzes. Krankenhäuser kommen nur dank Notstromaggregaten über die Runden, Pflegebedürftige werden zu Risikofällen, Hilfsorganisationen verteilen Suppe. Und während die Politik Betroffenheit zeigt und härtere Sicherung verspricht, wird das eigentliche Problem sorgsam umgangen: Dieses Netz ist nicht nur schlecht geschützt – es ist grundsätzlich falsch konstruiert.
Denn ein Stromsystem, das durch den Angriff auf wenige Kabel zehntausende Menschen ins Kalte schickt, ist kein modernes Infrastrukturnetz. Es ist ein Relikt. Wir betreiben unsere Energieversorgung noch immer nach der Logik des 20. Jahrhunderts: zentral, hierarchisch, anfällig. Große Knotenpunkte, große Leitungen, große Verwundbarkeit. Wer einen dieser Schmerzpunkte trifft, trifft alle. Genau das ist in Berlin passiert.
Mehr Schutz, dickere Zäune, Kameras
Die reflexhafte Antwort lautet nun: mehr Schutz, dickere Zäune, Kameras, Beton. Doch das ist Sicherheitsfolklore. Man kann ein grundsätzlich fragiles System nicht robust machen, indem man es einmauert. Die entscheidende Lehre lautet: Nicht die Leitung war das Problem, sondern die Abhängigkeit von ihr.
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Wir müssen uns von der Illusion verabschieden, dass ein zentral gesteuertes Stromnetz in einer dezentralen Energiewelt noch funktionieren kann. Die Realität ist längst eine andere: Strom entsteht heute überall – auf Dächern, in Hinterhöfen, auf Feldern, in Quartieren. Er schwankt, er fließt mal hierhin, mal dorthin. Und trotzdem versuchen wir, diese neue Wirklichkeit mit einer Steuerungslogik zu bändigen, die darauf ausgelegt ist, dass wenige große Kraftwerke gleichmäßig liefern und alle anderen nur empfangen. Das ist, als wolle man den Berliner Verkehr von einer einzigen Leitstelle aus regeln – minutengenau, straßenübergreifend, ohne lokale Entscheidungen. Absurd.
Die Alternative liegt auf der Hand und wird seit Jahren diskutiert, aber politisch verschleppt: autonome, modulare Netze. Nicht autark, nicht abgeschottet, sondern eigenständig handlungsfähig. Netze, die lokal und regional entscheiden können, wie Strom erzeugt, verbraucht, gespeichert oder weitergeleitet wird. Netze, die miteinander kooperieren, statt blind an einem zentralen Nerv zu hängen. Netze, die im Normalbetrieb frei optimieren – und im Krisenfall nicht kollektiv kollabieren.
Lokale Erzeuger hätten lokal versorgt
Hätte Berlin solche Strukturen, sähe die Lage heute anders aus. Ein betroffener Netzbereich hätte sich abkoppeln können. Lokale Erzeuger hätten lokal versorgt. Nicht alles wäre hell gewesen – aber vieles. Vor allem wäre der Schaden begrenzt geblieben. Genau das ist der Kern von Resilienz: nicht der Glaube an die Unverletzlichkeit, sondern die Fähigkeit, Ausfälle zu verkraften.
Stattdessen haben wir ein System geschaffen, das maximale Effizienz im Idealfall verspricht und maximale Katastrophe im Ernstfall liefert. Und wir wundern uns ernsthaft, dass es in Zeiten von Extremwetter, Cyberbedrohungen und gezielten Anschlägen versagt? Das ist nicht naiv, das ist fahrlässig.
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Besonders bitter ist, dass die technischen Voraussetzungen für autonome Netze längst existieren. Digitale Messsysteme, intelligente Steuerungen, Prognosen für Erzeugung und Verbrauch – all das ist verfügbar. Was fehlt, ist der politische Wille, die regulatorischen Anreize zu verändern. Netzbetreiber verdienen ihr Geld noch immer damit, möglichst viel Strom durch ihre Leitungen zu schicken. Wer lokal ausgleicht, Verluste vermeidet und Durchleitungen reduziert, wird dafür kaum belohnt. Effizienz wird am falschen Ort gemessen.
Was Planer tun können, wenn kaum noch Netzkapazitäten verfügbar sind
Dabei wäre gerade jetzt der Moment, umzusteuern. Nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch aus demokratischen. Denn wer will wirklich, dass eine zentrale Instanz entscheidet, wann in Berlin geduscht, geheizt oder geladen wird? Wer akzeptiert, dass Strom aus dem eigenen Kiez exportiert wird, während nebenan die Lichter ausgehen, nur weil es das System so vorsieht? Autonome Netze bedeuten auch: mehr Kontrolle vor Ort, mehr Transparenz, mehr Akzeptanz.
Stromausfall wird politisch schnell abgeheftet
Der Berliner Stromausfall wird politisch schnell abgeheftet werden – als Tat extremistischer Täter, als Sicherheitsproblem, als Einzelfall. Das ist bequem und falsch. Er ist ein Menetekel. Er zeigt, wie verwundbar eine hochentwickelte Metropole ist, wenn sie ihre kritischste Infrastruktur an ein überholtes Prinzip kettet. Wer jetzt nur repariert und absichert, statt umzubauen, handelt verantwortungslos.
Die Frage ist nicht, ob es wieder passiert. Die Frage ist nur, wann – und wie groß der nächste Radius der Dunkelheit sein wird. Autonome Netze sind kein Luxusprojekt für Ingenieure, sie sind die Grundbedingung für Sicherheit im 21. Jahrhundert. Berlin friert – und das ist die Quittung dafür, dass wir diese Wahrheit zu lange ignoriert haben.
Silke Reents