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Wind Energy Hamburg

Warum die Pandemie der Windindustrie nichts anhaben kann

Die Stimmung bei Europas größter digitaler Windkraftkonferenz könnte ohne Covid-19 besser sein. Doch die Branche zeigt sich widerstandsfähig.

Tilman Weber

Die Windenergie-Konjunktur erweise sich weltweit als „sehr widerstandsfähig“, gab der Chef der Weltwindenergieorganisation Ben Backwell als Botschaft für die am Dienstag gestartete dreitägige Online-Konferenz aus. Der CEO des Weltwindenergierats GWEC erinnerte in der digitalen Pressekonferenz vor Start des Fachvortrags- und Diskussionsprogramms der Wind Energy Hamburg an die von GWEC schon Anfang November verbesserte Prognose: Zu Beginn der Covid-19-Pandemie im Frühjahr hatte GWEC die eigene Markteinschätzung aus dem ersten Quartal noch deutlich um 20 Prozent nach unten korrigiert. Nun aber falle diese Einschätzung wieder deutlich positiver aus, betonte Backwell. Der negative Einfluss durch die weltweiten Konjunkturkrise infolge der Coronapandemie auf Investitionen und Installationen werde vermutlich nicht einmal ein Drittel so stark sein. Seit Anfang November erwartet GWEC für 2020 nämlich einen Windparkneubau auf einem Niveau, das nur noch sechs Prozent unterhalb die Erwartungen fällt, die GWEC zu Anfang 2020 hatte.

Demnach werden im Gesamtjahr 2020 Neuinstallationen von 71,3 Gigawatt (GW) Windkraft anstelle der Anfang 2020 noch erwarteten 74,1 GW vollbracht sein. Zudem holt die Windbranche gemäß der GWEC-Neuprognose verschobene Projekte 2021 bereits mehr als nach. So werden die Investoren im kommenden Jahr global 78 GW neu an die Netze bringen. Anfang 2020 war bei GWEC noch von 71,4 GW neuer Windparkleistung die Rede. Allerdings erwartet die Organisation für die Folgejahre 2022 und 2023 eine Ausbaudelle mit 66,7 und 62,5 GW und auch für 2024 nur ein leichtes Widerauffrischen des Marktes bei 69,7 GW. Ein Rückgang der Ausbauaktivitäten war zwar schon im früheren Szenario abzusehen. Doch nun fällt die Prognose für 2022 bis 2024 sogar noch ein klein wenig schlechter aus.

GWEC-CEO Backwell erklärte zur Einstimmung auf das virtuelle Branchentreffen dennoch, warum sich die Windenergie-Branche seiner Meinung nach auf tief reichende Grundlagen stützen kann. Dazu zähle die wertvolle Unterstützung durch viele Regierungen, die Netto-Null-Emissionsziele bei den CO2-Emissionen ankündigten – oder starke Reduzierungen des Ausstoßes von für den Klimawandel verantwortlichem Kohlendioxid (CO2). Alleine in Asien eröffne sich hiermit durch Japan, Südkorea, China und weitere Länder „eine wirklich aufregende Periode“.

Kurzfristig wirke dabei der 2021 auslaufende Windstrom-Einspeisetarif in China noch als Beschleuniger des Ausbaus. Die Investoren wollen hier demnach noch möglichst alle weit gediehenen Projekte vor dem Stichtag am Jahresende in Betrieb gehen lassen, bevor der vorteilhafte Einspeisetarif nicht mehr zu erreichen ist. Aber auch in den USA ende die bisherige Einspeiseförderung nach 2021 – mit demselben positiven Vorzieheffekt für Windparkprojekte. Somit werde ein Hochbetrieb gerade in den beiden weltweit größten Windenergiemärkten zu beobachten sein.

Allerdings kritisierte Backwell auch, dass die Politik gerade mit ihren beschlossenen staatlichen Pandemie-Erholungsprogrammen eine sehr kurzfristige Art und Weise der Energiewendeförderung einschlagen könnte. Dabei frage gerade die Windindustrie nicht nach einem Bail-Out, nach einer Rettung durch große schnelle staatliche Investitionen oder Hilfsgeldüberweisungen. Anders als Unternehmen, die ihre Produktion mit fossilen Energiequellen betreiben, begegneten Erneuerbare-Energie-Unternehmen nun einem großen Appetit von Investoren. Die Windkraftwirtschaft brauche daher „Erleichterungen für Investitionen“ statt staatlicher Stimulierung der Konjunktur durch Subventionen.

Unabhängig von zweifelhaften kurzfristigen politischen Vorgaben sieht auch der GWEC-Mann die Windkraft weltweit mit guten Vorzeichen. So setzten Regierungen überall auf die Windenergie, um die von ihnen für 2050 festgelegten Klimaschutzziele ausreichend schnell erreichen zu können. „Die Regierungen werden sich zu einem großen Teil der Windenergie zuwenden“, sagte Backwell, weil sie „in großen Kapazitäten verfügbar“ ist und Windparks „in großen Dimensionen bewährt“ seien. Als Beispiel für diesen Trumpf der Windkraft nannte Backwell China: Hier seien in Peking 400 Unternehmen zu Gesprächen mit der Regierung über den nächsten nationalen Fünf-Jahres-Wirtschaftsplan zusammengekommen. Sie hätten dort dargelegt, was die Windkraft-Industrie beim Umbau der Volkswirtschaft zu einer kohlenstoffneutralen Gesellschaft leisten könne.

Millionen Jobs weltweit würden die Emissionsminderungsziele der internationalen Staatengemeinschaft so durch Windkraftausbau generieren können, sagte Backwell. Es benötige hierfür nur die Klarstellung der Politik, dass die Investitionen hierfür künftig schneller erfolgen könnten.

Die aufregendsten Windenergiemärkte in der näheren Zukunft sowie in den nächsten Jahrzehnten sieht der Weltwindenergie-Chef-Vertreter indes in Asien. Hier gebe ein hoher Energiebedarf infolge wirtschaftlichen Wachstums bei zugleich wachsender Bevölkerung den Takt vor. So werde auch bei der Meereswindkraft ohne Zweifel China zum größten Markt. Auch Indien werde beim Windenergieausbau immer wichtiger, weil der Bedarf zum Ersatz der im Lande noch herrschenden Kohleverstromung groß sei. Andere Länder, die beim Windkraftausbau sowohl an Land, als auch offshore zunehmend wichtig werden, seien Vietnam, Philippinen, Indonesien, Thailand, Taiwan, Japan und Südkorea.

Der Chef des europäischen Windenergieverbandes Wind Europe, Giles Dickson, sieht derweil den sogenannten Green Deal der Kommission der Europäischen Union (EU) als wichtigen Treiber für die kommenden Jahre an. Er verwies auf die Ziele der EU-Kommission für den Windkraftausbau, mit denen die oberste EU-Behörde den Green Deal zur Wirklichkeit werden lassen will. So wolle die EU-Kommission die Kapazität der Windkraft bis 2050 von heute rund 200 Gigawatt installierter Windkraft an Land und auf See auf dann das Sechsfache beziehungsweise auf 1.200 GW anwachsen lassen. Demnach werde der Anteil der Offshore-Windkraft zwar deutlich zunehmen. Doch den größten Zuwachs erwartet Wind Europe bis 2050 bei der Windstrom-Erzeugungskapazität an Land mit bis dann installierten 750 GW, dem Vierfachen der heute bestehenden Onshore-Windkraftkapazität des Kontinents.

Selbst die Internationale Energieagentur IEA rechne für 2050 mit einem Anteil der Windkraft von 50 Prozent an der europäischen Stromversorgung. Der wirtschaftliche Beitrag der Windkraft zum Bruttosozialprodukt in Europa werde gemäß einer jüngst von Wind Europe veröffentlichten Studie schon 2030 gemäß den bisher schon bestehenden und beschlossenen Gesetzen ein Jahresniveau von 37 Milliarden Euro erreicht haben. Und falls die nationalen Regierungen noch ihre Zusagen in den Nationalen Energie- und Klimaschutzplänen erfüllen würden, würde sich der Beitrag auf 50 Milliarden Euro belaufen. Aus heute 250.000 Arbeitsplätzen würden bis 2030 rund 450.000 Arbeitsplätze warden können, betonte Dickson.

Die Regierungen in Europa müssten allerdings drei Aufgaben erledigen, damit die Windkraftkonjunktur hierdurch aufblühe: So müssten sie erstens Regeln und Verfahren für die Genehmigung neuer Windparks vereinfachen, zweitens die Sichtbarkeit der Ausschreibungsfahrpläne für neue Windparks erhöhen und drittens die Elektrifizierung der Energieversorgung auch in den Bereichen Verkehr und Wärmeversorgung erhöhen.

Dabei stünden die Vorzeichen in der EU nun gut, sagte Dickson. Er verwies auf ein EU-Gesetz, das im Juni 2021 wirksam werde. Demnach dürfen Genehmigungsverfahren für neue Windparks vom ersten Antrag bis zur finalen Genehmigung maximal zwei Jahre beanspruchen. Bei Repowering, dem Austausch alter gegen neue leistungsfähigere Windenergieanlagen, darf es demnach zudem nur ein Jahr dauern. Auch das Prinzip des One-Stop-Shops werde kommen: Dass sich Genehmigungen mit dem Kontakt zu nur einer einzigen Behörde bewerkstelligen lassen.

Dickson warb erneut für die Einführung der Differenzkostenvergütung als europaweites Prinzip für Offshore-Windparks. Diese Vergütung sei das beste Design für die Ausschreibungssysteme für Offshore-Windparks derzeit. Die sogenannten Contracts for Difference (CFD) garantierten der Politik die für sie billigsten Verfahren, weil die Länder an steigenden Strompreisen mitverdienten und andererseits die Banken als Geldgeber für Offshore-Windkraft eine für sie sichere Investition beliehen. Offshore-Windparks könnten damit günstige Stromgestehungskosten von nur noch 15 Euro pro Megawattstunde (MWh) beziehungsweise 1,5 Eurocent pro Kilowattstunde erreichen. Auktionen hingegen mit sogenannten Null-Cent-Geboten – die Investoren verlangen keine garantierten Vergütungen oberhalb der Strommarktpreise – trieben die Stromgestehungskosten aufgrund der höheren Kreditpreise bei den Banken auf 92 Euro pro MWh.

Alleine aber der wachsende Stromverbrauch durch die Elektrifizierung der Energieversorgung werde die Windkraft befeuern, betonte Dickson. So habe die Stromerzeugung einen Anteil von 23 Prozent an der heutigen Energieversorgung Europas. 2050 dürfte sie, geht es nach Wind Europe, einen Anteil von 62 Prozent erreichen, deren Erzeugung dann aus Wind-, Solar- und Bioenergieanlagen komme.

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