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„Abregeln darf kein Geschäftsmodell sein“ – RWE-Chef Krebber zu geleaktem Netzpaket

Ein geleaktes Netzpaket sorgt bereits vor dem offiziellen Start der politischen Beratungen für Unruhe in der Energiewirtschaft – und liefert den inhaltlichen Aufschlag für die Auftaktpressekonferenz der E‑World Energy & Water 2026 in Essen. Im Zentrum der Debatte: die Frage, wer künftig für die Kosten der Abregelung von Strom aus erneuerbaren Energien aufkommen soll, wenn die Netze ausgelastet sind. Markus Krebber, Vorstandsvorsitzender der RWE AG, findet dazu ungewöhnlich klare Worte – und stellt eine zentrale Annahme der bisherigen Diskussion infrage.

Krebber: Kosten der Abregelung gehören zu den Netzbetreibern

Ausgangspunkt von Krebbers Überlegungen ist ein strukturelles Problem des deutschen Energiesystems: Der Ausbau der erneuerbaren Erzeugung und der Netzausbau laufen nicht synchron. Die Folge sind steigende Redispatchkosten für Strom, der zwar produziert, aber wegen fehlender Netzkapazitäten nicht transportiert werden kann.

Krebber warnt davor, diese Kosten reflexartig den Erzeugern oder am Ende den Kunden aufzubürden. Das führe zu Fehlanreizen und gefährde den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien. Statt über „Fairness“ zu sprechen, müsse man die Frage stellen, wo das Problem tatsächlich gelöst werden kann. Seine Antwort ist eindeutig: beim Netz.

Nach Krebbers Auffassung wäre es falsch, die Abregelungskosten pauschal auf die Erzeugerseite zu verlagern. Er argumentiert, dass Erzeuger das Netzproblem faktisch gar nicht lösen könnten. Wenn Investoren zusätzliche Baukostenzuschüsse zahlen müssten, das Netz aber dennoch nicht rechtzeitig gebaut werde und sie anschließend auch noch die Kosten für Redispatch tragen sollen, entstehe massive Unsicherheit. Diese Unsicherheit wiederum bremse Investitionen – mit potenziell gravierenden Folgen für den Ausbau erneuerbarer Energien.

Stattdessen plädiert Krebber für eine klare Verantwortungszuordnung: Wenn Abregelungskosten neu verteilt würden, müssten sie bei den Netzbetreibern liegen – ohne Möglichkeit, sie an die Kunden weiterzureichen. Nur so entstehe der richtige ökonomische Impuls, Netze schnell, effizient und bedarfsgerecht auszubauen. Alles andere laufe auf eine „komplette Fehlsteuerung“ hinaus: weniger Erzeugungsausbau, kein Beschleunigungseffekt beim Netzausbau – und am Ende höhere Systemkosten.

Zugleich betont Krebber, dass es durchaus sinnvoll sei, Investoren Anreize zu geben, dort zu bauen, wo Netzanschlüsse vorhanden oder kostengünstig seien. Modelle, bei denen höhere Netzanschlusskosten an ungünstigen Standorten zu höheren Eigenbeiträgen führen, könnten zu einem ökonomischen Optimum beitragen. Die pauschale Verlagerung von Redispatch-Kosten auf die Erzeugung, wie im Netzpaket des Bundeswirtschaftsministeriums vorgesehen, lehnt er jedoch entschieden ab.

Jubiläumsmesse mit Rückenwind

Diese energiepolitisch brisanten Fragen bilden den inhaltlichen Rahmen für die E‑World: 2026 feiert Europas Leitmesse der Energiewirtschaft ihr 25‑jähriges Jubiläum. Was einst mit einer halben Halle begann, ist heute eine vollständig ausgebuchte Großveranstaltung.

Zur Eröffnung richtet sich zunächst die Messeleitung an die Presse. Die Zahlen unterstreichen den Wachstumskurs: über 1.100 Aussteller, ein Plus von rund 15 bis 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr, belegen erstmals alle sechs Messehallen. Rund 30 Prozent der Aussteller kommen aus dem Ausland, Besucherinnen und Besucher aus über 80 Nationen werden erwartet. Die E‑World festigt damit ihren Platz im internationalen Messekalender der Energiewirtschaft.

Besonderes Augenmerk legt die Messe 2026 auf Innovationen. Der Innovationsbereich in Halle 4 wächst um rund 40 Prozent und bietet Start-ups und jungen Unternehmen eine größere Bühne. Thematisch spannt die E‑World den Bogen von klassischer Energieerzeugung über Netze, Handel und Vertrieb bis hin zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, Energiesicherheit, Wasserstoffwirtschaft und Speichertechnologien.

Mona Neubaur: Energiewende als Standort- und Wettbewerbsfaktor

Nach der Messeleitung übernimmt Mona Neubaur, Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein‑Westfalen, das Wort. Sie beschreibt die E‑World als jährlichen „Realitätscheck“ der Branche – einen Ort, an dem entschieden werde, was funktioniert, wo es hakt und wie aus Ideen Lösungen werden.

Für Neubaur ist klar: Die Energiewende ist kein Zukunftsprojekt mehr, sondern Standort‑, Wettbewerbs‑ und Sicherheitsfaktor. Entsprechend hoch seien die Anforderungen an politische Rahmenbedingungen. Besonders 2026 bezeichnet sie als Schlüsseljahr für das Energiesystem – mit entscheidenden Weichenstellungen bei Kapazitätsmechanismen, Netzzugang, Netzausbau und Marktregeln.

NRW als Spitzenreiter beim Windausbau

Mit Blick auf die Windenergie verweist Neubaur selbstbewusst auf die Rolle Nordrhein‑Westfalens. Das Land sei inzwischen Spitzenreiter beim Ausbau der Windenergie. Der Fortschritt sei so deutlich, dass es mittlerweile sogar Lob von Seiten der Erneuerbaren‑Verbände gebe. Für Neubaur ein Zeichen, dass konsequente politische Steuerung Wirkung zeigt.

Gleichzeitig macht sie deutlich, dass es nicht bei symbolischen Erfolgen bleiben dürfe. Der weitere Ausbau sei zwingend notwendig, denn Zeit und Spielräume würden knapper. Der Netzausbau müsse mit der Dynamik der Erzeugung Schritt halten – sonst drohten genau jene Probleme, die Markus Krebber beschreibt.

Für Neubaur ist klar: Die Schritte werden größer – aber der Zeitdruck ebenso. Ein Abbremsen beim Netzausbau oder bei den Ausbauzielen der Erneuerbaren hält sie für den falschen Weg. Kurzfristiges Sparen an der falschen Stelle führe langfristig zu höheren Kosten und verschiebe Probleme lediglich in die Zukunft.

Grünen Wasserstoff bezeichnet sie als unverzichtbaren Baustein für Versorgungssicherheit und Klimaneutralität. Im Zentrum stehen dabei die Kraftwerksstrategie des Bundes und der geplante Zubau neuer steuerbarer Kapazitäten. Die Einigung mit der EU‑Kommission beim EU Delegated Act (Delegierter Rechtsakt) zu grünem Wasserstoff bezeichnet sie als wichtigen Schritt hin zu Investitionssicherheit. Das Regelwerk definiert, unter welchen Bedingungen Wasserstoff in der EU als „grün“ gilt. Er konkretisiert die Anforderungen der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED II). Entscheidend sei nun laut Neubaur jedoch die konkrete Ausgestaltung – und vor allem das Tempo. Nach Neubaurs Auffassung müssen erste Ausschreibungen zum Beispiel für Elektrolyseure noch im Sommer erfolgen. Geschwindigkeit sei kein „Nice to have“, sondern systemkritisch. Solche Ausschreibungen könnten darauf abzielen, den Markthochlauf zu beschleunigen, Produktionskapazitäten zu skalieren und die Infrastruktur aufzubauen.

Gleichzeitig formuliert sie klare Anforderungen an neue Gaskraftwerke. Diese müssten perspektivisch auf Wasserstoff umrüstbar sein. Neubaur widerspricht dabei ausdrücklich dem Vorwurf ideologischer Motivation: Die Forderung nach Wasserstofffähigkeit sei keine grüne Ideologie, sondern schlichte Marktwirtschaft. Ohne verlässliche Abnehmer könne ein Wasserstoffnetz niemals wirtschaftlich betrieben werden.

Ebenso wichtig sei der richtige Standort der neuen Anlagen. Kraftwerke müssten dort entstehen, wo sie systemisch gebraucht würden: in Regionen mit wegfallenden Kapazitäten und in der Nähe von Verbrauchsschwerpunkten – also auch in Nordrhein‑Westfalen. Dasselbe gelte für den geplanten Kapazitätsmechanismus: technologieoffen, aber am Ende koste es, was es koste – entscheidend sei der kosteneffizienteste Weg.

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Neubaur verbindet den Wasserstoffhochlauf eng mit der Industrie des Landes. Die Energiewirtschaft in NRW schaffe die Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg in Deutschland und Europa. Diese Grundlage müsse langfristig gesichert werden – durch Planbarkeit, verlässliche Rahmenbedingungen und einen konsequenten Ausbau der Infrastruktur.

E‑World als Schaufenster der Transformation

Die E‑World 2026 bildet für all diese Themen den passenden Rahmen. In sechs Hallen präsentieren internationale Energieversorger, Industrieunternehmen, IT‑Anbieter, Forschungseinrichtungen und Start‑ups ihre Lösungen – von Netz‑ und Infrastrukturtechnologien über KI‑Anwendungen bis hin zu Wasserstoff‑ und Speicherprojekten. Ergänzt wird die Ausstellung durch ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Fachforen, Branchenevents und neuen Austauschformaten wie dem Tag der Kommunen.

Die Messe zeigt, dass die Energiewende nicht nur politisches Projekt ist, sondern längst wirtschaftliche Realität. Investitionen, Innovationen und Geschäftsmodelle sind vorhanden – nun kommt es darauf an, die richtigen Anreize zu setzen.